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Vom Hurenmörder Stellmacher
08.06.2003, 21:55
ANONYMUS X
Anonymus X

Vom Hurenmörder Stellmacher

Keiner konnte sich erklären, warum der Hurenmörder Oswald Stellmacher, der doch immer ein vorbildlicher und sensibler Mensch gewesen, nicht zum Magister oder Doktor oder Ratsherrn, sondern eben zum Hurenmörder geworden war. Da stellte ich mich hin und sagte: Meine Kollegen, es ist doch ganz einfach. Ich bin gern bei Herrn Stellmacher und war immer gern bei Herrn Stellmacher und wären wir nicht so eine periphrastische Gesellschaft, könnte man sagen, ich kenne ihn gut.
Als er einmal auf die Straße trat, wurde er von einem Bettler regelrecht angefallen. Der Bettler saß nicht da in demütiger Haltung, er spielte auch nicht auf einer Plastikorgel und rauchte auch keine Zigarette. Er kam hervor hinter einer Würstelbude und baute sich auf vor Oswald und sagte: Haben Sie nicht ein Geld, haben Sie nicht ein Geld für einen armen Schlucker. Oswald ging weiter und sagte im Gehen: Ich habe zwei Geld. Der Bettler blieb in der fluktuierenden Menge und in seiner Argumentation stehen. Sein offenes Maul bebte Oswald nach: Du warme Sau.
Wegen seiner hervorragenden literarischen Qualitäten - es geht das Gerücht, dass er einmal eine Deutschschularbeit in Hexametern verfasst und dann ausgerufen haben soll: Est modus in rebus, sunt certi denique fines - wurde Oswald in eine Jury geholt, die aus lauter zahnlosen Akademikern bestand und die Aufgabe hatte, aus diversen Texten divergenter junger Menschen die besten (Texte und wohl auch Menschen) zu küren. Einer der alten Herren, übrigens auch alter Herr bei der Burschenschaft Nibelungia, zwitscherte ihm ins Ohr: Was auch immer du tust, küre nur einen Text, der gefällt und nützt. Denn das eben ist der wahre Text, der gefällt und nützt. Die Jury gab zu jedem Text ein Urteil ab und sprach ins Mikrofon. Als Oswald an der Reihe war, dozierte er: Ob edler Text oder Gedicht, ich weiß nur, es nützt uns nicht. Dem pubertierenden Mädchen, von dem der Text stammte, kullerten dicke Krokodilstränen über die fetten Wangen. Als die Jury und damit Oswald dem Publikum vorgestellt wurde, schrie ein junger Dichter: Du androgynes Schwein.
Oswald hatte unter anderen einen Freund namens Ewald. Sie trafen sich oft nachmittags, um Fehler in Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft" ausfindig zu machen oder sich dem Studium der Naturwissenschaften hinzugeben. Hie und da führten sie ausufernde Polemiken, wie sie eben geboren werden von orgiastischen Geistern, auf neue, mäandernde Gedankenbahnen. Ewald fand aber nie den Weg zurück. Wenn Oswald sagte, machen wir es so, sagte Ewald: Machen wir es so und so. Wenn Oswald sagte, machen wir es doch nicht so, sagte Ewald: Machen wir es so oder so, aber nicht so und ja nicht so. Verstehst du nicht, Oswald, kreischte Ewald dann meist zur von fern hörbaren Kreissäge des fetten Nachbarn, wenn A ist, ist B nicht, also kann C sein! Oswald lachte hoch und höhnisch: Menschen irren. Du bist ein Mensch. Also irrst du. Meist blieb Ewald solchen Pro-Vokationen gegenüber apathisch, aber eines Tages verhärteten sich seine Züge, seine Schultern krampften und sein Atem begann unter der mechanisch aufgelegten Antwort zu stinken: Ha, pariert! Steh doch endlich auf aus deiner dunklen Lebenshälfte, du Schuldiger, du kaltes Mistvieh!
Und als Oswald eines Abends mit seinen Freunden, mit seinen primitiven Freunden, etwas feierte, was man nicht feiern soll, geschah das Missgeschick. Die Menschentraube bog in ein Puff und gesellte sich zu den gut gelaunten Dirnen. Die Frau, deren warmen Sektatem Oswald bald auf seiner pickeligen Haut spürte, war von einer possierlichen und exotischen, aber dennoch geradezu pedantisch deutschen Schönheit. Sie sah Oswald aus zwei blinkend blauen Gucklöchern von Augen an, strich permanent ihr Haar zurück und rauchte eine lange dünne Zigarette auf einem schwarzen Filter, den sie mit gelenkigen Spinnenfingern rhythmisch zu Oswalds Herzschlägen an ihren feuchten roten Mund und wieder weg führte. Alles in Oswald schien zu sagen (und auch sein schiefes Lächeln, ein grotesker Wundstarrkrampf, gab davon Zeugnis): Lass mich. Er ließ sie gewähren, und die Minuten vergingen den beiden, eingelullt in primitive Stimmen, Rauch und den Furz eines Transvestiten, zeitlos. Endlich beschloss die Hure, den mahnenden Blicken ihres abseits stehenden Mäzenen begegnend, merkantil effektiv zu werden und mit Oswald ein kleines Geschäft zu verrichten. Sie flüsterte ihm wundersame Dinge ins Ohr, vieles davon blieb der Nacht, manches verstand Oswald nicht, aber was er hörte, war: Du bist ja so ein lieber, intelligenter Bär. Du bist ein so interessanter Mann. Hätte ich nur eine Seele wie deine, ach, in meiner Brust. Diese Worte brachten Oswalds Blut in Wallung, so manche Synapse tanzte da wie ein Derwisch, und er hatte Mühe, das Zucken seines leicht übergroßen Schädels zu kontrollieren und seinen gesteigerten Speichelfluss in Zaum zu halten. Oh, so etwas habe ich noch nie vernommen, sagte er zur Dirne (die auf dem Weg hinauf ins Zimmer übrigens in einem fort gurrte und kicherte), bevor er sie um- und sich in eine, wie man gemeinhin sagt, pikante Situation brachte: Als nämlich die Belegschaft des Puffs, alarmiert von mehreren Seufzern und dumpfen Tönen, die Zimmertür aufbrach, erblickten die Schaulustigen einen Oswald Stellmacher, der nackt, zitternd und ohne Penis vor einer weiblichen Leiche stand. Eine Rose gebrochen, stotterte er, bevor der Sturm sie entblättert.
Da stand ich nun und hatte mir den Zorn meiner Kollegenschaft aufgehalst mit einer – zugegeben – missverständlichen Apologie. Sofort trat einer auf mich zu, ein großer Dicker, der ein Gesicht hatte wie ein kleines Kind, hob seine Käsesemmel drohend wie eine Mistgabel und schrie mich an: Sie Amöbe, Sie hinterfotziger Freudianer, Sie Wanderprediger! Wie in einen Kanon stimmten plötzlich alle Kollegen in diese Tirade ein, die Worte wiederholten sich, es waren immer die gleichen, und ich hörte nur mehr: öbe! aner! iger! Ich dachte: Wie gern täte ich jetzt einen Bissen von deiner Käsesemmel. Da wurde es mir, während ich den Kindergesichtigen musterte, unvermittelt ganz schummrig, ich drehte mich weg und im Gehen sprach ich: Ich habe zwei Geld.
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ozf | 09.06.2003, 15:02Antworten
alicante. adelante sí.
constl | 09.06.2003, 21:44Antworten
gute geschichte - aber wer ist der Typ auf dem Foto?
 mj | 10.06.2003, 17:58Antworten
mika hakkinen


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