An dieser Stelle finden Sie die Beiträge der letzten 180 Tage Gesamtpunkten gereiht.

An dieser Stelle finden Sie die Beiträge der letzten 180 Tage nach Durchschnitt gereiht.
PDF Version
TXT Version
Ein Mudir und Muezzin
14.11.2003, 19:34
ANONYMUS X
Anonymus X

Ein Mudir und Muezzin

Niemand hätte erwarten oder auch nur erahnen können, dass der ungepflegte Student der Romanistik (wie er übrigens selbst augenzwinkernd zu sagen pflegte: Italienistik – was nicht weiter verwunderlich ist, denn der große Glenn Gould nannte sich selbst ja auch Klavierspieler, und nicht Pianist) ausholen würde zu einer in ihrer Präzision lärmenden, umständlichen und im Ganzen unerhörten Laudatio über die Genese eines völlig unbekannten humanistischen Gedichts, dem sich aufgrund der diffizilen, verklausulierten Sprache niemand sonst zu nähern vermochte. Die Worte schwollen an im Munde des Studenten und wuchsen zu großen ingeniosen Klumpen, die sich als philologische Stratocumuli über den Schädeln von zwanzig Schäfchen und einem verstummten Pan niederließen. Es waren Ansichten eines Connaisseurs, vorgetragen mit Maß und akustischer Rücksicht auf die abseits sitzenden Exzentriker, Umweggeher, Krebskandidaten, deren unwandelbare Prinzipien er zwar intellektuell, aber nicht ohne Charme ad absurdum führte.
Und doch konnte ich auf den Gesichtern der Hörer und sogar auf dem des greisen Vortragenden Hohn erkennen, der sich hinter den kollegialen Fratzen aufzuladen schien und bei den einen zu einer neidroten Birne, bei den anderen zu einem unverhohlenen, faltigen Grinsen führte. Sie schienen sich zu fragen, warum dieser hässliche Balg, der so aussah, als würde ihn seine Oma jeden Tag waschen, anziehen und streng biologisch bekochen, dem ehrwürdigen Vortragenden das Wort abschnitt, warum er sich mit seinem undefinierbaren Akzent in einen reißenden Strudel redete und nicht davon abließ, in jeden Satz so viel Willkürwissenschaft wie möglich zu schaufeln, und wunderten sich, was er denn sei, ein Sophist, ein Antagonist, ein Klugscheißer. Sie kamen zu dem Schluss, dass es falsch sein musste, was er sagte, was er gerade gesagt hatte, was er sagen werde und was er gesagt haben werde. Sie waren sich sicher, dass seine Inhalte schon falsch waren, als sie noch keine Inhalte waren, überholt, als sie es wurden, und impertinent, als sie sich selbst richteten zum Falschsein, als sie sich zu diesem sterbenden Herzen bekannten. Doch der Student der Italienistik steigerte Rede- und Speichelfluss, und zeigte selbst schon ein Grinsen.
Als ich ihn nach der Lehrveranstaltung am Gang sah, war er gerade dabei, sich eine Zigarette zu rollen. Doch er hatte zu viel Tabak in das dünne Papier gelegt, und so sehr er daran zog und schleckte, es faltete und nervös befingerte, es konnte nie eine Zigarette werden. Und wäre es eine geworden, hätte er sie niemals rauchen können, weil durch den vielen Speichel das Papier nicht mehr schloss und nach den gewaltsamen, ungeübten Manövern schon mehr als die Hälfte des Tabaks auf dem Boden lag. Ich wollte ihm weder helfen noch mit ihm sprechen, dennoch hob er an: Wo ich herkomme, da war ich ein Muezzin. Ich sang und tanzte und rief Dithyramben in die Nacht, die man hörte und mit ehrlichem Geist versah, BEgeisterte. Alle Menschen waren gut, und jeder tat seines, um das Gute in sich zu vermehren, alles war uns bestimmt, in jede Richtung. Doch eines Tages wachte ich auf mit diesem schrecklichen Akzent, und ich konnte nicht mehr singen. Ich fing an zu denken und mich zu sehnen nach der Welt und dem freien Fall. Ich wollte, was ich war, nicht bleiben. Und nun bin ich trotzdem Mudir in einer Weltkanzlei, vergraben in staubige Akten und höhere Tagesabläufe. Stets steht einer über mir, vergärte Welt, und ich kann nicht anders als mich ergeben dem nunmehrigen Dienstgrad eines Sanskulotten. Je suis perdu, je suis oublié. J’ai eu mon monde, mais non plus. En le quittant, en réveillant j’ai trouvé ce qu’on nomme la liberté. Maintenant je suis un barbare, ici oú on me comprend pas.
Da steckte sich der Student die völlig deformierte Zigarette in den Mund und zündete sie an. Das dünne Papier, das den Rest des Tabaks spärlich umhüllte, ging in eine Stichflamme auf und versengte ihm den Bart. Er schrie, als ginge es um sein Leben, und der spitze Laut konnte nur erstickt werden durch eine Faust, die ihn von hinten in den Nacken traf. Sie gehörte dem greisen Vortragenden. Der Student lag nun auf dem Boden, und während der Alte und alle anderen Kollegen und Kolleginnen aus der Lehrveranstaltung auf ihn eindroschen, eintraten und die Weiber seinen Schädel mit ihren langen Stöckeln malträtierten, brüllte er fortwährend, sich krümmend, brennenden Tabak schluckend, mit ersterbender Stimme: Alle kann man fangen, alle kann man fangen.
Ich stand daneben und wollte gehen. Doch der mittlerweile fast leblose, flammend schreiende Körper des bartlosen Mudirs wirkte irgendwie aufreizend, und so trat auch ich auf ihn ein, spuckte sein brennendes Gesicht an und tat ihm damit vielleicht sogar einen Gefallen. Als mich der entsetzte, vorwurfsvolle Blick des Muezzins traf, begann ich aus vollem Leibe zu schmettern: Blitz wird kommen und sagen Grüß Gott.
Bewertung
Dieser Eintrag hat im Voting unter den Abonnenten bereits 2 Punkte erreicht! Sie müssen angemeldet sein, um für einen Beitrag voten zu können!
 
[kommentar abgeben]
 
constantin | 14.11.2003, 19:50Antworten
wahnsinn! wirklich unglaubliche geschichte!


(c) www.mediativ.com, 2002-2004