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Rückzug vor der Feigheit.
01.12.2002 21:15
OLAF ZU STEG-FLAGGENHALT
Olaf zu Steg-Flaggenhalt

Rückzug vor der Feigheit.

80 Jahre Trauermärsche sind genug. Es wird Zeit für die Einläutung der Offenheit. Wenn nur der Weg dorthin nicht vorbei am seelischen Abgrund führen würde.
Ich bin nicht der Typ, der Menschen in Straßenbahnen anspricht. Ich respektiere die sorgsam ausgeführte Abschottung, die in Zeiten von Netzkultur und Globalisierung wie ein Mittel zum intellektuellen Selbstschutz als elementar anzusehen ist, auch im Mikrokosmus. Und wenn Fremdmenschen schließlich mit ihrer Autonomie gar kokettieren, den Bereich ihrer selbst durch die bahnweit hörbare Musik aus ihren Kopfhörern markieren wie territorialsüchtige Bullterrier stets zum Angriff auf Angreifer bereit, würde es mir erst recht gar nicht in den Sinn kommen, mich der Gefahr eines Bisses in den heilig geschützten Nimbus auch nur anzunähern: Selbstachtung.
So du mir, wie ich dir. Von wegen. Trotz jahrelangem Üben vor Spiegel und reflektierenden Rolltreppenauffahrten konnte ich meine Ausstrahlung noch mit keiner schwarz gegürtelten Streitbarkeit umzinnen. Der Blick will keine Boshaftigkeit annehmen, erste Erfolge zerstört das wohl doch sensibel wirkende zur Musik wippende Bein, das als Ableiter nicht mehr nicht weniger versucht, als die Kraft der Töne wieder aus meinem Körper in die Restwelt zu entlassen: Energieerhaltungssatz.
Und ich bin denn nicht allein, wenn ich mich frage, was das für Menschen sind beziehungsweise sein müssen, die eher so weit gehen, mich dazu zu nötigen, die Plastikstecker aus dem Ohr zu nehmen, um dann beschämt in Ortsunkundigkeit da zu stehen und erst recht nicht die Antwort auf ihre Frage nach dem Weg nach Bellevedere zu kennen, als einfach einen der wesentlich entschlossener stapfenden Mitmarschierenden zum Opfer ihres Tête-à-tête-Versuches zu machen Vielleicht habe grad ich es mit den boshaftigsten aller zu tun, die mich ihren Schüler nicht in einem Zug als Konkurrent gewinnen und als Märtyrer verlieren wollen: Paranoia.
Es stellt sich auch die Frage, ob man denn nicht auch sich in Manier der Nachmacher selbst zum Aggressor erkoren soll. Wartende Menschen nach der Zeit, redende Besserwisser nach der Meinung und tanzende Mädchen nach der Nummer zu fragen. Und das möglichst verwegen. Offenbar, und das ist das wahrlich erschreckende, sind sie allesamt auch nicht nur ansatzweise so bissfreudig wie sie in schicker Coolness und gutem Licht scheinen. Der Preis, den uns diese äußerst adrette weil offene [und wollen wir nicht allesamt total offen tolerant und lieb sein] Adaption unserer gereiften Persönlichkeit kostet, ist nicht einmal allzu hoch, die Schüchternheit: Marktwirtschaft.
Auspacken und losrocken also. Noch ein von wegen. Nur weil uns unsere Mediengeilheit in absurd asozialer Weise lehrt, wie wichtig Sozialität ist, heißt das noch lange nicht, dass wir die Anzahl unserer Nokia Einträge unbedingt zur Erschöpfung der Speicherplätze führen müssen. Und wo die Berufung auf Sorgfältigkeit in der Wahl des Freundeskreises nicht mehr ausreicht, tröstet vielleicht der Optimismus: Es versteht sich von selbst und bedarf keiner großartig künstlerischen Auslegungsgabe, dass doch vor dem Pessimismus und dem Eingeständnis des eigenen Untergangs die nahezu utopische Schöpfung neuer Hoffnung kommt, wenn letztere auch bereits tausendmal den gutgläubigen Geist betrogen hat: Liebe.
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brny | 01.12.2002 21:36Antworten
recht viel anspruch für einen müden sonntagabend, an dem die konzentrationsfähigkeit schon längst in richtung montag früh hinweg galoppiert zu sein scheint. olé!
bruno kreisky | 05.12.2002 10:03Antworten
meine worte
Marion | 05.12.2002 21:32Antworten
*staun*


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