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Fest im Dorf
02.08.2003, 17:17
ANONYMUS X
Anonymus X

Fest im Dorf

Am Anfang war das Würstel. Und das Würstel war bei meinem Nachbarn, dieser homifizierten Grauzone zwischen Sein und Sollen, und schwitzte rot und triefte auf seine Finger, die selbst Würstel zu sein schienen, und ich sah ihn augenzwinkernd, gesättigt, kohlrabenschwarz sein geblähtes Abdomen über den hölzernen Tresen schieben, und ergab mich wie er und alle dem Suff und dem Chaos. Fest im Dorf, das heißt immer auch: manifestieren lassen, woran man glaubt - so lange, bis man es vor Augen hat und sich selbst vergisst. Fest, fest im Dorf, das heißt immer: sich fremd werden, sich schälen wie eine Kartoffel, suchen nach einem imaginären Kern. Ich war mir sicher, eine Flamme zu sein. Und so wehrte ich mich nicht, als mein Nachbar sich mir entblößte.
Es interessierte mich nicht, dass er drei Autounfälle gehabt hatte und seitdem stotterte und sabberte, dass sein dreißigjähriger Sohn zwar noch keiner Arbeit, aber zweier schwangerer Frauen habhaft geworden war, dass sie ihm im vorigen November ein malignes Glioblistom multiforme entfernt hatten, aber ich hörte ihm zu. „Denn wir müssen uns ein eigenes Bild machen“, versetzte er repetierend, „was uns gesagt wird, können wir sub specie aeternitatis nicht ertragen, deshalb müssen wir uns unserer Stadien bewusst werden, und das jeweils nächste Stadium anvisieren gleich dem Staatsschiffbrüchigen, der um sich schlagend wie eine Libelle und japsend eine konveniente kleine Insel sucht, nach Möglichkeit mit Palme und schmeckender Kokosmilch. Und in welchem Stadium befinde ich mich selbst?“ fragte er sich pathetisch und malte mit dem Würstel in der rechten Hand ein Fragezeichen in die Luft, während er mit dem in der linken Hand auf den Tresen trommelte, sodass kleine Senfspuren darauf zurückblieben. „Trotz aller Arbeit, ich weiß es nicht – das Leben ist schwer, doch ich mache es ihm leicht, bin groß und einfältig und sicher, dass ich in wenigstens einem Stadium bin. Und das, mein Freund, ist die einzige Gewissheit, die ich habe.“ Dann öffnete er die Augen weit und schrecklich, breitete die Arme aus, sodass die beiden Würstel wie verlängerte Finger nach Backbord und Steuerbord querab zeigten, und donnerte einen Nachsatz: „Ich denke. Und ich weiß, was Stadien sind, denn ich war schon im Endstadium.“
Der alte Förster kam hinzu und bog elegant ins Gespräch ein. „Wir denken immer nur an Rache“, sagte er langsam, nachdem er seinen Schnaps in einem Zug geleert hatte, „wir tragen uns mit dem Gedanken an die Rache, doch wenn wir die Möglichkeit haben, Rache zu nehmen, erscheint sie uns primitiv und widerwärtig. Sehen Sie, mein bester Freund hat meine Frau erkannt. Ich war im Ausland, ich bildete mich weiter in präziseren Formen der Jagd, und während ich weg war, hat er meine Frau erkannt. Mehrmals. Er hat sie immer besser kennengelernt, und am Ende hat er sie schon im Dunkeln erkannt. Ich wusste davon, habe sofort das Licht gesehen, das in diese - meine! - Höhle fiel, nur wagte ich es nicht, meinen riesigen Schädel aus eben dieser Höhle zu recken, vielleicht passte ich auch nicht durch, ich bin ein Riesenmaulwurf.“ An dieser Stelle entkam meinem Nachbarn ein lautes, dreckiges Lachen, doch ich hörte genauer hin und vernahm den Furz, der gleichermaßen das Substrat dieses Risus bildete und sich daraufhin, fast unmerklich nach Pestilenz und Würstel stinkend, in Richtung des Waldes verflüchtigte. „Als dann mein bester Freund sein Haus für etwa eine Woche verließ“, setzte der Förster, leicht ärgerlich, mit lauter, aber zittriger Stimme fort, „erkannte ich meine Möglichkeit zur Rache und seine Frau.“ Dies war die Pointe seiner Anekdote, doch weder mein Nachbar noch ich zeigten auch nur die geringste erkennbare Reaktion der Bestätigung oder Ablehnung. Der alte Förster fühlte sich bemüßigt, diese offenbar verkannte Peripetie durch erklärendes Gehabe zu retten. „Ich erkannte seine Frau“, rief er aus, mit dem Schädel wackelnd und mit seinen Spinnenarmen die Luft durchsäbelnd, „und meine Rache! Wir tragen uns mit dem Wunsch, doch wenn wir die Möglichkeit zum Gedanken haben, erscheint er uns primitiv und widerwärtig!“
Da trat Brigitte zu uns, eine zwar nicht schöne, aber wohlgeformte Rothaarige. Ich grüßte sie mit einem Kuss auf die Wange und mir fiel ein, wie sie mich vor etwa einem Jahr an einem Samstagabend angerufen hatte mit den Worten: „Ich glaube, ich bin vom Teufel besessen.“ Damals hatte ich eine Bibel und Weihrauch in eine Tasche gepackt, mir ein Ornat angezogen und war zu ihr gefahren. Nach einer lauen Nacht, durchsetzt von lautem, schweißtreibendem Exorzismus, hatte ich sie am Sonntagmorgen in der Kirche getroffen, neben den Orgelpfeifen, und Flecken entdeckt an ihrer unverhüllten rechten oberen Scapula und in ihrer Fossa infraclavicularis, mich darin selbst gesehen, und ihr einige unverständliche Worte ins Ohr geflüstert – dann hatte ich den unvertilgbar ehrlichen, aber eisigen Blick des Organisten in meinem Rücken gefühlt und den ersten, dröhnend tiefen Ton des Dies Irae vernommen.
Mein Nachbar musterte Brigitte, schüttelte den Kopf und stotterte ihr zu: „S ... S ... Sexus sequior. Du hast keinen direkten Zugang zu den Dingen, mein aus dir selbsten erwachsenes Kind. Diese Entwicklung ist schon abgeschlossen, du magst das für gut halten, und das sei dir vergönnt. Dennoch wirst du gesehen, und immer wieder auf deinen Schädel fallen, verschönte Brigitte.“ - „Das ist nicht gut, Nachbar“, antwortete der Förster auf diese Sentenz, „kein guter Stil. ‚Verschönte‘. Das ist nicht gut.“ Der Nachbar zuckte nur mit den Schultern, strich sich drei verschwitzte Haarsträhnen aus der Stirn, schlug sich auf sein Peritonaeum und gab eine Runde aus. Er selbst bestellte Würstel, der Förster Schnaps, ich Bier. Brigitte nahm Wasser und trank es in einem emphatisch beleidigten Zug.
Da kam der Mann, auf den alle gewartet hatten. Der junge, bartlose Akademiker, dessen Lockenpracht zwar schon etwas lichter geworden war, der aber an materiellem Reiz nichts verloren hatte. Mit seinem ewig unbewussten Grinsen forderte er das Wohlgefallen eines interessierten Menschen geradezu heraus, er schloss jede nur erdenkliche Lücke zwischen angeborenen und spirituellen Ideen, dieser Bonvivant, dieser Fortinbras, diese Tabula rasa. „Na, ihr Ritter der Wissenschaften“, begann er seinen einmal mehr beeindruckenden Vortrag, der im Groben den Ulysses bis Seite 500 beinhaltete, „wie geht es Ihrer Frau, Herr Bloom?“ Diese Frage war an mich gerichtet, doch ich reagierte nicht, sondern blinzelte und besah seinen Gürtel, den mit dem riesigen silbernen „H“ darauf, sowie seine Schuhe, die er sich in Ungarn hatte nageln lassen. Ich wusste, dass in ungefähr zehn Minuten sein akademischer Treibstoff aufgebraucht sein und er aus seinem intellektuellen Warp-Gang wieder in dörflich-respiratorische Lichtgeschwindigkeit zurückschalten würde, und bestellte mein zehntes Bier. Alles drehte sich und ich stellte fest, dass ich diesen Trug liebte, dass ich diesen Schein brauchte, und mein Götzenbild wurde in meinem Blickfeld immer kleiner. Wo ist der Mann, der die Zeit hinter sich lässt, dachte ich, die Historien und die Tradition? Wer ich bin, wie ich bin? Die Fragen waren beantwortet, ein Kreis im Punkt; ich oder mein betäubter Wille, wir wollten am liebsten die Faust gegen diesen Tresen schlagen, den heiligen Tresen totschlagen, doch es schien uns, als gäbe es hinter tausend Tresen keine Welt. Da wurden wir schon gewahr, wie der Akademiker an Brigitte herankrebste und ihr erzählte, wie wunderbar es sich anfühlte, die Schlechtigkeit in allen Gliedern exakt zu verstehen, und er begriff. Wir hatten unser elftes Bier geleert, es gab kein Zurück.
In einer einzigen hypostatischen Bewegung ergoss sich mein Inhalt auf das kleine, wehrende Akademikermännchen; ich riss es zu Boden und spürte, wie mein Körper nach meinem Geist explodierte und meine schlechten Glieder fortan nebeneinander auf der Lichtung des Dorffestes existierten.
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constantin | 03.08.2003, 22:30Antworten
Manuel, du bist ein Genie! Ich lobe dich aus tiefster Überzeugung. Anspielungen mit spitzer Zunge und die gelungene Kombination aus Ästhetik, Philosophie und alltäglichem Ekel entzückt mein Herz.
 manu | 03.08.2003, 23:27Antworten
vielen herzlichen dank für diese wohltuend mesmerisierenden worte! wie sagte unser lieber oswald stellmacher doch zur dirne: oh, so etwas habe ich noch nie vernommen! lg. und noch schöne ferien
 manu | 03.08.2003, 23:27Antworten
vielen herzlichen dank für diese wohltuend mesmerisierenden worte! wie sagte unser lieber oswald stellmacher doch zur dirne: oh, so etwas habe ich noch nie vernommen! lg. und noch schöne ferien


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