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Tod unter Bäumen
13.09.2006 19:10
DAVID SANSRAISON
David Sansraison

Tod unter Bäumen

Familie, Bäume und Ameisen
Jetzt war es soweit, er wurde hinausgeschoben, er, der Kranke, der Bettlägerige, der, über den nur noch flüsternd gesprochen wurde. Es sollte ihm noch einmal etwas vergönnt sein, in seinem langsam verblassenden Leben.
An diesem Sonntagmorgen im Juni war es windstill und draußen genauso warm wie drinnen. Eine gute Gelegenheit, die Kranken in den Park des Sanatoriums zu schieben, und sie für ein paar Stunden alleine zu lassen, mit sich und dem strahlend blauen Himmel. Alleine in der lachenden Natur, die dabei war, erwachsen zu werden. Jugend zwischen kindlichem Frühling und adultem Sommer.

Für den Sterbenden hatten die guten Schwestern den Platz unter der alten Linde ausgesucht, schattig und lau, umgeben von Vogelstimmen, dem leisen Flüstern der Blätter und geschützt von einem mächtigen Baum, der doppelt so alt war wie er und vor Leben strotzte.

Wie schrecklich dem Röchelnden zumute war, als die Schwestern ihn alleine ließen. Wie einsam, er konnte keinen der anderen Kranken sehen, die wahrscheinlich unweit von ihm unter anderen Bäumen lagen und genauso viel Angst hatten wie er.

Fremd fühlte er sich, das Zwitschern der Vögel klang in seinen Ohren wie Spottgesänge auf sein eingefallenes Gesicht und über seine wässrigen Augen. Die Blumen um ihn herum verhöhnten seine grauen Wangen. Diese nur scheinbar liederlichen Wesen, die es schafften, die strahlendsten Farben hervorzubringen, selbst wenn ihnen nicht mehr zum Leben blieb, als die mit Dreck gefüllte Ritze zwischen zwei schmucklosen Steinen am Wegesrand. Der Duft, den die ansonsten unscheinbaren Blüten des großen Baumes verströmten, trieb ihm das Gefühl tiefer Scham in die Brust. Was für ein elender Fremdkörper er doch war, in dieser perfekten Welt aus Licht und grünen Blättern, wie musste er die klare Luft verpesten mit seinem Gestank nach Desinfektionsmittel, Urin und faulem Atem.

Mit zitternden, fleckigen Händen zog der Sterbende die weiße Krankenhausdecke hoch bis zum Kinn. Sein Bett war ihm geblieben. Er würde es nicht mehr verlassen, es war sein Kahn, der ihn schon bald über den Fluss setzen sollte. Ein weißes Geisterschiff, das bereits durch eine unsichtbare Glocke getrennt war, von der lebendigen Welt die es umgab.

„Da hinten steht er, dort ist Opa!“ gellte es vom nahe gelegenen Sanatoriumsgebäude herüber und fünf Gestalten, zwei große und drei kleinere, begannen, sich aus dem Licht zu ihm in den Schatten zu bewegen.

„Hallo Papa, wie geht es Dir? Ist es nicht ein wundervoller Tag heute? Und was für ein herrlicher Park, direkt schade, dass wir nicht schon früher einmal hier waren, aber wir hatten einfach keine Zeit.“

„Ihr seid also doch gekommen, nun, ich bin froh, wenn ich hier draußen nicht alleine sein muss.“ Hatte es sein Sohn also doch getan. Drei Monate hat es ihn gekostet, erst sich selbst und dann seine Frau und die drei Enkel zu überreden, zumindest einmal den Opa zu besuchen.

„Ihr hättet Euch die Mühe nicht machen sollen, außer einem alten Mann in einem Bett gibt es hier nichts zu sehen.“

„Sag nicht so was, Schwiegerpapa, das ist doch keine Mühe, wir waren ohnehin in der Gegend, wir wollen später noch zu Petra und Karl zu Kaffee und Kuchen. Da ist es gar nicht schlecht, wenn sich die Kinder vorher etwas im Park austoben können.“

„Ja Kinder, geht nur, spielt im Park, ich unterhalte mich derweil mit Eurem Papa und Eurer Mama.“

Der Sterbende, der Arbeitende und die Mutter schauten für eine Weile still den Aufwachsenden zu, wie sie zwischen Rosenbögen, Blumenbeeten und Springbrunnen umher liefen.

„Nun, wie geht es Dir, Papa, was sagen die Ärzte, kannst Du bald zu uns nachhause kommen?“

„Ist schon gut mein Junge, die Ärzte sagen von Visite zu Visite weniger und ich bin ein alter Mann. Was gibt es da zu sagen? Früher oder später werde ich einschlafen und nicht mehr aufwachen.“

„Was redest Du für einen Unsinn, würde es Dir wirklich schlecht gehen, würden Dich die Ärzte nicht in den Park lassen“ sagte die Schwiegertochter kopfschüttelnd und überwand sich dabei zu einem Lächeln.

„Koschinski, mein Bettnachbar wurde letzten Sonntag in den Park geschoben, am Montagmorgen war das Bett neben mir leer und blieb es auch. Aber was soll’s, wer gehen muss, der hat zu gehen.“

„Papa, in was für einer üblen Stimmung Du bist. Du bist 79 Jahre und willst aufgeben, das ist falsch, andere Leute in Deinem Alter fahren samstags noch ihr Gemüse mit dem Fahrrad zum Markt. Denk doch nur an Frau Greber, unsere Nachbarin, die hat mit 85 noch einen Ballonflug gemacht. Das steht Dir alles noch bevor.“

„Gott behüte. Aber lass uns für einen Moment offen reden, mein Junge, ihr müsst Euren Sonntag nicht am Bett eines alten Mannes verbringen, der sein Leben lang einen Dreck auf Euch gegeben hat. Kümmere Dich um Deine Familie und darum, dass Du eines Tages nicht alleine bist.“

„Was soll das heißen, einen Dreck. Mutter, meinen Schwestern und mir ist es immer gut gegangen, Du hast uns mit allem versorgt und dafür sind wir Dir dankbar.“

„Aber Junge, es hat Dich doch nie gekümmert, woher das Geld kam, bis Du es selber verdient hast und das ist auch gut so. Seitdem ihr aus den Strampelhosen raus seid und Marlene von meiner hübschen Braut zu Eurer Mutter wurde, ward ihr doch nur noch Zahlen auf meinem Steuerausgleich und das weißt Du auch. Warum sollte sich das jetzt ändern?“

„Weil Du mein Vater bist und immer warst, wie viele Jahre unseres Lebens haben wir uns nicht gesehen, wir Vater und Sohn.“

„Was hast Du für neue Flöhe im Ohr, wir sind Männer, seit Du deine ersten eigenen Brötchen verdient hast, hielt uns nichts mehr zusammen und da ist auch nichts Falsches dran. Darum bitte ich Euch, geht nur, geht.“

Etwas betreten noch, aber insgeheim froh, unvermutet aus der Sache herausgekommen zu sein, sammelten der Arbeitende und die Mutter ihren Nachwuchs ein, winkten noch einmal zum Baum hinüber und verschwanden im Gebäude des Sanatoriums.

Er hatten einen guten Sohn, der verstand, was man meinte, auch wenn man wenig sagte. Schade, dass er aufs Ende zu doch noch einmal eingeknickt war und diesen Besuch für nötig gehalten hat. Das war ein Zeichen der Schwäche, nach all den Jahren sturen Schweigens zwischen ihnen. Jetzt konnte er nicht mehr stolz auf ihn sein. Aber das war jetzt auch egal, außer der Pflegeversicherung, die ihm das Sterben in einem noblen Schweizer Sanatorium ermöglichte, hatte er nichts zustande gebracht. Er konnte zufrieden sein. Denn außer seiner Familie hatte er auch nichts wirklich vergeigt.

Er drehte den Kopf zur Seite, sodass ein Auge vom Kissen verdeckt wurde und er mit dem anderen die Ameisen beobachten konnte. Die Ameisen, die fleißig mit leeren Rücken auf den Baum kletterten und mit leeren Rücken wieder herunter kamen.

Was machten die bloß da oben? Wahrscheinlich besuchten sie ihre kranken Eltern.
Der Sterbende lächelte über diesen Witz und stieß einen letzten Schwall stinkenden Atem in die blühende Welt an diesem Junimorgen.

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der d-iskant von helgoland | 14.09.2006 15:52Antworten
geschätzter böckle,
ein düsterer text ist ihnen da gelungen, mit sehr schönen bildern ("Die Blumen um ihn herum verhöhnten seine grauen Wangen.")...besonders bemerkenswert ist die unaufgeregtheit des geschilderten, der schrecken kommt sozusagen zwischen den zeilen...wie die ameisen...


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