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Ab Ovo
02.02.2004, 02:53
ANONYMUS X
Anonymus X

Ab Ovo

„Das ist schon ok so“, sagte sie, aber erst nachdem ich ihr über die Albedo, also Helligkeit, des Pluto berichtet hatte, die nicht sehr groß sein kann, weil dieser beschissene Planet von allen neun am weitesten von der fetten alten Sonne entfernt ist. Außerdem ist Pluto selbst ja auch nicht gerade ein (roter) Riese. „Das wird immer so sein“, sagte sie, „und war wohl auch schon immer so“, einfach unwandelbar, apeiron. Aber zuvor war ich mit meinem grünen Auto etwa hundertzwanzig Kilometer Richtung Süden gefahren, privat, also idiotisch, denn so hieß das Wort bei den Griechen. Ich war gefahren in meinem grünen Auto ohne Autoradio, denn das hatten sie mir kurz zuvor gestohlen, und hatte dennoch Radio gehört, und zwar das Badezimmerradio meiner Oma, das mit Batterien betrieben wird und das sie nicht braucht, weil sie so schlecht hört, dass man schreien muss, wenn man neben ihr steht, und außerdem schaut sie lieber Fernsehen, konsumiert dieses Soma, diese geißelnde Droge der Nachkriegszeit, um sich Heimatfilme anzusehen oder reiche und schöne Leute. Ihre Lieblingssendung heißt demnach „Reich und Schön“.
Ich war also gefahren in meinem grünen Auto durch den strömenden Regen und landete dann schließlich in dem kleinen südlichen Dorf, wo sie an diesem Abend singen würde und wo nur rohe Skythen wohnten, die sich nicht artikulieren konnten. Ich kam in den Saal und da spielte schon diese Musikgruppe und da stand sie schon auf der Bühne und schwankte und zappelte hin und her und hielt ein Ding in der Hand, das aussah wie eine Banane, das aber wohl irgendein Rhythmusinstrument war in Wahrheit, wenn man an diesem Ort zu dieser Zeit überhaupt von Wahrheit sprechen konnte. Dann begann sie zu singen und traf die Töne nach dem Zufallsprinzip. Hätte man ihren Gesang mathematisch zu skizzieren versucht, die Gleichung hätte am Ende ausgesehen wie eine Mandelbrotmenge, eine fraktale Abbildung eines chaotischen Systems. Nichtsdestotrotz bestellte ich mir ein Bier nach dem anderen, denn ich war weit gefahren und, wie mein Opa immer gesagt hatte, wenn ich hart arbeite will ich trinken auch. Ich wich dem mesmerisierenden Blick der Kellnerin aus, denn ich war ja nicht ihretwegen gekommen, sondern wegen Troba, so wollen wir sie nennen. Und die stand dort und sang und banante sich in die Herzen und Hodensäcke der geifernden Lotophagen im Publikum. Ich jedoch soff mir Troba (wer heißt schon so?) und ihre Musik schöner und betrieb somit Autopoiese.
Endlich war Troba (was für ein vermaledeiter Name, möge er der Literaturwissenschaft noch über Jahrhunderte hinweg Rätsel aufgeben!) fertig mit der Singerei, denn so hatte sie die Gackophonie genannt und mich gefragt, „hat dir die Singerei gefallen, hat sie dir gefallen, die Singerei?“ Da stand nun Troba und glich einem Schwan mit ihrem archetypisch langen Hals und ihrem ungewöhnlich großen Zinken, den sie hoffärtig in den Nikotinwind hob und an dem ich meine Jacke hätte aufhängen können, hätte ich sie nicht vorschriftsmäßig an der Garderobe abgegeben. „Troba, Troba, wie geht es dir, reich mir die Hand, mein Leben!“ flötete ich pathetisch. Während der uninteressanten Antwort musterte ich sie und musste mir eingestehen, dass sie, in einer renaissancehaften Darstellungsweise wie dem Liebeskrieg des Dichters Marino, schon so schön war, dass ich ihr am liebsten in die Goschen gehauen hätte. Ich war betrunken, möglicherweise ebenso betrunken wie D’Artagnand in seiner letzten Nacht bei den Musketieren, also sturzbetrunken, aber ich hielt das nicht für ein Problem, denn normalerweise redete Troba so viel, dass man damit problemlos ein Windkraftwerk betreiben oder die Flatulenzen Adolf Hitlers simulieren könnte. Als jedoch Troba mir von den Büchern des Wolf Haas vorschwärmte, dieses Sprachzerstörers, war mir klar, dass ich den weiten Weg in dieses südliche potemkinsche Dorf umsonst gefahren war, also wirklich idiotisch, gefahren war wegen hundertdreiundsechzig Zentimetern, die gerne Wolf Haas lasen, diese Schießbudenfigur und Voralpendreckschleuder. Wolf Haas, ein notorischer Schwachdenker und Schmalspur-Tschechow mit Hang zur ekelhaften Sprachutrage, begegnete mir in diesem südlichen Dorf in Gestalt einer kokettierenden Megäre, die auch noch Troba hieß, zumindest wollen wir sie so nennen.
Da war mir das Thema Literatur gründlich verleidet, ich hatte keine Lust mehr am Text, und das ist schon ok so, dachte ich, denn das sagte Troba die ganze Zeit über gerade zu anaphorisch, weil über Literatur soll man nicht reden, sondern man soll sie gefälligst lesen, denn darum heißt sie ja Literatur (einen Buchstaben kann man leichter lesen als aussprechen). „Lesen Sie das Buch und halten Sie den Mund“, rief ich, und da lachte Troba laut auf, geradezu hysterisch, ähnlich wie die Prokuristin, der wahrscheinlich heute noch ihr Sternum wehtut vom Lauf meiner eregierten Waffe. „Viel besser als lesen“, sagte ich, „finde ich aber noch das Zusammenbauen dessen, was in den Überraschungseiern drinnen ist. Ich meine, es wäre doch recht und billig, dass man nach dem sucht, was man nicht hat, der Sonne, dem heiligen Gral oder der blauen Blume, aber als Mann verfügt man doch normalerweise über zwei Eier, und dennoch isst man Eier zum Frühstück, König Artus entrückte sogar nach Avalon, die Eierinsel, Kolumbus machte ein Ei weltberühmt (oder umgekehrt?), Intellektuelle werden in gewissen Ländern als Eierschädel bezeichnet, nicht aber in Österr Ei ch, und zu allem Überdruss kauft man sich Überraschungseier und macht das zu einem Ganzen, was man in Teilen darin findet, aber in natürlicher Vollendung am eigenen Körper“, sagte ich, „und man erreicht so die Eidämonie.“ „Ja aber“, so Troba, „kommst du dir da nicht blöd vor, wenn du in deinem Alter noch, ich meine, ich will dir ja nichts vorschreiben“, so Troba, das Über-Ich, „wenn du da noch Überraschungseier zusammenbaust?“
Ich ärgerte mich, denn das war gemein. Ich gab mich locker, lachte ebenfalls laut, aber gequält auf und versuchte die Sache zu umschiffen, „nun, ICH baue die Eierinhalte ja nicht zusammen, das macht mein kleiner Bruder, ICH esse auch nicht die Schokolade, ganz im Gegenteil, ich finde Schokolade ekelhaft, denn sie sieht aus wie das, was hinten rauskommt“, dabei lachte ich, hihi, wie ein Chinese, schob eine Schulter vor und die andere zurück, dann umgekehrt, wie in einem Regentanz, und als Troba noch immer nicht mitlachte, schlug ich mit der flachen Hand auf den seitlichen Troba-Oberarm, also Troberarm oder Trobarm. Ich hörte mich weiterreden, und Troba sah aus wie ein Gemälde von Basil Hallward, ich konnte aus ihren sich stets verändernden Zügen Aufschlüsse über das gewinnen, was ich gerade gesagt hatte. Es war wie fernsehen, wie „Reich und Schön“, nur dass ich nicht reich war und Troba schön, und dass Troba nun ich war, aber mit einer Verzögerung von etwa drei Sekunden, denn so lange brauchten Trobas Züge, um das von mir Gesagte zu antizipieren und schließlich den jeweiligen Sachverhalt abzubilden. Troba war wie Proteus, und nun verriet mir ihr Antlitz, dass ich gerade „du hast geile Titten“ gesagt und dabei gelogen hatte, denn so geil waren ihre Titten bei Jehova nicht, und dessen Ruhm hatte ich gerade geschmälert, indem ich Trobas Vorbau verbreitert hatte. Jetzt redete ich mich immer tiefer in einen Strudel, den meine Oma gebacken haben könnte, einen Vortex von Worten, doch mit einem Mal blickte Troba völlig undurchdringlich drein, rätselhaft wie eine Sphinx. Ich hörte auf zu reden, um zu erfahren, was ich gesagt hatte. Troba reckte ihren Hals und hob ihren Zinken an. Aus ihren schwarzen Augen grinste Wolf Haas, und mich schauderte. „Du hast gerade ‚Ficken‘ gesagt“, versetzte Troba, „das heißt, ich muss gehen.“ Da war sie weg. Troba schien auf „Ficken“ gewartet zu haben wie Maria Stuart auf „Freiheit“.
Ich verließ den Saal, um in meinem grünen Auto zu übernachten. Auf der Straße sah ich einen baumlangen, hässlichen dünnen Mann stehen, der aussah wie ein schwuler Engländer mit Pferdegebiss. Ich kam näher an ihn heran und merkte, dass ich selber derjenige war, der da stand. Als ich diesen Bruder im Geiste vor mir stehen sah, kamen mir all die Überraschungseier, die ich in meinem Leben zusammengebaut hatte, nur mehr vor wie Makulatur. Ich lachte und sprang vor Freude wie ein Kind, ich breitete meine Arme aus und wollte mir um den Hals fallen. Ich hatte jedoch zuviel Schwung genommen, sodass ich mich zu Boden riss. Ich wunderte mich, dass dieser Mann, der mir glich wie ein Ei dem anderen, so einen harten Körper hatte. Aber als ich mich benommen aufrichtete, sah ich, dass es mein kleiner Bruder war, der sich wieder einmal nicht die Schokolade vom Maul gewischt hatte, aber dafür hatte er sich als Mülltonne verkleidet.
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constantin | 02.02.2004, 08:00Antworten
herrlich! viel gelacht! hab mir die sache laut vorgelesen und dadurch ergeben sich fantastische wortwelten ("Vortex von Worten", "Trober-oberarm") -> es scheint als achtest du noch speziell auf die sprachmelodie, wenn du schreibst
ahenobart | 05.02.2004, 01:44Antworten
marold, das war wieder mal eine glanzleistung! prägnanter witz gepaart mit geistreicher phantasterEi. das ist es.
der autor | 06.02.2004, 00:18Antworten
gott vergelt euch bEIden die liebe, konstruktive kritik!


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