An dieser Stelle finden Sie die Beiträge der letzten 180 Tage Gesamtpunkten gereiht.

An dieser Stelle finden Sie die Beiträge der letzten 180 Tage nach Durchschnitt gereiht.
PDF Version
TXT Version
Jäger des verworrenen Schwatzes
16.03.2004 19:31
WOLFGANG OBERMAYR
Wolfgang Obermayr

Jäger des verworrenen Schwatzes

Neulich in der Kirchengasse, Kopfsteinpflaster in breit getretenem Zustand, Taubenpopulation schätzungsweise 0,3 Ew./m², äußerst abschüssig (Achtung: Im Winter Rutschgefahr!).
Fritz bewegt sich getragenen Schrittes die Gasse hinunter, bereits im Anfangsstadium einer ungreifbaren Vorahnung gefangen, dass er das Ende dieser hohlen Gasse nicht lebend erreichen werde können, zumindest aber nicht, ohne dass vorher noch irgendwas passiert, das Fritz vor dem Einbiegen in die Gasse nicht erwartet hat.
Man kennt dieses Gefühl: die Nackenhaare machen sich sträubenderweise bemerkbar, ein wandernder Wüstenbusch kreuzt in Zeitlupe die Gehstrecke. Alles ist still.
Dann, – plötzlich - wie das Innere einer Banane aus ihrem gelben Überzug, schält sich das Gesicht von Rudi aus der Masse der Gehenden. Der Augenkontakt bereits überehrgeizig hergestellt – da hilft auch schnelles, beschämtes Wegwerfen des Blickes wenig. Schon ist Rudi herangenaht, wie ein gestandener Bus ans Hinterteil seines unwissenden Vorfahrers – nämlich viel zu nah, ohne jede Berücksichtigung des Intimbereichs, der bei Fritz ungefähr zwischen ein- und eineinhalb Metern schwankt.
„Grüß dich, altes Haus!“ entfährt es Rudi, bevor er brüsk die Luft wegatmet, die Fritz sich gerade hatte einverleiben wollen.
Wie soll man da reagieren, wenn jemand einen mit so einem Satz konfrontiert, denkt Fritz, will wegrennen, überlegt es sich anders und sagt herzhaft „Hallo?“, obwohl er sich schon halb umgedreht hat und es so versehentlich einer alten Frau sagt, die neben ihm vorbeigehen wollte und sich ob der Störung ungehalten an die Stirn tippt.
Rudi ist trotz aller zweifelhaften Eloquenz doch gnädig dazu bereit , über die peinliche Situation hinwegzusehen und brüllt „Und?“.
Das ist beinahe zuviel für Fritz, doch er zwingt sich dazu, Rudis aufgerissenen Blick zu erwidern und leise „Ja?“ zu murmeln.
„Na, was sagst du?!?“
Fritz überlegt kurz und probiert es noch mal mit seinem vorletzen Wort.
„Hallo? Äh ...“
„Was sagst du zu meiner neuen Frisur!“
„Neue Frisur.“
„JA! Schick, nicht?!“
„Sehr schick, die ...“
„Neue Frisur!“
„Genau.“
In Rudis Augen erscheint ein veränderter Ausdruck, während er Fritz misstrauisch mustert. „Du siehst aus, als stehst du etwas neben dir, Kumpel. Komm, ich lad‘ dich auf einen Irish Coffee ein!“
Rudi streckt die Hand aus, als wolle er Fritz einfach aufheben und mitnehmen, doch da zeigt Fritz zum ersten Mal Eigeninitiative und wehrt ab.
„Ich ... vielen Dank, aber ich muss ich habe ...“ Fieberhaft ringt Fritz nach Worten.
„Musst du auf eine Beerdigung?“ mutmaßt Rudi.
„Ja genau! Beerdigung.“ stammelt Fritz dankbar.
„Oh Gott! Wie furchtbar!“ brüllt Rudi händeringend. „Wer ist es?“
„Es ist mein, meine ah ...“
„Tante, Onkel, Bruder, Schwester, Mutter, Vater, Kind?“
„Das ... öhm, das letzte.“
„Herr im Himmel!“
„Ja.“ Fritz versucht, möglichst niedergeschlagen dreinzublicken.
„Wie kommst du damit nur klar? Das eigene Kind, Ogottogottogott!!“
„Naja, äh ... verdrängen hilft ganz gut.“
„Ogottogott!“
„Ja.“ Fritz bemerkt mit Erleichterung, wie Rudi zusammensinkt und auf einmal ganz kleinlaut wird.
„Wenn ich dir irgendwie helfen kann ...“
„Danke, ich komme schon klar.“
„Na dann ...“
„Bis dann.“
Rudi und seine neue Frisur entfernen sich und Fritz beeilt sich, die Kirchengasse zu verlassen, um noch rechtzeitig auf der Beerdigung einzutreffen.
Bewertung
Dieser Eintrag hat im Voting unter den Abonnenten bereits 7 Punkte erreicht! Sie müssen angemeldet sein, um für einen Beitrag voten zu können!
 
[kommentar abgeben]
 


(c) www.mediativ.com, 2002-2004