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Tanz auf der Insel
19.11.2003 16:46
G. HUNRUS
G. Hunrus

Tanz auf der Insel

Insel oder Insel. Ob einsam oder zum bohren, die Lösung liegt in den Händen schwedischer Greenpeaceaktivisten.
„Mein russischer Tupperwarebecher ist leer, verdammt! Wo bekomm ich etwas zu trinken her!“ Krause war aufgebracht. Es war beileibe nicht sein erster Job auf einer Bohrinsel, aber seit dem Irakkrieg wollte er nicht mehr für die Amerikaner schweißen. Blöd nur, dass die Russen eben doch mehr Entwicklungsland mit riesigem Militär als hoch entwickelter Industriestaat waren. Nur der Alkohol war hier billiger und niemand schaute Krause scheel an, wenn er nicht zur Bordmesse ging. Krause war das alles zu blöd. Er wollte nicht mehr. ‚Ein schwimmendes Männerwohnheim ist das hier. Und die ganze Symbolik bitteschön! Ein Haufen raue Typen bohren einen tonneschweren Schwengel in die Erdkruste. Mutter Erde!’ „Motherfucker“, hatte der schwedische Greenpeaceaktivist letztes mal geschrieen als sie ihn von der Helikopterplattform ins kalte Meer runter stießen. Krause war sich nicht bewusst, ob das wirklich so subtil gemeint war oder nicht.
Jedenfalls ging ihm heute alles und jeder auf den Sack. Vor allem Juric der auch noch Deutsch von ihm lernen wollte. Dabei war er hier um zu schweißen und einfach nur Ruhe zu haben. Mittlerweilen gestand er sich ein, dass es ein Fehler war zu denken, dass man mehr Ruhe an einem einsamen Ort hat als in einer Stadt oder dergleichen. Je ruhiger es um ihn herum war, desto mehr Unruhe war in ihm. Nichts das ihn ablenkte oder in Anspruch nahm. Die einsame Insel, auf die jeder will, war sein Albtraum. Was wollte er dort? Sich mit sich selbst beschäftigen? Außer am morgen im Duschraum oder gelegentlich mal am Abend fiel ihm das schwer. Er war sich einfach nicht klar darüber was er machen sollte. Lieber bastelte er an etwas herum, reparierte etwas. Da war er dann furchtbar pingelig und exakt. Stunden konnte er für die Reinigung seiner Pfeife aufbringen. Vorsichtig mit der Pfeifenbürste herumschaben und liebevoll im Köpfchen stochern und darin herum graben. Nur in seinem Kopf wollte er nicht graben. „Tantchen“, wie sie Juric nannten kam ihm deshalb ungelegen. Er versuchte über lerning by doing Deutsch zu lernen. Das ging in etwa so:
Krause saß im Gemeinschaftsraum und beschäftigte sich mit einer kleinen Ablenkung. Froh über einen leeren Kopf. Dann kam das Tantchen herein, setzte sich an die Bar, bestellte zwei Klare und kam rüber. Höflich bot er Krause eines der Gläser an und erkundigte sich nach dessen Befinden. Auf Deutsch. „Wie geht’s Krausowic? Alles klar?“ Das hatte ihm Krause schon beigebracht und Juric hatte so ein Büchlein, wo die wichtigsten Sätze drinnen standen und einen Stadtführer für Ostberlin. Habe ihm mal einer geschenkt, erzählte er immer. In Wirklichkeit hatte er es sich selbst gekauft um Deutsch zu lernen. Das Tantchen schien sich fast ein wenig zu schämen, wenn man ihn fragte, warum er deutsch lernen wollte. Es war als ob es auf der Bohrinsel verpönt war sich weiterzubilden. Immerhin gab es ein Klischee zu bedienen und Mutter Erde zu ficken. Auszusaugen und abzufüllen. Krause zog es die Eingeweide zusammen. Er nahm den Schnaps von Juric und kippte ihn weg. „Setz dich Tantchen. Wie geht´s selbst.“ Sein Gegenüber lachte, und seine klaren Augen suchten Kontakt. Juric wirkte immer so fröhlich. Das machte Krause manchmal richtig wütend. Diese Unbeschwertheit. Dabei konnte Juric ganz nett sein. Er passte einfach nicht in diese graue Stahlwelt voll Öl und Salzwasser. Vielleicht versteckte er seinen Wissensdurst deshalb. Sein Wunsch zu lernen und noch mehr aus seinem Leben zu machen war ihm wohl hier, im Epizentrum der Trostlosigkeit, selbst schon fremd. Bei diesem Gedanken musste Krause kurz auflachen. Tantchen lachte auch – einfach weil Krause gelacht hatte. Das war sonst selten. Krause mochte sein Lachen nicht sehr und war immer zu sehr beschäftigt zu lachen. Sie saßen still da und hörten das Meer und die Maschinen. Menschen hörten sie keine, aber das war wohl zweitrangig. Das Radio war aus und der Fernseher flimmerte stumm in der Ecke über der Bar. „Was willst du wissen Tantchen?“ fragte Krause nach einer angenehmen Ewigkeit. Zu zweit auf einer einsamen Insel konnte er sich schon besser vorstellen. Komisch, dass er das dachte, aber anscheinend war doch noch nicht jeder soziale Trieb nach Kontakt in ihm abgestorben.
Juric hatte bereits das Büchlein herausgezogen und blätterte darin. Er ließ sich von Krause immer die Sätze oder Vokabel erklären die er nicht verstand. Logischerweise. Manchmal spielten sie auch die Lerndialoge durch. Das war immer sehr anstrengend für Krause, einfach der Erinnerung wegen. Krause musste immer an die Schule denken und wie er immer gerne solche Sachen gespielt hatte. Aber ihm blieb immer das Lachen im Hals stecken in das Juric ausbrach, wenn er und Krause auf einer alten Bohrinsel in einem tristen Gemeinschaftsraum hockten und eine Szene aus den Lerndialogen nachspielten. „Guten Tag junges Fräulein. Kann ich ihnen helfen?“ Krause musste nur diesen Satz sagen und Juric lag am Boden. Und verdammt viele Lehrbeispiele begannen mit Guten Tag junges Fräulein...“ Juric hatte die gesuchte Stelle gefunden. Er konnte mittlerweile selbst Damenkleidung einkaufen, sich zum Essen einladen lassen und den Weg zum Bahnhof, dem Flughafen und ins Freibad erfragen. Vorausgesetzt sein Gegenüber kannte auch die selben Lernbeispiele wie Juric. Sollten die auf dem Festland eine Neue Version des Ostberlinführers auf den Markt gebracht haben, wäre das katastrophal für das Tantchen. Krause lachte. Das zweite Mal heute. „Also dann mein Fräulein, würden Sie mit mir zum Tanz ausgehen?“
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rosa schröckenfuchs | 22.11.2003 22:55Antworten
ich liebe deinen schreibstil, und ich vermisse dich so sehr. kommst du mich bald besuchen? in der neuen wohnung. liebe grüße aus dem nd.


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