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Dialog
25.05.2007 10:19
WOLFGANG OBERMAYR
Wolfgang Obermayr

Dialog

Tipp: Am besten zusammen mit einem Partner laut vorlesen.

„Ist ja toll, dass wir uns hier getroffen haben!“

„Ja, wie der Zufall manchmal so spielt …“

„Wie lang ist das jetzt her, drei …?“

„Vier …?“

„Dreieinhalb Jahre?“

„Könnte hinkommen, ja.“

„Und was machst du so?“

„Bin jetzt im Vorstand von Multomax.“

„Wow!“

„Ja, ist ziemlich toll. Viel Verantwortung, aber auch viel Arbeit. Und du?“

„Nach wie vor in der Werbebranche, du weißt ja: mein Traum.“

„Wahnsinn! Du, kennst du die Werbung mit diesen tanzenden Pommes Frites?“

„Tanzende Pommes Frites?“

„Ja, die der Frau so in den Mund hinein tanzen, die find ich voll süß!“

„Nö, kenn ich nicht, bist du dir sicher, dass es Pommes Frites sind? Es gibt da eine mit Walzer tanzenden Lockenwicklern, an der hab ich sogar mitgearbeitet.“

„Was echt, ist ja wirklich toll! Jetzt wirst du noch direkt berühmt!“

„Ach, nein glaub ich nicht.“

„Gibt es da nicht diesen Werbefilm-Preis?“

„Die Cannes Rolle, ja.“

„Genau, da musst du mitmachen!“

„Naja und wie hast du es geschafft in den Vorstand zu kommen? Hochgeschlafen? Hehe.“

„…“

„War doch bloß ein Scherz!“

„Aber ein schlechter …“

„Ach komm, ich weiß doch, wie ehrgeizig du bist. Das hab ich schon immer an dir bewundert.“

„Echt?“

„Ja, das war doch schon in der HAK klar, dass du mal groß Karriere machst.“

„Du meinst, weil ich mich immer so bei den Professoren eingeschleimt hab?“

„Deswegen und weil ich auf den Tests, die ich von dir abgeschrieben hab, immer einen Einser bekommen hab.“

„Hihihi.“

„Hehehe.“

„Und was machst du sonst so? Bist du noch mit der Sandra zusammen?“

„Ah nein, haben uns getrennt.“

„Ach schade, du oder sie Schluss gemacht?“

„Einvernehmlich, ziemlich.“

„Schade.“

„Und wie schauts bei dir aus? Bei einer Karriere-Frau stehen die Typen sicher Schlange oder?“

„Eigentlich schon, ja.“

„Hehe.“

„Aber das ist das Blöde an der Karriere, weißt du. Man hat halt keine Zeit mehr für sich.“

„Ach.“

„Jaja.“

„Und sonst, Hobbies?“

„Du, das Übliche. Kino, bisschen Laufen …“

„Laufen müsst ich auch wieder mal gehen …“

„Geh, schaust doch eh gut aus!“

„Echt jetzt?“

„Naja, ein bissl ein Wamperl steht dir eh, hihi.“

„Asso, findest du das attraktiv bei Männern?“

„Na sagen wir so, es stört mich nicht.“

„Ich hab auch nichts dagegen, wenns bei einer Frau was zum Angreifen gibt.“

„Na da bist bei mir ja richtig, schau wie blad ich geworden bin.“

„Geh du hast a super Figur!”

“Ja toll, kannst jetzt auch schlecht was anderes behaupten oder?”

„Ja hast Recht. Eigentlich hast du wirklich ein bissl zugenommen seit ich dich das letzte Mal gesehen hab.“

„…“

„Und das find ich ziemlich geil, ehrlich gesagt.“

„Wie findest du das, geil?“

„Ja ich steh da drauf, wenn Frauen zunehmen. Das hat irgendwie was.“

„Klingt ein bissl pervers, findest nicht?“

„Naja sicher, aber so ist es halt. Warum soll ich mich für meine Gelüste schämen?“

„Gelüste - ihr von der Werbebranche habts immer so komische Ausdrücke, hihi.“

„Also findest es nicht schlimm, dass ich das geil finde, dass du zugenommen hast?“

„Nein, ich mein, wieso. Ich bin ja auch nicht grad die Unschuld vom Lande.“

„Wieso, was turnt dich denn so an?“

„Ah geh, wenn ich dir dass jetzt sag, lachst mich aus.“

„Nein sicher nicht. Sag, kannst mir ruhig vertrauen.“

„Also … aber sag das keinem, wenn das die anderen im Vorstand erfahren …“

„Ich schweige wie ein Grab. Jetzt sag.“

Naja … ich find Fußknöchel erotisch.“

„Fußknöchel? Das ist alles?“

„Ja, ich weiß es ist blöd. Aber irgendwie, wenn ich irgendwen in Flip-Flops seh, im Sommer auf der Straße … da kann ich einfach nicht wegsehen. Einmal bin ich einer Frau durch die halbe Stadt gefolgt.“

„Und wie gefallen dir meine Fußknöchel?“

„Zeig mal.“

„Da.“

„Hmja.“

„Hmja was?“

„Könnte man was draus machen.“

„Was willst du da draus machen?“

„Hast du schon mal Stöckelschuhe angehabt?“

„Wie bitte, ich zieh doch keine Stöckelschuhe an.“

„Komm, mir zuliebe. Hier nimm meine.“

„Puhh … also ich weiß nicht. Was ist wenn der Kellner kommt.“

„Unterm Tisch sieht mans nicht. Komm nur einen, sonst kann ich dir nicht sagen wie deine Knöchel sind.“

„Na gut. Da … und?“

„…“

„Was ist jetzt? Du schaust so komisch.“

„Sag mal, das kommt jetzt vielleicht ein bisschen direkt aber …“

„Du, kann ich den Stöckelschuh wieder ausziehen, ich glaub der Typ hinter dir schaut her.“

„Hast du eine Wohnung oder so?“

„Also … tja, naja.“

„Na geh jetzt sag nicht immer noch Hotel Mama! Dachte du bist ein großer Werbefritze.“

„Ja aber es ist einfach viel billiger und nachdem sich meine Freundin eh getrennt hat. Wozu brauch ich allein eine Wohnung.“

„Ja dann hast Lust zu mir zu kommen? Ich würd dich gern noch ein paar Schuhe anprobieren lassen.“

„Also ich weiß ned …“

„Komm, es ist vielleicht noch ein bisschen mehr drin, wenn du dich ordentlich anstellst …“

„Da wär dann noch ein kleines Problem.“

„Was denn? Wart, lass den Schuh noch an.“

„Naja ich hab da ein kleines Problem mit Blasenschwäche.“

„Was, du bist inkontinent?“

„Nein nur wenn ich schlafe.“

„Du machst ins Bett?“

„Nicht so laut bitte. Ich träume oft unruhig und besonders in fremden Betten, die ich nicht gewohnt bin … kann es manchmal vorkommen. Nur damit dus weißt.“

„Das ist jetzt echt ein Zufall.“

„Was denn?“

„Ich lasse gern auf mich urinieren.“

„Echt jetzt?“

„Ja, ich steh drauf wenn man mich von oben bis unten anpisst. Gehen wir? Ich hab Plastikbettwäsche.“

„Echt? Ich auch!“

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Wolfgang Obermayr | 25.05.2007 10:23Antworten
Spezialtipp: Zusammen mit Partner einstudieren und an einem öffentlichen Ort (zB Kaffeehaus) vortragen.
David Sansraison | 26.05.2007 09:15Antworten
Igitt, was für ekelhafte Menschen. Habe gut gelacht, auch wenn ich mir über das Geschlecht der beiden nicht immer ganz im klaren war.
wolf | 28.05.2007 10:04Antworten
Einfach immer abwechselnd Mann - Frau, zur Not musst du halt durchzählen ;)

Echt, so ekelhaft find ich die zwei gar nicht, aber je älter ich werde, desto weniger finde ich auch grauslich oder peinlich. Und ich glaub jeder hat irgendwo seine geheimen perversen Gelüste, sie kollektiv auszusprechen wäre vielleicht eine Katharsis für unsere nach wie vor intolerante, in viel zu enge Schienen gepresste Tabu-Gesellschaft.
 David Sansraison | 29.05.2007 15:58Antworten
Danke für den Tipp :-)
Dazu muss man aber wissen, dass der Mann anfängt und die Frau dann antwortet, aus dem Text selber kommt das Geschlecht erst bei der Zeile "Bist Du noch mit der Sandra zusammen?" heraus, wenn man davon ausgeht, dass es sich um heterosexuelle Menschen handelt und sich auch Männer hochschlafen können :-)
Das ekelhafte war für mich weniger die sexuelle Lust an Fußknöcheln oder am urinieren, vielmehr die Glattheit der beiden.
Das Eingeständnis der Blasenschwäche und die glückliche Wende ist dagegen liebenswert.

Die Verbindung zwischen sexueller Toleranz und einer besseren Gesellschaft sehe ich nicht.
Sexuelle Tabus und gesellschaftliche Tabus scheinen mir nur wenig von einander abzuhängen, man könnte an die Orgien im alten Rom, an die Exzesse am französischen Hof und an die Versuche der 68er denken.
Natürlich ist sexuelle Toleranz ein Schritt hin zu einer möglichst freien Gesellschaft, aber eben nur ein Schrittchen.
Katharsis stelle ich mir da anders vor.
  wolf | 06.06.2007 09:57Antworten
Hm, die Beispiele aus der Geschichte, die du aufzählst, haben für mich nichts mit Akzeptanz oder Toleranz zu tun, sondern entspringen reiner Dekadenz, mit Ausnahme der 68er – wobei ich dieses Revolutionsdenken für nicht weniger schlimm und gefährlich halte, aber da käme ich jetzt vom Hundertsten ins Tausendste.
Sexuelle Tabus sind für mich eine Untergruppe der vielen gesellschaftlichen, die uns durch Erziehung und Umfeld aufgezwungen werden und uns daran hindern, uns gedanklich frei zu entwickeln.
Sicher kann man das eine aufgeben, ohne das andere zu beeinflussen – man muss eben generell toleranter und offener werden und dazu wäre es nötig, einen allgemeinen Ansatzpunkt zu finden – das dieser jetzt dort liegt wo man sich gegenseitig ohne Reue auf die Fußknöchel starrt oder Schlimmeres, okay das bezweifle ich eigentlich auch, aber irgendwo muss man ja mal anfangen zu suchen ;)

Wem es nicht zu vulgär ist, empfehle ich hierzu die Filme der Gebrüder Farrelly, die sich immer wieder mit solchen stummen Ecken unserer Gesellschaft befassen. Seien es Behinderte, Missgebildete, Fettleibige, geistig Kranke, abnormale Gelüste – dort steht es immer im Zentrum und man kann seine eigenen Reaktionen auf diese Dinge aus einem ganz anderen Blickwinkel beobachten.
   David Sansraison | 17.06.2007 10:38Antworten
"Hm, die Beispiele aus der Geschichte, die du aufzählst, haben für mich nichts mit Akzeptanz oder Toleranz zu tun, sondern entspringen reiner Dekadenz"

Damit hast Du auch wieder recht.
Die Gebrüder Farrelly kenne ich, glaube ich, nicht. Zu freierem Denken jenseits kultureller Muster und Raster, ja sogar jenseits naturwissenschaftlicher Dogmen und religiöser Ideologien darf ich zwei Bücher vorschlagen, die zufällig gerade auf meinem Nachtkästchen liegen:
1.) Cyrano de Bergerac: Die Reise zu den Mondstaaten und Sonnenreichen.
2.) Jonathan Swift: Gullivers Reisen

Vor allem das erstere ist ein großer Spass, Bergerac argumentiert schlau gegen damalige Dogmen, wie das geozentrische Weltbild und ähnliches und verwendet dazu,neueste wissenschaftliche Theorien der damaligen Zeit, die heute natürlich wieder veraltet sind. Neben solchen physikalischen Fragen behandelt er aber auch Themen wie das Verhältnis der Generation, die Stellung der Frau und weitere soziale Themen.

Was mir beim freien Denken wichtig erscheint, ist, dass man sich selbst als von vornherein unfreies Wesen nicht aus den Augen verliert.
Die eigene Unfreiheit, mag es auch nur die Unfreiheit gegenüber dem sein, was man selbst zu sein glaubt, ist schließlich die Grenze, auch die Wahrnehmbarkeitsgrenze der Freiheit (oder der Idee davon).


(c) www.mediativ.com, 2002-2004