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Unsterblich krank
13.06.2003, 21:37
ANONYMUS X
Anonymus X

Unsterblich krank

Wäre dieser Ritt ein Atemholen, eine Feuerwacht im Schneegestöber, ein Neubeginn, ein Morgenrot – ich stünde allein in der Sonne, sähe die Zweige, gefällt und gestapelt als Vorboten baldiger Kreuzigung, wenngleich nur im Traum. Wären die Sehnen unter mir am Hals des Pferdes Lebenszwang, Namenszauber, Lufthutzen in stickigen Liebesgrotten, als rauschende Stränge zu Waffen bestellt – ich glaubte ans Ende und nützte den Tag, ich löste die Freunde aus ihrer Schuld, und Fortuna wäre eine Metze.
Aber dieser Ritt krankt wie der, zu dem ich reite. Ich bin Arzt. Das gärgelbe Haus, von Gärten eher gequält denn verbrämt, aschfahl und löchrig, man kennt die Krankheit aufs Jota. In der Stube die betenden Alten, sich ergehend im staubigen Glauben, der Vater spielt mit dem Rosenkranz und hutscht seinen wuchtigen Leib, das ist die Quadratur des Denkkreises. Endlich führt er den Herrn Doktor ins Krankenzimmer, die Alten folgen, knien sich in schwarzen Kutten zu den Füßen des Maroden, dessen Gesicht ich noch nicht kenne, wie Tauben. Ich rechne mit einem Infekt, meine Tasche öffnet sich knarrend, mein Pferd promeniert vorm Fenster, meine Finger fühlen das Laryngoskop. Die Turmuhr schlägt, die Wände scheinen zu schwitzen, ich schreite näher, das Laryngoskop in meiner Rechten reckt sich dem bedeckten Kranken entgegen wie ein Krokodil. Meine freie Hand schnellt hindurch zwischen zwei alten schwarzen Kuttentauben, da sehe ich mein Ross, seinen langen Schädel an das Fenster pressend, Nüsterndampf verströmend, es suhlt sich im Mond. Ich ziehe die Decke vom Körper des Kranken, und ein gigantischer Arsch schaut mich an. Doch dort, wo ich den Arsch anatomisch vermuten muss, sitzt eine grienende Fratze, die mich anfleht: Bitte, Herr Doktor. Bitte, mach mich gesund.
Dieser Ritt ist ein Atemholen. Verspottet, verhöhnt, gefangen zwischen schwarzem Himmel und brauner, stinkender Pferdemähne, dresche ich die wehe Erde, denke an meine Dämonen und die schwere Stille in meinem Kopf – und reite, getragen von nur einer Seele, und weine, ohne es zu wissen.
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constl | 14.06.2003, 07:35Antworten
die nackte idee mit atem gefüllt zu dieser geschichte. wo der gute herr doktor hätte wohl besser sein laryngoskop mit dem koloskop vertauscht. aber wer hätt´s wissen können?


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