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Gebet
20.12.2003, 16:43
ANONYMUS X
Anonymus X

Gebet

Sieh, oh Herr, du kennst das Kind und weißt ums Verfahren;
stärk‘ ihr die Schwingen und wach‘, flüsternd durch sattsamen Traum.
Köstlich ist der Duft deiner Salben, dein Lager bereitet;
süßer als Wein ist dein Leib, flute das quellende Herz.
Sieh, da sie wandert durch finstere Zeit, doch verfüg‘, wie du wilt;
führ‘ sie ans Licht deiner Tat, Weisheit - und Wort werde Lust.

Ich, der ich demiurgisch verkomme in Gedanken, Worten und Werken, lasse mich hinab auf die blaue Erde, durch einen Schlauch von Schlechtigkeit und Galle, an dessen Ende ein Licht ist, aber das Licht bin ich, und es tagt. Es ist eine Art von Heimkehr, nach Jahren, deren genaue Zahl niemand weiß, und auf die Bibel ist hier kein Verlass, denn ich habe sie ja nicht geschrieben. Entgegen allen Vorwürfen der Unbewegtheit und inertialen Pendelei erscheine ich genau hier, wo ich mit Abraham Manna aß, bevor ich meine väterliche Fürsorge in Sodom und Gomorrha walten ließ, hier, wo ich führte und Freiheit schuf, weil man mich braucht. Ich erscheine dir, Mensch, weil ich es nicht ertrage, wenn eines meiner Schäfchen jeden Abend in weinerlichem Duktus an meine Gutmütigkeit appelliert, sich in seinem Bettchen zermartert und dem Morgen entgegenwacht, weil ich es nicht ertrage, dass ich dich Weichei jede Nacht mit den Zähnen knirschen höre. Ich liebe Fehler, aber egoistische Gebete langweilen mich, sie deprimieren mich, weil ich weiß und du nicht weißt, dass ich sie nicht erfüllen kann. Deine unablässige Larmoyanz aber hat mich beeindruckt. Ich mag dich nicht, aber du hast mich überzeugt, weil du nicht aufgibst, auch wenn es nicht so aussehen mag. Du willst dich nicht ins Seelenheil retten, du rennst und ruhst doch, du lebst Hauch um Hauch in wachsenden Ringen.

Duc quam fatum aeternum volentem ingenio fert,
ipsi da spontem et vim, libera caram a malo.
Duc animus quam amat per noctem ad lucem,
sensum admitte in ludo, ordinarie caeli!
Ducas et candida sint amandam membra animaque
semper fiat integra – isto modo persit.

Du möchtest, dass ich sie beschütze, sie, die du nicht kennst und nie kennen wirst, weil sie dich meidet wie alle Weiber, weil sie flüchtet vor deinen Zudringlichkeiten und ihren beperlten Hals reckt in die Nacht und sich ergibt der Bestimmung und Flut. Doch du hast dir ihre SEELE gemacht, ihre Seele GESUND gemacht, bist ihr Knecht geworden, streust Rosen auf ihre gerechten Wege – du singst und jauchzend fährst du in die Löwengrube, Hosanna, Hosanna, dein goldenes Haar!
Doch schwankt mein Schatten nunmehr durch den schweigenden Hain, im Dienste ihrer und der müßgen Weile, ich finde nicht zurück, misse das gestohlene Feuer, und im Ganzen ist mein Abgang nur Ausdruck des Einzugs.
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david | 09.01.2004, 12:01Antworten
Leider kann ich kein Latein, was ich sehr bedauere, aber mir gefällt deine Geschichte und speziell die Sprache sehr gut, wobei ich trotz allem meine egoistischen Bitten Nacht für Nacht zähneknirschend Richtung Fragezeichen senden werde.


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