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Vormittag eines Leutnants
01.09.2003, 17:43
ANONYMUS X
Anonymus X

Vormittag eines Leutnants

Der olivgrüne Wecker kreischte um 0500 Stunden, der Leutnant fuhr hoch, schleuderte die speckige, von Myriaden unsichtbarer Filzläuse und Staubmilben infiltrierte heereseigene Decke von seinem durchtrainierten Jagdkommandokörper, katapultierte sich aus dem Stockbett und schlug sich seinen makrozephalen Schädel am braunen Stahlspind an. Was da hohl klang, war – wie Lichtenberg vielleicht sagen würde – nicht der Spind.
Jene kühle Nacht in der alten Kaserne hatte ihm gut getan, diesem vom Pantheismus der Hackordnungen Besessenen, diesem Zerfressenen. Ferngesteuert aus dem Raumschiff des militärischen Über-Ichs, der tarngrünen Marsmenschen, bereitete er sich seinen Weg durch den staubigen, grindigen Lurch auf dem Linoleum und das Erbrochene des noch immer schlafenden Stabswachtmeisters, und ließ also diesen eingemengten Unrat hinter sich wie der Listenreiche die Scylla und Charybdis. Im Speisesaal warfen die Sterne inmitten der beiden goldenen Häuschen auf seinen Schultern einen leuchtturmartigen Heiligenschein auf die blanken Spiegel der Jungmänner – der Leutnant war Komet, Weihrauch, Myrrhe, ein einäugiger Poeta vates im Königreich der besten Blinden. Nachdem er gefrühstückt und, vom fahlen Mahl geschwängert, zwei fette Neger abgeseilt hatte, begab sich der Leutnant auf die Blutwiese, wo er den Waffendrill einläutete. Die elf Rekruten, die er befehligte, ächzten, schwitzten, furzten aus ihren zittrigen Läufen und kotzten gallertartige, natürlich grüne Klumpen in ihre dichten Schutzmasken. Der Leutnant trat ihnen mit seinen blitzblank polierten, bösen Feldschuhen gegen die debilen, mit Moos getarnten Stahlhelme, sodass diese flackernden Seelen am ganzen Körper zuckten, plärrten und sich still echauffierten wie sterbende Fliegen. Dramatisch inspiriert, folgend seiner unbewegten Teleologie der allumfassenden Vernichtung, holte der Leutnant aus zur ultimativen Erkenntnis: Hätte Gott eine Sprache, er spräche wie ich. Doch er fand nur unerhörtes Fehlverständnis in den Glotzaugen dieser elf krötengrünen Genickschuss-Spezialisten, die Mäuler unsagbar blöde verzogen und die nichtssagenden Augenpaare tragikomisch verdreht. Also befahl er sprechend: Rauchen erlaubt.
Nach dem Waffendrill hob der ABC-Drill an, ein grausames Convivium der Schutzmasken und -anzüge, des Wühlens und Wälzens in Dreck und Scheiße, des pietistischen Laufens, empfindsamen Gleitens und apathischen Robbens, das den zerstörten Jungmännern nicht mehr brachte als die Projektion ihres zerfleischten, moribunden Seelchens auf die erbarmungslose Euthanasie des nicht enden wollenden Klopf-, Poch- und Kriegsregens. Gott Leutnant war der Turm in dieser Schlacht, die um 1128 Stunden endete, zwei Minuten vor dem befohlenen Mittagessen. Weil die elf verlorenen Schafe es nicht schafften, sich in eben diesen diffusen zwei Minuten ihrer gefährlich schützenden, präservativartigen Gummimontur zu entledigen, mussten sie auf das Mittagessen verzichten und stattdessen auf der Blutwiese Gewehrgriffe internalisieren, selbstverständlich mit Schutzmaske, in der sich aber nun je einer der zahlreichen stinkenden Socken des fetten Waffenmeisters befand. Inzwischen ließ sich der Leutnant sein Mittagessen gebührlich schmecken – er nahm von allem, gustierte, wiegte sein Haupt, zwitscherte in behelfsmäßigem Wohlgefallen trompetend vor sich hin, während ihm stumme Krokodilstränen in die Augen traten, die seine Welt teils nachdenklich befließen, teils wohl aber ausrollen wollten: Es geht mir gut. Satt und sinnierend, welches in seinem urgenten Leid das wohl entscheidendste Ja oder Nein zum Leben gewesen war, begab er sich auf die Toilette, wo er noch einen fetten, glänzenden, friedlich grinsenden Neger abseilte.
Dann wurde er vom Oberst zur Panzermission abgeholt, die lediglich darin bestand, den Panzer des Obersten in die dafür vorgesehene Panzerparklücke zu dirigieren. Ausfassen, ausfassen, sagte der stählerne Oberst, setzte sich den multifunktionalen Kampfhelm auf und zwängte seinen üppigen Pionierkörper durch die Luke in die Fahrerkabine. Da stand Gott Leutnant auf dem Panzerparkplatz, wackelnd, mit den Händen fuchtelnd, die schlacksige Gestalt in alle Richtungen biegend, dem großen, verehrten Oberst die Richtung weisend. Ausfassen, ausfassen, und er stellte sich vor die Mauer, denn direkt vor ihr würde gleich der leuchtende, unbesiegbare Panzer stehen bleiben, Vater Oberst würde daraus auferstehen und seinem eingeborenen Sohn zu einer so würdigen Leistung gratulieren. Gebieterisch würde er schmachten und jovial zugestehen, dass die Schönheit des militärischen Intellekts wieder einmal sonnenklar über der Tat aufgegangen war. Ausfassen, ausfassen, freute sich der noch immer wackelnde, fuchtelnde und biegende Leutnant - aufpassen!, aufpassen!, schrie der Oberst, denn er sah den Raum zwischen Panzerkanonenspitze und Mauer rapide schwinden; doch die Warnung verlor sich in einem frenetischen, orgasmischen A u s f a s s e n ! des Leutnants, der mit weit offenem Maul und leeren Augen in das subversive Dunkel der Kanone starrte, welche ihm den Wasserschädel zerschmetterte und ihn - seinem Glauben folgend - für immer vom Zwang der Charge befreite.
Hier endete die Erzählung der nackten Frau, die vor mir auf dem Bett saß, und ich verstand nun, warum ihr, wie sie gesagt, der Kopf eines Leutnants das Herz gebrochen hatte. Allein ich hatte nun jegliche Lust verloren, die Splitter ihres Herzens aufzusammeln (geschweige denn die des Kopfes), sprang taumelnd auf und stürzte zum offenen Fenster – ich fühlte mich wie ein Kreisel oder ein Kaleidoskop, sah tarngrüne Lichterketten tanzen und kotzte den konservierten Ekel von acht Monaten auf die Kakteensammlung meiner Nachbarin.
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constantin | 02.09.2003, 20:37Antworten
gut, wenn man zivildiener war.


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