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Montagsgeschichte
01.03.2004 21:51
G. HUNRUS
G. Hunrus

Montagsgeschichte

Montag, 01. März 2004 – Ein schöner, wirrer Tag. Und einem "häller" schimmeligen Kühlschrank. Was macht man da, wenn man nicht Medizin studiert?
Ich bin gestern in der Bundeshauptstadt Wien angekommen. Natürlich per Eisenbahn, alles andere geziemt sich nicht für einen Studenten, außer er hat einen Job. Autofahrgemeinschaften sind auch nur mir einem eigenen Auto oder einer geklauten Mühle billiger als ein Bahnticket. Wer Gegenteiliges belegen kann, weihe mich bitte ein. Ich lasse mich dankend in den Fond einer geräumigen Limousine einladen. Nicht in den Kofferraum. Die Diskussion, welche der beiden Beförderungsmethoden die bessere, schnellere, bequemere oder lustigere sei, spare ich hier bewusst aus.
Solche Fragen sollte man nicht auf freigeistigen Homepages diskutieren, sondern an eichenen Stammtischen, welche von Bier und Selbstgebrannten kleben und nach traditioneller Küche riechen. Dort hat man sich durch heftiges auf den Tischschlagen und Herumgebrülle in den Disput einzubringen, der so heftig geführt zu werden hat, dass er der Intifada in nichts nachsteht. Als einziger Unterschied wäre es wünschenswert, dass am Ende alle in bierseligen Freundschaftskundgebungen das Niederreißen einer Mauer fordern und sich umarmen, ein wenig heulen und die Meinung des Anderen anerkennen.
Selten werden so tolle Kompromisse geschlossen wie an Stammtischen. Obwohl das österreichische Parlament mittlerweile die Stammtischsprache des Pöbels perfekt nachzuahmen weiß, die Kompromissbereitschaft dieser Trinkrunden werden die derzeitigen Parlamentarier nie erreichen. Die Erklärung hierfür: Stammtischmitglieder wie der Franz und der Sepp müssen sich ja am nächsten Tag in die Augen schauen können, wenn sie bei einem Kartenspiel ein paar Bier trinken. Fraktionsangehörige im Parlament lassen sich ihre oft verdrehten Ansichten von Parteigenossen bestätigen, glauben sich dann im Recht und giften die anderen Fraktionsangehörigen als geistig ungelenke Idioten an. In Österreich spielt das natürlich noch herbere Stückerln. Wenn der Stammtischkassier, nennen wir in Ferdl, dasselbe Theater wie der Finanzminister, nennen wir ihn Karl Heinz, veranstalten würde, dann hätten seine Stammtischvorsitzenden Kollegen ihn schon lange auspeitschen lassen. Das ist in manchen Bergtälern Vorarlbergs noch Sitte und Brauchtum und entspricht zu hundert Prozent meinem Rechtsverständnis in finanzministeriellen oder stammtischkassierhaften Geldfragen. Das ist direkter und unkomplizierter als prall gefüllte Aktenwälzer, die in muffigen Archiven weisungsgebundener Staatsanwälte vor sich hin schimmeln.
Schimmel kann aber auch im häuslichen Leben eines Studenten fröhliche Stunden bereiten. Unser Kühlschrank in Wien hat uns jedenfalls gestern nach unserer Ankunft herzlich angeschimmelt. Wenn die mit „Achtung Finanzministerrücktrittsbeweise“ gekennzeichneten Akten weisungsgebundener Staatsanwälte in deren Archiven nur halb so muffig sein sollten, wie der Kühlschrank gestern, habe ich fast Verständnis für eine Niederlegung der Causa Geldgeschenke. All die armen Sekretärinnen und niederen Beamten, die sich durch Schimmelweben in den Archiven weisungsgebundener Staatsanwälte quälen müssen. Erwähnte ich bereits, dass ich „weisungsgebundener Staatsanwalt“ syntaktisch wie auch semantisch einen Leckerbissen deutscher Sprache und Rechtsverständnisses finde? Doch zurück zu den schimmelnden Hallen Justizias. Stellen Sie sich das vor wie Frodo der Hobbit in der ekligen Spinnenhöhle im letzten Teil von „Herr der Ringe“ oder Indiana Jones der selbiges halt etwas männlicher und mit Mumien macht.
Wie sie sich durch diese feinwebigen Netze pressen wie frisch geborene Kälbchen gegen diese Schleimhülle, die sie nach der Geburt umgibt und die Mutterkuh dann gleich hemmungslos abschlabbert. Das ist wahre Mutterliebe. Ich glaube sagen zu können, dass alle an Land lebenden Säugetiermütter ihre Kinder mit der Zunge diesen Schleim weglecken. Außer dem Känguru und dem Menschen. Die einen kriechen in einen Sack wo sie Zitzen und wohlbehagliche Wärme finden, die andern müssen sich erst waschen lassen. Und dann sind da noch, wenn alles in geregelten westeuropäischen Bahnen verläuft, Ärzte und Studenten und das dazugehörige Fußvolk, welches die fabriksneuen Kinder begutachten und wiegen und vermessen. Ich finde das Ritual, der Mutter das Kind gleich nach vollbrachter Geburt zu reichen, eine schöne Geste und eine kleine Entschädigung dafür, dass man nicht abgeleckt wurde. Ich plädiere hiermit für das Ablecken neugeborener Kinder, sofern es das eigene ist, mich hier kein fehlgeleiteter Perverser falsch interpretiert und sich dann vor Gericht gegenüber einem weisungsgebundenen Staatsanwalt mit meinen Argumenten den wahrscheinlich nie geleckten Kopf aus der Schlinge zieht.
Der Kuss auf den neugeborenen Babyschädel sollte als symbolisches Ablecken interpretiert werden, aber die in Scharen umherstehenden Medizinstudenten würden sich dann grausen und in ihren Autofahrgemeinschaften in deutschen Qualitätsmarkenware oder feinen Abteilen der österreichischen Bundesbahnen stolz erzählen, was sie wieder „Abgefahrenes“ erlebt haben und wie „supereklig“ das war, was die Mutter da „abgezogen“ hat. Studenten sind eben ein grausames Volk.
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david | 02.03.2004 10:17Antworten
Jetzt haben wir eine Weile nichts mehr vom Herrn Georg gehört, da kehrt er zurück mit einer würzigen Geschichte! Mir gefällts!
andreas | 02.03.2004 18:18Antworten
einfach herrlich, dein bäckcum, weischt gell, halt sowieso. ich liebe dich und das da oben ist nicht mein richtiger name, sondern ich bin ein geiles neckisches fangirl von dir, weischt gellt halt so. bussi wir sehen uns im solarium wieder, oder halt mal beim innauer, aber nicht z´feldkirch, weil des ischt halt doch net so kuhl wie do in dornbirn. echt schön, das es halt auch weischt. gell.
Phillip | 04.03.2004 12:45Antworten
Großartig. Gefällt mir sehr gut. Hoffe es gibt in zukunft mehr davon. Schreibst du sonst auch noch irgendwo?
 georg | 11.03.2004 11:56Antworten
Danke! Manchmal schreibe Ich noch bei www.fm5.at, aber in letzter Zeit eindeutig zu wenig! Studiumsbedingte Überanstrengungen und so...
  david | 13.03.2004 09:09Antworten
Fans wie Dr. Sommer. "Schreibst Du sonst noch irgendwo?" ;-)
Aber es stimmt, FM5 ist eine feine Sache.
Daniel | 12.03.2004 14:43Antworten
Das ist gut, hier was ordentliches lesen zu können. Auf mehr!


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