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Die kleine blaue Schlange
15.02.2003 20:26
DAVID SANSRAISON
David Sansraison

Die kleine blaue Schlange

Ein Märchen
Der Himmel war weder blau noch grau an diesem Tag. Die Sonne war in der Früh als heller Fleck im Dunstnebel aufgegangen und brütete seit dem über Sorgen die nur sie kannte.
Seit Stunden war ein alter Mann in dieser Hitze unterwegs. Zu Fuß, Rindsledersandalen auf Staub und Kies, auf einem kleinen Feldweg inmitten flirrender, zirpender Ebenen. Die Hitze und die in dicken Wellen ankommenden Geräusche, hatten sich in seinem Kopf zu Fieber und pochendem Schmerz vereinigt.
Es war Mittag und die Luft war dick als er vor sich eine kleine Schlange sah. Er war jetzt über 70 und hatte als fahrender Schuster schon allerhand erlebt aber so ein Geschöpf hatte er noch nie gesehen.
Die Schlange war schlank, sah schnell und überaus lebendig aus. Ihre Schuppen schillerten wie Tautropfen und die Schlange war blau, strahlend blau wie der Himmel an einem klaren Sommermorgen.
Der Schuster, der schon lange durch tote und zerstörte Landschaften zog, hatte solche Farben schon Jahrzehnte nicht mehr gesehen, seine Welt war eine Welt des Staubs, des Schweißes und des Drecks der sich auf die Kehle legt und sich nicht runterspülen läßt auch wenn man noch so viel trinkt.
Er näherte sich langsam der Schlange und sprach mit heiserer Stimme:´Na du wunderschöne Schlange hast du dich verirrt?´
Zu seiner großen Überraschung vernahm er eine zarte Stimme, die klang wie tausend, kleine Silberglöckchen:´Ich weiß nicht, vielleicht ja, vielleicht nein. Kann man sich verirren auf einer Suche ohne Ziel?´
Verdutzt antwortete der Schuster:´Ich weiß es nicht, was suchst du denn?´
´Die Geschichte wäre wohl zu lange.´ erwiderte die Schlange mit einem klingelnden Kichern. Der alte Schuster hatte sich wieder etwas gefasst und glaubte einen netten Kameraden vor sich zu haben:´Wenn deine Suche ohne Ziel ist, dann haben wir den selben Weg.`
´Du bist Schuster, nicht wahr?´ fragte die kleine Schlange freundlich. ´Ja, das bin ich seit über 50 Jahren.´
´Dann suchst du etwas das es überall gibt, so hast du nicht kein Ziel sondern unendlich viele Ziele, denn du suchst kaputte Schuhe, nicht wahr?´´Ja, das ist wohl so, und was suchst du mein kleiner Kamerad?´
´Ich suche nach einem kleinen Jungen.`
Der Schuster fragte nicht weiter, er war ein einfacher Geselle und er dachte, dass man nicht alles gleich zu wissen braucht:´Komm, wir teilen uns den Weg, vielleich kann ich dir helfen.`
´Du bist ein Schuster, ich bin eine Schlange, wie kannst du mir helfen?´fragte sie schelmisch. ´Ich kann dir meine Beine leihen.´sagte der Schuster, er hob die Schlange vorsichtig hoch, ihr Körper fühlte sich geschmeidig an wie ein runder Edelstein, und er setzte sie auf seine Hutkrempe.
Von diesem Tag an wanderten die beiden gemeinsam. In der kühlen Nacht verkroch sich die Schlange tief in den Umhang des Schusters. Und wenn die Sonne untertags die Erde ausbrütete, erzählte die kleine Schlange mit klarer Stimme von dem kühlen Meer mit eisiger Gischt im Norden, oder von den schattigen Birkenwäldern im Osten wo kleine Menschen Pilze züchteten.

Ein paar Jahre vergingen und die Sonne brütete immer noch über ihr Problem, sie durchkämmte die Erde noch immer mit ihren heißen Strahlen auf der Suche nach der Lösung. Mühsam zogen die Menschen auf der Erde dahin, langsam einen Fuß vor den anderen setzend, Tag für Tag, Jahr für Jahr, Die toten Felder brachten nur tote Rüben zur Welt und sogar das seit jahrtausenden erklingende Zirpen war leiser geworden.
Zu dieser Zeit waren der Schuster, der inzwischen noch älter geworden war, und die Schlange, die sich nicht verändert hatte, in einer Gegend unterwegs in der es viele Berge gab. Der Schuster wusste nicht ob hier Menschen lebten, die seine Dienste benötigten aber er und die Schlange legten darauf schon seit längerer Zeit keinen Wert mehr. Es schien als ob ihre ziellose Wanderschaft seit längerem in eine bestimmte Richtung verlief.
Keiner der zwei Kameraden wählte bewusst diesen oder jenen Weg, aber an Kreuzungen gab es nie eine Diskussion, sie waren sich immer einig.
So waren sie in das Bergland gekommen, die verdursteten Wälder hatten sie schon vor zwei Tagen hinter sich gelassen und sie wanderten nun über Ebenen aus Stein und Fels, grau in grau, Hitze, kein Wind, kein Laut.
Als es bereits dunkel war, vernahmen sie eigenartige, blubbernde Geräusche. Da sie nichts mehr sehen konnten beschlossen sie sich niederzulegen und auf den nächsten Tag zu warten. Sie schliefen ein und wachten am Morgen wieder auf. Der Schuster wunderte sich, dass es noch nicht hell war, und dass er vor der Sonne wach geworden war. Er drehte sich daher gemütlich um und schlief weiter. Als er nochmals erwachte war es noch immer finster, er wickelte seine Decke fest um sich und versuchte noch einmal einzuschlafen. Aber es wollte ihm nicht mehr gelingen, auch die Schlange war schon seit einiger Zeit unruhig geworden.
´Du Schlange ich glaube da stimmt etwas nicht!´flüsterte der Schuster. ´Du hast recht, ich glaube die Sonne kommt heute nicht.´´Was?´rief der Schuster erschrocken und sprang so rasch auf, dass die kleine, blaue Schlange beinahe aus seinem Umhang fiel.
´Ruhig, Schuster, mein alter Freund. Das ist ein sehr gutes Zeichen für mich.´´ Was bedeutet das?´fragte der Schuster. ´In all den Jahren die wir nun zusammen wandern, hast du nie etwas gut oder schlecht geheißen, und nun da die Sonne nicht aufgeht freust du dich? Ich bin ein alter Mann, aber ich habe große Angst.´
´Lass mich zu Boden´bat die Schlange, ´es ist zu dunkel für deine Augen, ich werde dich führen und dir alles erklären, wir haben jetzt unser Ziel gefunden.´
Der Schuster legte die Schlange vorsichtig auf den felsigen Boden und folgte ihrer klaren Stimme durch das Schwarz das sie umgab. Denn es war dunkler als die schwärzeste Nacht die der Schuster je erlebt hatte. Die Dunkelheit kroch in seinen Körper und der Schuster wurde sehr traurig, doch die Schlange sprach:´Komm Schuster, du darfst jetzt nicht traurig und verdrossen werden, wir befinden uns ganz in der Nähe des letzten Ortes der alten Magie. Schau nach oben, wenn du lange genug in die Dunkelheit siehst, wirst du erkennen, dass wir uns auf einen noch dunkleren Ort zu bewegen. ´Je näher sie diesem Ort kamen, desto lauter wurden die Geräusche welche sie in der Nacht zuvor vernommen hatten.
´Wir sind auf dem Weg zum letzten offenen Ohr unseres Bruders Erde, vielleicht können wir dort auch seine Stimme noch hören.´sagte die Schlange hoffnungsvoll.
Als die Geräusche immer lauter und tosender wurden, konnte der Schuster erkennen, dass sie sich am Rand eines riesigen Kraters befanden. ´Bleib ein wenig zurück, du könntest dich erschrecken.´ rief die Schlange laut, damit ihre Stimme nicht im Rauschen des Kraters unterging. Dann richtete sie sich hoch auf und rief: ´Bruder, Bruder Erde, hörst du mich? Seit vielen tausend Jahren reise ich um mit dir zu sprechen. Ich bin ein Bote deiner alten Freunde, sie möchten dir etwas mitteilen.´Dem Schuster war es als ob das Rauschen einen mürrischen Unterton annahm, da erhob sich eine Stimme, so gewaltig, dass der Schuster niederfiel und zu weinen begann: ´Wer bist du dass du diesen Ort kennst? Und was willst du von mir?´
´Ich bin Xalanxs. Ich komme zu dir in Gestalt der Botenschlange, weil ich viele Welten durchqueren musste um hierher zu kommen, ich bin der König der Mittler und bringe dir Botschaft von allen Himmelskörpern.´´Was wollen sie von mir?´fragte die Stimme skeptisch.
´Bruder Erde höre, wir die Gestirne wollen dein Wohl, und somit auch das unsere, erhalten. Wir kennen deine Liebe zu deinen Bewohnern, aber sie sind schlecht für dich. Du musst uns glauben, wenn wir dir raten dich von ihnen ein für alle mal zu trennen.´Eine kurze Stille entstand und brachte das Gefühl von Unendlichkeit mit sich. ´Nein, ich gebe meine Bewohner nicht weg. Sie bringen mir Unterhaltung und machen mir Spaß.´antwortete Erde schließlich.
´Ach Erde,´erwiderte die Schlange mit besorgter Stimme,´ich war unter deinen Bewohnern und sie haben dich vergessen, sie tun dir weh. Sie höhlen dich aus, sie verpesten deine Luft, sie töten deine Pflanzen welche dich seit Beginn der Zeit schmücken.´
´Laß mich!´ erwiderte Erde jetzt trotzig, ´Ich habe sie erschaffen, ich ernähre sie. Sie gehören mir, nur ich kann entscheiden was mit ihnen passiert, und ich möchte sie behalten. Sie bringen mir Zerstreuung und Ablenkung, sie leben Geschichten die ich mir ansehen kann.´
´Aber Bruder, sieh doch, deine eigene Mutter, die Sonne, sie sucht nach dir. Du hast lange Zeit nicht mit ihr gesprochen, du schließt dich ein mit deinen Menschen, die dir nur Böses bringen. Deine Mutter ist verzweifelt, ihre suchenden Strahlen lassen auch deine Bewohner leiden, es kann so nicht weitergehen.´
´Lasst mich," sprach Erde mit schwerer Stimme, ´ich möchte jetzt alleine sein.`
´Gut´spach die Schlange, ´wir werden auf deine Antwort am Fuße dieses Kraters warten.´Die Schlange kroch langsam zum Schuster, der am Boden kauerte, und hieß ihn ihr zu folgen.
´Was ist passiert Schlange?´fragte der Schuster bang, und wischte sich in totaler Dunkelheit die Tränen aus dem Gesicht. ´Hast du gerade unseren Tod gefordert?´´Sei mir nicht böse, Schuster mein alter Freund. Du mußt jetzt zu der Einsicht gelangen, dass alles ein Ende hat. Du hast heute größeres gesehen und gehört als jeder andere deines Volkes. Sei nicht böse, sondern nimm was ich dir gebe, vielleicht werden dir meine Worte helfen.´Der Schuster blieb stehen und dachte lange nach, dann sprach er mit ruhiger Stimme: ´Aber gibt es keinen Weg den wir gemeinsam gehen können?´´Schuster, du musst verstehen, dass Erde einen Fehler gemacht hat, aber er ist noch jung. Er gab sein Bewusstsein weiter an seine Bewohner. Er ließ es sie aufteilen, verändern und vergessen, solange bis es nicht mehr das seine war. Erde ist jetzt bevölkert von zu vielen Ideen. Du weißt es wird keinen gemeinsam Weg geben, nicht einmal für dein Volk unter sich.´´Ich weiß, dass du recht hast,´sprach der Schuster, ´aber ich bin ein Mensch, ich bin ein Schuster, ich habe mein Leben lang zwischen Erde und Menschen vermittelt, lass mich mit meinen Brüdern sprechen.´
´Ach Schuster, wir haben schon viele Mittler unter die Menschen geschickt, sie wurden gehört, ihre Worte wurden aufgeschrieben und weitergegeben, dennoch wurden sie irgendwann vergessen. Lass es gut sein, du kennst die Wahrheit, du bist dein Leben lang gewandert, du kennst die Welt, sag mir was wir tun sollen?´
Lange Zeit war nichts zu hören, Stille, Dunkelheit und Beklemmung umgaben den alten Mann. Er dachte nach, er rief sich Bilder und Geschichten in Erinnerung. Viel Gutes fiel ihm ein, aber nichts von dem hatte Bestand. Dachte er an ein Kinderlachen, dann musste er an Brüder denken welche sich über ein paar Münzen erschlugen. Dachte er an den Friedensschluss zweier Kriegsparteien, so fiel ihm auch das Leid ein dass diesen Pakt erst erzwang. Nach einer langen Zeit sprach der Schuster:´Du und deine Freunde die Gestirne, ihr tut uns Menschen unrecht. Wie sollen wir nur Gutes tun wenn doch alles geteilt ist in zwei Hälften? Wenn es gar untertrieben ist von zwei Hälften zu sprechen, wo doch jede Tat ob gut oder böse von tausend Augen tausendmal anders gesehen wird.´
´Du nennst das Problem beim Namen mein weiser Freund. Du musst wissen, dass es nich immer so war, erst seit Erde seine Ideen weitergab, wie eine Wurzel die hunderte von Ästen speißt, herrscht solches Unglück. Deshalb müssen wir zurück.´
In diesem Moment bebte der Berg und eine Stimme sprach:´Xalanxs Bote meiner Familie, überbringe folgende Nachricht. Ich überlasse meine Bewohner eurem Urteil, doch kann ich es nicht selbst vollstrecken. Ich werde die Hilfe meiner Freunde brauchen.´´Ich freue mich, dass du zu dieser Entscheidung gekommen bist.´sprach die Schlange mit lauter Stimme. ´Ich darf dir versichern, dass alle deine Geschwister zu dir stehen und deine Mutter dir helfen wird.´Dann rief die Schlange dem Schuster:´Komm Schuster, wenn du willst kannst du mit mir gehen. Ich habe noch viele weite Reisen durch die Dunkelheit zwischen den Gestirnen vor mir. Es würde mich freuen einen Freund an meiner Seite zu haben.´Der Schuster weinte leise und sagte:´ Du weißt Schlange auch ich bin ein Reisender, ich werde dich gerne begleiten.´Nach diesen Worten umhüllte den Schuster eine Wärme wie sie nur Kinder kennen, er wurde hoch gehoben und sein Freund der jetzt keine Gestalt mehr hatte trug ihn weit in die Dunkelheit über der Erde.
Als sich der Schuster nach einer kurzen Zeit umsah, zeigte sich vor seinen Augen ein gewaltiges Schauspiel.
Er sah wie die Sonne sich auf die Erde zubewegte und sie umarmte wie eine Mutter ihr verlorenes Kind, in diesem Moment war für kurze Zeit und nur ganz, ganz leise, der Schrei tausender Sterbender zu hören.
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brny | 16.02.2003 22:07Antworten
furchtbar, furchtbar traurig. und wunder- wunderschön. kompliment. danke für diese geschichte!


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