An dieser Stelle finden Sie die Beiträge der letzten 180 Tage Gesamtpunkten gereiht.

An dieser Stelle finden Sie die Beiträge der letzten 180 Tage nach Durchschnitt gereiht.
PDF Version
TXT Version
Exodus
17.10.2003 19:55
ANONYMUS X
Anonymus X

Exodus

Es gehen ab: Sophokles, Aischylos, Euripides. Es erscheinen: Der Heilige Geist und Ich.
Auf den Anruf meines besten Freundes reagierte ich, ich wollte ihm helfen, seine Vorgesetzte, die Prokuristin, zu überwinden, die Unglückselige, die Rechtschaffene. Wir bewaffneten uns schwer und verbanden uns die Augen. Blindheit war der Kosmos, aus dem heraus wir das Büro stürmten, mit vermummten Gesichtern Salven ewigen Guerilla-Willens den Kommoden, Schreibtischen und Kollegenkörpern spendeten, doch man fürchtete lediglich unsere Gewehre. Unter gellendem Geschrei, erstickt in seiner schwarzen, abgedunkelten Scheukapuze, warf sich der Freund in den Krieg, der nicht existierte, die Birne hochrot, die Waffe steif. Ich erkannte die Schießbudenfigur nicht mehr, die unkontrolliert zuckend wie ein ekelhafter Oktopus vom Bosporus ein unverständliches Partimen abspulte, weibisch kreischte und entgegen unseren Abmachungen einen arglosen Speichellecker nach dem anderen hinrichtete. Seine dünnen, spinnenhaften Glieder zappelten kasperlhaft durch das von Angst und Verwüstung dampfende Büro, im Ganzen sah er aus wie ein militanter Derwisch.
Feuer einstellen, Scheißjesuit! Die Vorgesetzte, die Prokuristin, ist aus ihrem Mittagsschläfchen erwacht und steht im Raum. Wüste Wortfetzen balgen sich mit unserer eisernen Partisanenwahrheit, doch ihr hysterisches Lachen erstirbt in ihrem langen Hals. Der Regenschirm, den sie aus unerfindlichen Gründen wie eine Kerze in der rechten Hand hält, reckt sich uns hässlich und schwer wie ein alter, neunmalkluger Penis entgegen. Plötzlich öffnet er sich und schwebt als Dach über ihr, als unerklärliches Epiphänomen. Wild gestikulierend reißt sich der Freund die Kapuze vom großen Schädel und beginnt eine umständliche Schilderung unseres Vorhabens; dabei zieht er unsichtbare Bücher aus seinem Mund, liest sie, zerreißt sie, und schleudert die Fetzen auf den Teppichboden. Bileams Esel, brüllt die Prokuristin, die Adern am Halse schwellen. Wie eine Hyäne will sie sich auf uns stürzen, da ramme ich ihr den Lauf meiner Waffe ins Sternum. Sofort tut mir meine Tat leid, ich sichere die Waffe wieder und stelle mich in eine Ecke. Der Freund hat sich gesammelt, er steht vor der Prokuristin und betet Psalm 23, während er mit beiden Fäusten auf sie einschlägt. Es rattert in meinem Herzen, denn ich habe Angst vor dem Gesicht, das er ihr gerade baut, und vor den Verbindungen, die ich im Kopf eingehe. Ich möchte etwas sagen, doch vor mir sehe ich nur unfertige Wortsäulen, diese Frauvonlotdrehdichnichtumduwirsterstarren, diese Negerinblasmireinenmitdeinenfettenlippen, ich spiele Ichbinnichtschuldesistdieleber, ich kenne Jaichweißwoherichstamme. Ich sehne mich noch eine Weile nach dem Haus des Herren oder der langen Zeit, da ist der Freund schon bei Einfesteburgistunsergott. In einem akuten Missverständnis seines angestrebten Betrachterlebens wirft er die Waffe von sich, wobei sich wieder eine wahre Feuersalve löst, reißt sich die Hose vom Körper und legt sich auf den Teppichboden. Ich kann nicht glauben, was ich da sehe - es ist absurd, ich vermute nur, dass sich der Gerechte selbst mit oder von Freudschen Begriffen zu reinigen versucht. Da kommt schon das vermisste hysterische Lachen der Prokuristin meinen verzweifelten Gedanken in die Quere: Er schnackselt den Boden, er fickt den Teppich! Das Gebrüll ist nicht auszuhalten, noch immer trage ich meine Gummikapuze, ich herze die richtige und taufe den Heiligen Geist erneut in den Wehen und Wirren meines sich selbst zerstörenden Gehirns.
Ich war nicht sicher, doch ich war noch blind. Erst als ich das Büro verlassen hatte, konnte ich die Kapuze ablegen. Ich hatte mein Volk aus der Knechtschaft geführt, doch vielleicht hätte ich es nicht tun sollen, wo es doch zu fressen und zu huren gehabt hatte an den Fleischtöpfen, an der festen Brust Ägyptens. Ich suchte den Freund und fand ihn nicht, doch ich entfernte mich in der einzigen Gewissheit der geschlagenen eigenen Schlacht.
Bewertung
Dieser Eintrag hat im Voting unter den Abonnenten bereits 3 Punkte erreicht! Sie müssen angemeldet sein, um für einen Beitrag voten zu können!
 
[kommentar abgeben]
 
david | 14.11.2003 15:32Antworten
there is a thin line between... aber mir gefällts.


(c) www.mediativ.com, 2002-2004