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Abel
05.07.2003 22:06
ANONYMUS X
Anonymus X

Abel

Alles fließt, und jeder ist ersetzbar.
Als ich noch ein kleiner Junge war, lebte ich mit meinem Vater, meiner Mutter und unserem Hund Abel in einem großen Haus mit einem großen Garten. Ich mochte das kleine Dorf, in dem wir wohnten, und ich ging fast jeden Nachmittag mit Abel spazieren. Flugs eilten wir über die eine Straße, in die andere Gasse, über den Bach, schräg hinauf über die langgestreckte Wiese und aus dem Dorf hinaus auf einen Bergrücken. Von dort aus konnten wir die ganze Gegend überblicken. Wenn es klar war, sah man meilenweit bis zum nächsten Dorf.
In der Schule stufte man mich als geistig minderbemittelt ein. Da ich um einen guten Kopf kleiner war als alle anderen in meiner Klasse, kam es mir, wenn sie sich alle um mich versammelten, um mit hochroten Köpfen zu mir herunter zu höhnen, stets so vor, als säße ich in einem Brunnen, in den sie mich geworfen hatten, als schaute ich aus dem Brunnen hinauf in die hochroten Gesichter meiner Peiniger. Selbst die Mädchen waren größer als ich, und eines, das schon besonders fraulich war, kam immer ganz nah an mich heran, wenn sie mich schimpfte, und meine Nasenspitze war dann nur eine Fingerbreite entfernt von ihren Nippeln, die sich mir durch ihre dünne Bluse wie Stalagmiten entgegenreckten. Manchmal roch sie nach Parfum, manchmal nach Schweiß und manchmal nach Sex.
Mein Vater lobte Abel immer. Er wollte ihn unbedingt in dem Zirkus unterbringen, in dem er seit fünfzig Jahren Funktionär war, und deshalb ließ er sich immer neue Tricks einfallen und studierte sie mit Abel ein. Einmal baute er vier brennende Reifen im Abstand von je einem Meter hintereinander auf, und redete ruhig auf Abel ein, er solle es wagen, er solle Anlauf nehmen und wie ein Vogel durch die Reifen flattern. Abel schnaufte, lief an und sprang durch den ersten Reifen, glitt in der Luft durch den zweiten, glitt durch den dritten wie ein Flugzeug - dann plötzlich kam abrupter Gegenwind auf, Abel sackte ab und verbrannte sich am vierten Reifen den Bauch der Länge nach. Ein andermal nahm mein Vater Abel mit hinauf auf den Kirchturm, denn er wollte Abel wie einen Seiltänzer auf dem obersten Sims des Turmes balancieren sehen. Ich sah von unten zu und hörte die euphorischen Rufe meines Vaters und Abels ängstliches Seufzen, dann plötzlich rutschte Abel aus, stürzte vom Turm auf das schräge Dach des Seitenschiffes, rollte das Dach hinab, verfing sich kurz in der Dachrinne, fiel und schlug ganz unten wie ein Stein auf der Straße auf. Ich lief zu Abel und sah, dass er sich eine schmerzhafte Fleischwunde zugezogen hatte.
Eines Tages aber kletterte Abel in den alten roten Doppeldecker, der bei uns im Garten stand. Er setzte sich, so gut es mit seinen Pfoten eben ging, die staubige lederne Pilotenhaube auf, die auf dem Rücksitz lag, und band sich den Senkel unter seinem Kinn zu. Ich beobachtete ihn, lachte und winkte ihm zu, dann eilte ich ins Haus, um den Fotoapparat zu holen, weil mir Abels Bild so fremd und neuartig schien. Als ich zurückkam, hatte Abel bereits den Motor des Fliegers gestartet, rollte an Kirsch- und Apfelbäumen vorbei und jaulte vergnügt. Er beschleunigte, stellte die Klappen waagrecht und benutzte die gesamte Länge unseres Gartens als Startbahn; ich sah den roten Punkt am Nachmittagshimmel immer kleiner werden, dann aber wendete Abel die Maschine, der Punkt wurde wieder größer und lauter, und plötzlich rauschte der Flieger über meinen Kopf hinweg, dass der ganze Garten erzitterte.
Mein Vater und meine Mutter waren auf den Lärm aufmerksam geworden und liefen ängstlich herbei. Zu dritt standen wir inmitten unseres Gartens und beobachteten, wie Abel zum Gegenanflug ansetzte, die Klappen senkrecht stellte und den Doppeldecker sanft auf der weichen Gartenerde landete. Abel stieg aus und ließ sich wie ein Held feiern, aber mein Vater war erzürnt und fragte ihn, was er sich dabei gedacht hatte und ob er sich seiner Verantwortung für mich und meine Sicherheit nicht bewusst war; Abel aber legte seinen Kopf schief und winselte treuherzig. Als ich, von der lauten Stimme meines Vaters verängstigt, zu schluchzen begann, streckte mir Abel seine Pfote entgegen und leckte mir zärtlich die Stirn. Meine Mutter reichte meinem Vater einen Apfel vom Baum und beruhigte ihn. Siebensüß flüsterte sie ihm ins Ohr, wie großartig es doch für seinen Zirkus wäre, wenn er den Leuten einen fliegenden Hund böte, einen waghalsigen, tollkühnen Pilotenhund! Dann würde man ihn doch sicher zum Zirkusdirektor machen, und Zirkusdirektor wollte er doch schon seit fünfzig Jahren sein! Mein Vater war für diese Idee Feuer und Flamme. Sofort begann er, mit Abel zu üben, zeigte ihm Tricks und Kniffe, steckte ihm eine Banane quer in den Mund, damit es so aussah, als lächelte er, setzte ihm eine Sonnenbrille auf, zog ihm eine Lederjacke an, und brachte ihm bei, Ja!, Jawohl! und Allez-hop! zu bellen. Tag und Nacht brauste der rote Doppeldecker über unser Haus hinweg, und im ganzen Dorf waren Abel und mein Vater im Gespräch.
Ich selbst ging nun meist allein spazieren, jeden Nachmittag, und wenn mir die alten Frauen begegneten mit ihren schönen Kopftüchern und ihren nach Verwesung stinkenden Mündern, fragten sie mich stets, ob ich derjenige sei, dessen Hund und dessen Vater die größte Zirkusnummer aller Zeiten probten. Ich fühlte mich dann immer wie im Brunnen und nickte und lief weiter meines Weges. In der Schule waren plötzlich alle sehr nett zu mir; wenn ich in der Früh zur Tür hereinkam, grüßte man mich, und auf meinem Platz lagen Bonbons und Lebkuchen. In der Pause fragten mich die Mädchen, wie es sich denn so lebe in einer Familie mit einem so talentierten Hund und einem so ambitionierten Vater, und weil ich ihnen nicht in die Augen schauen und mich nicht wieder wie im Brunnen fühlen wollte, schaute ich einfach geradewegs auf ihre Nippelblusen und antwortete abgehackt und apathisch. Die Lehrer lachten nach wie vor über mich, aber nun belebte so etwas wie eine freundliche Note ihre maschinellen Züge.
Als ich nach Hause kam und meiner Familie von meinen schönen Schulstunden berichten wollte, war niemand da. Meine Mutter fütterte gerade ihre Schlangen und hatte ihre Tür abgeschlossen, Abel war im Garten und probte mit dem Doppeldecker, und mein Vater war gerade im Radio und sprach über die Greuel von Tierversuchen. Da stellte ich mir vor, wie schön es wäre, wenn sich alles um MICH drehte; wenn ICH derjenige wäre, der im Doppeldecker flog, und dem sie eine internationale Zirkuskarriere prophezeiten. Wie schön, dachte ich, wäre das, wenn ich nur einen Tag lang Abel sein könnte. Denn eigentlich, dachte ich, während ich mir mein Mittagsschnitzel anbriet, war Abel ja nicht klüger als ich. Abel war nur schöner und vielleicht auch geschickter.
Und in der Nacht stand ich auf und ging in den Garten. Da der Doppeldecker nicht zu hören war, war ich sicher, dass sowohl Abel als auch mein Vater schliefen. Und wirklich: Umsäumt von Apfel-, Marillen- und Kirschbäumen stand der rote Doppeldecker. Ich öffnete die Motorhaube und benutzte am Boden liegende spitze Steine, um einige Anschlüsse zu lockern, Leitungen zu blockieren und die Benzinpumpe zu zerstören. Dabei war ich so aufgeregt, dass mir der Speichel aus dem Mund in den Motor tropfte. Plötzlich fühlte ich mich wieder wie im Brunnen, obwohl es gar keinen Grund dazu gab. Ich sah den Motor vor mir und dachte an die Nippel der Mädchen. Ich dachte an den Bergrücken. Ich dachte an die Kopftücher. Und ich dachte an den Verwesungsgeruch.
Am nächsten Tag stürzte Abel mit dem Doppeldecker auf spektakuläre Weise ab. Die Trümmer der Maschine lagen über den ganzen Garten verteilt. Abel selbst war zwar gestorben, aber immerhin in einem Stück geblieben. Da die Zirkusvorstellung bereits in einer Woche stattfinden sollte und mein Vater schon ein gutes Dutzend Werbeverträge abgeschlossen und Pressetermine ausgemacht hatte, blieb keine Zeit zur Trauer. Flugs wurde ein neuer Doppeldecker bestellt, und meine Mutter nähte mir ein Hundskostüm.
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constantin | 06.07.2003 09:48Antworten
abel ist ein gut gewählter name. außerdem gefällt mir die charakterisierung der mutter mit dem schlangen füttern sehr gut.


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