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Die Giraffe
13.06.2003, 21:24
ANONYMUS X
Anonymus X

Die Giraffe

Da saß sie und da saß ich und ich wusste: Es gab nur eines, was ich mit ihr machen wollte, in diesem Moment, auf diesem Sofa, und das Licht strömte durch die verschmutzten Fenster und malte ihr kleine Schattenringe auf ihre lange Nase und ihren Giraffenhals. Niemals zuvor spürte ich Tränen so nah am Ausbrechen, wie ein Schwall schmutzigen Kanalwassers, der den Damm niederzureißen droht, nie zuvor hatte ich so sehr Heimweh nach der Ferne. Und ich stellte mir vor, wie ich ein halbes Jahr später in der lächerlich dicken Polarjacke unter ihrem Haus im Regen herumwaten und mich wie eine idiotische Katze an die Wand pressen würde, wann immer ein Auto aus der dicken Dunkelheit herausrast. Mich schauderte, denn ich wollte nicht noch einmal dieses städtische Getöse, dieses Glockengeklingel am Sonntagmorgen, diese verschwitzt tratschenden Altweibergesichter erleben, wie sie alle über mich herfielen wie Löwen über Antilopen und sich an meiner Leber delektierten, an dieser braunen glitschigen Banane, in deren Innerem wie Schleim meine Schlechtigkeit klebte. Viel zu oft hatte ich ins Bett gekotzt und geschissen und mich danach gefühlt wie ein ausgewrungener Waschlappen, weil ich leer war nicht nur von Körpersaft, sondern auch von Leben.
Da sitzt sie und ist gewiss die schönste Giraffe, die ich je gesehen habe. Würde ihr Mann, von dem man mir erst so spät erzählte, es als Beleidigung empfinden, wenn ich zu ihm ginge und sagte, dass ich seine Frau für eine Giraffe halte? Dieser elende Stümper mit seinem andauernden Grinsen. Vielleicht würde er hysterisch lachen und mit den Schultern zucken wie eine sterbende Spinne und dann pathetisch mir seine Faust auf die Brust ballern und straucheln und puppenhaft ausrufen: Warum denn, warum denn, ich dachte, sie sei eine Lemure! Und dann würde er weinen gehen in sein stilles Kämmerchen, und aus seinem Rotz Blasen bilden, die er dann zerplatzen ließe, und bei jedem Stich würde er infantil kichern und gackern und dabei auf seine Kissen sabbern.
Ständig musste ich ihre lange Nase ansehen. Mittlerweile hatte sich schon ein Schatten an ihren Nüstern gebildet, die Stunde war vorgerückt, und als sie ihren Kopf ein wenig zur Seite drehte, vielleicht auch, um meinem Schraubstockblick zu entkommen, sah ich, dass da ein kleiner Höcker war auf diesem Abhang von Nase, ein kleiner Höcker, und ich begriff nicht, warum mir der bis jetzt stets entgangen war. Dabei war das doch ein so wunderschöner Höcker, ein Höcker für den ich, auf dem ich hätte sterben mögen.
Und da, als ich auf ihr lag und spürte, was ich niemals zu spüren gewagt hatte, als das Licht ihr nicht auf die Nase, sondern auf die Stirn leuchtete, als ich ihr in den Schritt fasste und etwas Weiches, Warmes, wunderbar Feuchtes ertastete und nicht mehr aufhören konnte, danach zu tasten, als etwas an mir steif wurde und ich dann die Götter so anraunte, dass sie mich wohl ganz zu einem einzigen Steifen machten, sah ich diesen Höcker nicht. Ich war ein Mann, der wieder sehen lernte.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich oft gefragt, wo die dünne Linie zu ziehen war zwischen Liebe und Nichtliebe, wo, an welchem Punkt dieses langen Giraffenhalses. Doch ich brauchte keine Linie, genauso wenig wie ich einen Pass brauchte, um in mein eigenes Haus zu kommen. Ich fühlte mich bei ihr zuhause, an ihr, in ihr, und ich wollte mich nicht mit ihrem süßen Fleisch und ihren knackigen Knorpeln zufrieden geben. Ich wollte in einem Stück, mit einem Schluck, bei einem Mahl ihre Seele verspeisen, und es war mir egal, ob sie noch blutig war. Ich wollte nicht mehr warten, ich wollte ihr Fallen aufstellen, böse Fallen, und dann, wenn sie fiel, wollte ich aus meinem Versteck hervorkriechen, unter dem Sofa, aus meinem Spinnennetz oder vielleicht aus ihrem Gewand, irgendwo von unten her, und mich ihr ganz langsam genussvoll nähern und ihr in den langen Hals beißen, ungefähr in der Mitte, und Tropfen für Tropfen all das austrinken, was sie von dieser Welt, ihrem Mann, diesem Stümper, und wahrscheinlich auch von mir eingesogen hatte, ich wollte es mir wieder zurückholen, und ich schwöre bei Gott, ich hätte nicht geweint. Denn es wäre nur gerecht gewesen.
Und der Regen prasselte auf das Wellendach, konnte ich vom Sofa aus sehen. Obwohl die Tröpfchen in dem gut isolierten Raum nur wie das leise, geifernd stetige Stakkato einer großväterischen Taschenuhr klangen, vibrierte mein ganzer Körper. Ich sah an ihrem Hals hinauf und über ihre Nase hinweg in ihre Augen, deren jungfräuliche Nässe ein magisch grüner Lidschatten zauberhaft umrahmte.
Nein, dachte ich, er hat sie nicht verdient, diese Giraffe. Was tat er denn schon, was tat er anderes, als in seinem Schaukelstuhl zu sitzen, im Takt zum Krachen der Balken zu furzen und in regelmäßigen Abständen, nach denen man die Uhr stellen konnte, nach einer neuen Schale Kaffee zu brüllen, mit einer Stimme, die dem Ohr war wie der Strick dem Hals. Und sie stand in der kleinen Wohnung wie an einem Pranger, und ihre Kette war gerade lang genug, um sie zwischen der verhassten Küche, dem noch verhassteren Fernsehraum des Mannes und dem gefürchteten, unheilbringenden Schlafzimmer umherwanken zu lassen. Tausendmal hatte sie schon versucht, ihren Mann durch Arsen, Cyankali oder Strichnin, das sie ihm stets in den Kaffee mischte, dazu zu bringen, ihre Ketten ein für allemal zu lösen, doch er trank Schale um Schale, verzog sein junges schwules Gesicht und verlangte nach weiteren Schlücken der immer ungenießbarer werdenden braunen Substanz.
Da war es für sie jedesmal wie eine Neugeburt, wenn sie sich an Samstagabenden aus der Wohnung schlich, ihren Mann in dem Glauben lassend, sie besuche ihre kurzhälsigen Freundinnen, an die Wand gepresst wie eine gottesgleiche Katze um die Ecke zu meinem Auto kam, sich auf den Schweinsledersitz neben mich setzte, mir befahl, loszufahren, und ihren Kopf am langen Hals beim Verdeck hinaus in den Nachtwind reckte. Dann fuhr ich sie spazieren, wohin sie auch wollte, in den Wald, wo wir uns vielleicht in einer der zahlreichen stinkenden Pfützen wie die Tiere lieben würden, zu unserer ehemaligen Schule hinauf auf den Berg, wo ich in der Nacht des letzten Schultages mit meinen Freunden gewütet und geschissen hatte und wo wir nun eng umschlungen und verträumt auf dem Sportplatz auf Sternschnuppenjagd gingen und ich Kopfweh bekam von ihrer undämpfbaren Stimme, die stets von oben herunter über den langen Hals hinweg in mein Ohr drang und zunächst nur meine Schultern, dann aber alles an mir zucken ließ; oder in das kleine Café, wo wir uns kennengelernt hatten, wo ich sie mir mit Bier um Bier immer schöner gesoffen hatte, bis sie meinen debilen Starrblick bemerkte und mich mit erst verschwommenen, dann immer klarer werdenden Fingerlockrufen an ihre vollen Bläserlippen hinanzog; oder ich fuhr sie einfach nur auf der Landstraße herum, schnell, wild und gefährlich, und sie gurrte und schnurrte vor Vergnügen auf dem Beifahrersitz. Manchmal, als ich so in die dicke Nacht hineinraste, sah ich mein Gesicht in einem Spiegel, der plötzlich da war. Kein Rückspiegel, einfach nur ein verfluchter Spiegel, mal vor mir, mal hinter mir, mal überall; aber mein Gesicht war nicht mehr das pockennarbige Harlekinsgesicht, an dessen unentrinnbare Verbindlichkeit ich mich im Laufe der Jahre schon gewöhnt hatte – nein, vielmehr war es ein Stern, der an einem kurzen, tonnenähnlichen Hälschen auf meinen Schultern aufging.
Und nun saß ich auf diesem speckigen Sofa und schaute sie an und dachte über die Worte nach, die sie eben zu mir gesagt hatte. Da bemerkte ich die Anderen, die jetzt wieder langsam, aber zügig, wie ein steter Tropfen in den Raum flossen. Sie musterten uns spöttisch und rissen ihre Mäuler auf und entblößten ihre kranken ekelerregenden Zähne und gackerten und schnatterten und schnatterten meinen Namen und gackerten ihren Namen und furzten und schnitten Grimassen und tranken Spülwasserkaffee. Ich habe dich verwechselt, hatte sie zu mir gesagt. Ich habe dich für jemand anderen gehalten. Von hier oben aus kann ich nämlich schlecht sehen. Ich bin kurzsichtig. Ich habe nur sieben Halswirbel. Ich habe Schwierigkeiten, meinen Kopf zur Erde zu neigen. Beim Trinken muss ich mich fast hinlegen. Aber hab keine Angst, ich liefere dich nicht ans Messer, denn du hast mir gut getan.
Ich grinste die ganze Zeit über wie ein Idiot und begann dann, mit dem Kopf zu nicken, und so grinste und nickte ich mir die Tränen vom Hals. Und mir fielen die Fallen ein. Und mein Spinnennetz. Jetzt, dachte ich, hat sie noch mehr von mir; aber bei Gott, ich werde nicht weinen. Und ich ging und sah mich im Vorübergehen in einem verfluchten Spiegel. Und ich sah den Stern, wie er giftig grün lachte und auf meinen Schultern thronte wie ein König.
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nik | 20.07.2003, 19:01Antworten
du musst sie wohl sehr geliebt haben ;-)
M | 25.09.2005, 14:18Antworten
Ja, genau du mußt sie wohl sehr geliebt haben. Vielleicht geht es dir besser wenn du dir das von der Seele schreiben kannst. Nur weißt du- ich schätze - sie ist gar keine Giraffe. Ich glaube sie ist echt eine Katze- eine mit 9 Leben, eine die immer wieder auf die Füsse fällt. Eine der Spinnennetze, grauslicher Kaffee und Intriganten nichts anhaben können. Weil in ihrem Herzen ein Licht leuchtet - und das wird keiner zum Erlöschen bringen.


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