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Postkarten,
07.01.2003 23:34
G. HUNRUS
G. Hunrus

Postkarten,

können einfach mehr als nur Urlaubsphrasen a la " das Wetter ist schön, das Essen gut" übermitteln.
Sie sind ... einfach mehr...
„Jetzt setzt du dich mal hin und schreibst ein paar liebe Postkarten an ein paar liebe Menschen – einfach so, um deine Liebe kundzutun!“ Ja, solch romantische Gedanken überkommen mein Gehirn gerade als ich mir Abendbrot zubereite, zum zweiten Mal übrigens. So circa um zehn nach neun, wenn Nummer eins (so gegen halb sieben) schon das tertiäre Stadium der Verdauung in Angriff nimmt. Postkarten sind eben so eine Sache. Mir persönlich ja um vieles lieber als ein e-mail, aber nicht ganz so wichtig wie ein Brief. Eben nett. Und nicht weniger. Nun wirft das Postkartenschreiben andere Probleme auf – Probleme die eigentlich keine waren, als ich noch keinen Computer hatte. Dann schrieb man eben fünfmal etwas auf ein dünnes jungfräuliches Kartönchen, wahlweise mit Hochglanzaufdruck vom Stephansdom oder einem Abdruck von Klimts Werken oder eben einer dieser wahnsinnig witzigen Motive.
Hund mit Sonnenbrille.
Drei Eselchen mit Sombreros.
Winterlandschaften, wo irgendwo im oberen Bildrand ein Ast, gekrümmt durch die Last des Schnees, reinhängt. Auch die Auswahl der Personen fiel mir schwer. Sollte ich liebe Menschen ordnen? Wie denn. Nach meiner persönlichen Meinung über deren Wichtigkeit in meinem Leben? Wie lange man schon befreundet ist? Die Häufigkeit der Kontakte? Ein Abgrund tat sich auf, schwarz und finster, und ganz unten saß ein böses Menschchen und sortierte meine Freundschaften nach deren Wichtigkeit. „Lass sie in Ruhe, böses Menschchen! Die sind mir alle lieb und teuer!“ Doch starr vor sich hin glotzend sortierte es weiter, während es wirr vor sich hin murmelte, „sortieren, abwägen, katalogisieren,...“. Schaurig seine Freunde zu sortieren. „Auf wen würden Sie verzichten, wenn sie ab sofort und per Dekret des Papstes nur mehr fünf Freunde haben dürften?“ Zusatz der päpstlichen Weisung: „Eine/r der Fünf muss ein Hund sein.“ Eine Rundschreiben-Postkarte wäre doch etwas gutes aber wohl auch bald etwas speckig-abgegriffenes, wenn von einer lieben Person an die nächste weitergeschickt. Langsam wollte ich den Gedanken an eine Postkarte wieder verwerfen, der ganze Aufwand bloß um lieben Menschen etwas zu schreiben. Eine größere Plattform wäre wohl angebracht. Aber für was? Ein gänzlich unmotiviertes Schreiben das ein paar Menschen anspricht, ihnen sagt, dass sie wichtig sind?
Wie banal.
Pubertär.
Kann ich mir gleich ein Poesie Album zurechtbasteln. Wer wird antworten und wer schreibt das längste Sprüchlein rein? Darum geht es eben nicht. Mein Hirn wollte keine Anerkennung. Schon gar keine Anbiederung an andere. Es wollte einen Grund weshalb es sich lohnt, eine Postkarte zu schreiben. Keine neue Magna Carta oder Verfassung eben. Etwas Nettes. Etwas, das mehr wert ist als dieser beschissene „Licht ins Dunkel“ Papiersack, den man im Supermarkt aufgedrängt bekommt, die normalen Säcke sind versteckt oder arbeiten bei der Wursttheke, und auf der Rechnung wird der aufgedrängte papiergewordene Sherpa der westlichen Welt mit „Spende 0.15 €“ vermerkt. Licht ins Dunkel, schön und gut, aber bitte freiwillig. Fehlt grade noch das Spenden steuerlich verpflichtet wird. Oder ist es das schon? Hochwasser? Wahlkampagne der ÖVP? Wäre wohl auch eine Postkarte wert. Eine negativ Postkarte. Mit scheiß Motiv. Das dürfte wohl nicht all zu schwer zu finden sein. Aber Postkarten sind nicht geeignet für harsche Kritik oder wüste Beschimpfungen. Nein. Da ist ein Brief viel besser. Postkarten haben eben dieses oben erwähnte Reine.
Schöne.
Einfach mehr Leben. Vielleicht war es das. Der beste Grund für eine liebe Postkarte an liebe Menschen.
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malandro | 08.01.2003 01:06Antworten
da steckt wohl ein kern wahres drin. gute nacht.
karin | 08.01.2003 18:42Antworten
wenn mein herz ein blatt papier wäre, dürftest du mit rosa tinte poetisches darauf plazieren. wie wunderbar dich zum freund zu wissen, möchte dich nie mehr wieder missen. so in der art.
 georg | 08.01.2003 20:42Antworten
das verwundert mich das gerade du das schreibst - nach allem was wir gemeinsam erlebt haben.. vor allem nach dem gescheiterten urlaub an den stürmischen stränden südfrankreichs. trotzdem danke
  karin | 10.01.2003 17:15Antworten
ich vergaß mich wohl, du schuft.
fresh frozem plasma | 08.01.2003 18:46Antworten
hast du nicht gewußt, dass jeder der einen licht ins dunkle sack an seine tür hängt von hochwasser und mißernte verschont bleibt, für ein ganzes jahr lang. so ähnlich wie damals im alten ägypten, als das volk israel seine türen rot strich. vor was wird man eigentlich verschont, wenn man den greenpeace-keilern in der fußgängerzone geld gibt? vor ölpesten, oder schieben sie dreimal in der woche die gestrandeten wale in deinen swimming-pool zurück?


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