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Das Stiegenhaus
05.11.2006 14:12
G. HUNRUS
G. Hunrus

Das Stiegenhaus

oder: Eine Spinne hat acht Beine
Eine Spinne hat acht Beine, aber nur ein Leben, dachte Stanko Pribiscil als er das dürre Weberknechtweiblein unter dem groben Putztuch begrub. Er flanschte es zum offenen Fenster hinaus und schüttelte den feuchten Dreck, Staub, Hunde- und Menschenhaare aus; alles schüttelte er aus. Er mochte Spinnen nicht, aber ihre Arbeit. Sie machten seine Arbeit sichtbar. Jedes Netzlein, diese Staubfäden an der Stiegenhausdecke, diese Art von Dreck fiel den Bewohnern des alten Hochhauses auf. Dann jammerten sie. Und dabei waren die Spinnereien am schnellsten weggewischt. Der echte Dreck sammelte sich in den Ritzen und Spalten, den aufgebrochenen Fugen der Fliesen und unter dem abbröckelnden Putz. Zwischen den alten Doppelfenstern oder in Deckenlampen. Würde Stanko hier nicht wöchentlich seine Arbeit verrichten, bis ihm sein Rücken das viele Bücken übel nahm, keiner der Hausbewohner würde es merken. Diese Art von Schmutz kam ganz langsam, schlich sich in das Stiegenhaus und war nicht so leicht wegzukriegen. Durch die Unauffälligkeit des Kommens würde keiner merken wie es immer düsterer wurde, die Scheiben matter, die Heizkörper grauer und die Fliesen dunkler. Ein Grund für Stanko Spinnen am Leben zu lassen: nicht aus Mitleid, sondern aus nützlicher Koexistenz.
Stanko saß am obersten Fenster und sah sich die Tür zum Dachboden an. Seit Monaten war er nicht mehr unterm Dach gewesen, es wurde nicht von ihm verlangt dort zu putzen. Niemand benützte den riesigen Raum. Er war in der Höhe zu beschränkt, der Giebel erlaubte es einem erwachsenen Mann nur gebeugt zu stehen. Es war ein sehr flaches Dach und im Sommer war es viel zu heiß, im Winter erfror alles was von der Evolution nicht mit Daunenjacken ausgestattet war. Früher fand er die alten Speicher immer sehr spannend, wie jedes Kind hoffte er auf Schätze, und später auf ein bezauberndes Mädchen das dort ihr Netz gesponnen hatte. Seine Angst vor dunklen Kellern oder Brunnen von zerfallenen Häusern vertrieb sich der junge Stanko mit einem wahren Wort seines toten Onkels Ante. Egal was für ein Untier drunten in der dunklen Ecke lauert, ein räudiger Bär oder ein Basilisk, im Schwefelgestank: Die warten dort schon ewig auf Fressen, glaub mir Stanko die machen kurzen Prozess, ein Biss und du bist schon weg. Du wirst nicht einmal die Zeit haben zu sehen wer dich verschluckt hat. Das nahm Stanko die Angst. Als er jedoch größer wurde machte er sich Sorgen ob ihn die Monster immer noch mit einem Bissen fressen könnten. Denn wenn sie zuerst noch kauen mussten, oder etwa die groben Knochen entfernen, dann könnte sich noch der eine kurze Blick auf den Jäger ausgehen, der eine Blick der einem die Furcht ins Herz schießen lässt. Der der sich anfühlt wie der Aufprall bevor man überhaupt am Boden aufschlägt und noch zwischen dem Wipfel der Dunkeltanne und dem harten Waldboden fällt.

Stanko schnippte mit dem Fingernagel eine kleine grüne Blattlaus vom Fensterbrett auf dem er saß. Er hatte ein bisschen verpennt, er lies seinen Kopf etwas schweifen. Die Musik die durch das Stiegenhaus klang war ihm vertraut. Ruhige treibende Melodien, eine angenehme Männerstimme die nach mehr als einem verlebten Leben klang. 
Menschen haben mehr als nur ein Leben, meinte Onkel Ante als der kleine Stanko am Bett zusah wie der alte Mann starb. Er hatte nie verstanden was das für ein Trost aus dem Mund eines sterbenden Onkels sein sollte. Ante wurde danach begraben und kam nie wieder. Heute wusste Stanko mehr mit den letzten Worten des Onkels anzufangen, aber damals trösteten sie ihn nicht. Tagelang saß er im Keller und hoffte auf ein Ende ohne Angst.
Die Frau im Haus gegenüber die ihre Wäsche zum trocknen im Innenhof aufhängte etwa, Stanko wusste nicht was sie früher gemacht hatte, aber vielleicht war sie gerade dabei ein neues Leben zu beginnen. Er kannte sie nicht, er wusste es nicht. Aber er kannte Menschen die nicht ihr ganzes Leben in Stiegenhäusern zugebracht hatten. Etwa die jungen Afrikaner die in der Nacht im Stiegenhaus vor verschlossenen Türen auf etwas zu warten schienen. Vielleicht das sie das Leben dort abholt oder rein lässt. Es brauchte keine Kriege um ein Leben zu beenden und ein Neues zu beginnen. Es genügten kleine Tode. 
 
Irgendwo im Innenhof krabbelte das Werberknechtweibchen in eine Fuge und begann ihre Arbeit. Sie hatte durch Stankos Putzlappen drei ihrer haargleichen Beinchen verloren, es musste ihr wohl egal sein. Im Innenhof wurde wenigstens nicht wöchentlich gewischt.
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pamela | 21.11.2006 11:13Antworten
zum schiessen. und doch traurig. und du bringst es wie immer, ok, meistens, auf den punkt. grüsse nach wien
Mag. Ronhalm Pröckl | 06.10.2007 18:41Antworten
Nette Story, aber leider Gottes sind Weberknechte keine Spinnen!Grüße aus Schruns!


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