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Wie ein Biber
24.03.2004, 23:06
ANONYMUS X
Anonymus X

Wie ein Biber

Damals, beim Fest im Dorf, erzählte mir Brigitte eine Geschichte, die, wie sie glaubhaft versicherte, wahr sei, denn sie sei in eben dieser Form dem besten Freunde des Freundes der Cousine ihrer Schwester zugestoßen:
Dieser Mensch, der übrigens Eduard hieß, betrat ein öffentliches Wasserklosett auf einem großen Platze in der Stadt, in welcher er damals studierte. Jenes Klosett bestand aus lediglich einer Kabine, war also nicht in eine männliche und weibliche Parzelle aufgeteilt, und demnach sozusagen androgyn. Er betrat dieses Klosett, weil er ein kleines Geschäft zu verrichten hatte, und Eduard, das muss erklärend hinzugefügt werden, war ein Mensch, der solche Geschäfte nur dann erledigen konnte, wenn er sicher war, allein zu sein und nicht beobachtet zu werden; deshalb hatte er sich ja nicht in den kleinen Park, der den Platz säumte, und auch nicht in das Pissoir eines Wirtshauses begeben – denn in beiden Fällen hätte er sich irgendeiner Observierung gewiss sein können. Entweder durch einen dicken, schwitzenden Mann, der die Hälfte des Pissoirs für sich benötigt und dann und wann zu Vergleichszwecken auf Eduardens Glied hinübergelugt hätte, oder im Park durch die Anwesenheit einer Horde müßiger Halbstarker, die Eduarden aus ebensolchen Gründen gemustert, ja ihn womöglich gar verhöhnt hätten, oder schlichtweg durch die ungeteilte Aufmerksamkeit einer Taube – denn Eduard war Ästhet und mochte diese grauen Tiere, die in ihrem watschelnden, nickenden Habitus aussahen wie betrunkene Femerichter, auf den Tod nicht leiden.
Nun stand Eduard in Position und hatte sein schon angesprochenes Glied hervorgekramt. Da bemerkte er zu seinem Entsetzen, dass dieses Wasserklosett zwei Fenster hatte – eines links, eines rechts von ihm, beide nicht etwa von Milchglas ausgefüllt, sondern voll und ganz transparent. Der erste Schreck war bald überwunden, dennoch hinterließ er Spuren in Eduards Eingeweiden, und so wie ihm zunächst der Odem gestockt war, stockte nun der Strahl, mitten im so wichtigen kleinen Geschäft. Und strömt und ruht, dachte der poetische Eduard und fand dieses treffende Zitat so vergnüglich, dass er fidel hüstelte, was den Strahl jedoch abermals zum Stocken brachte. Da erblickte er am rechten Fenster plötzlich das Gesicht einer alten Frau, und vor Schreck wurde sein ganzer Körper steif, als hätte irgendeine Stimme im Kopf laut „Habt Acht“ gesagt. Die Frau pochte mit der bloßen, verknöcherten Faust gegen die Scheibe, verdrehte die Augen und gestikulierte wild, ja fast drohend umher. Dabei blieb ihr Mund aber wie versiegelt und Eduard über den Grund ihres offensichtlichen Zornes im Ungewissen. In seiner Hilflosigkeit suchte Eduard die Alte durch eine wahrhafte Sermon von Floskeln wie Aber bitte, gnädige Frau und Entschuldigen Sie bitte zu beschwichtigen, bald gingen ihm jedoch die Worte aus, er biss die Zähne zusammen und stöhnte und seufzte traurige, ratlose und unverständliche Wortgebilde. Eduard wendete seinen Kopf nach links in der Hoffnung, durch den Blick in eine neue Richtung dieser unpässlichen Situation zu entkommen, doch – ganz im Gegenteil! – sah er am linken Fenster nun gleichfalls ein Weibsbild stehen, allerdings ein junges, recht adrettes, dessen Antlitz allerdings ebenfalls in unerklärlichem Zorn grässlich verzogen war. Als Eduardens Blick dem ihrigen begegnete, begann sie, ganz nach dem Vorbilde der Alten, schweigend der Scheibe kraftvolle Faustschläge zu versetzen. Nun begann Eduard von neuem seine Predigt, versuchte durch ununterbrochenes Wiederholen der Worte Ich bitte Sie, meine Damen, lassen Sie mir noch ein wenig die Umstände zu erleichtern oder wenigstens ein Gespräch zustande zu bringen. Als Eduard nun zur Alten hinüber sah, stellte sie ihr Trommeln ein und sprach: Mir wollen aa do herinnen scheisn!
Da war es aus mit dem Prunzen, Eduard wusste nicht, was schlimmer war, diese gedehnte, alemannische Aussprache eines so ordinären Wortes oder die Tatsache, dass ihm zwei Weiber auf sein mittlerweile erigiertes Glied starrten, das er schamhaft mit Klopapier abschirmte, während er verlegen auf den wenigen, strohgelben Harn in der Klomuschel blickte. Die Hölle sind die anderen, dachte er, als das Pochen erneut orkanartig anhob, diesmal begleitet von sich an Intensität steigernden Schimpftiraden, die Eduard wieder, diesmal energischer, zu zerstreuen versuchte, die aber das jüngere der beiden Weiber ebenfalls als Alemannin auswiesen (vor allem, als sie brüllte: Dieser Klugscheiser mit seinen Reden, dabei kann er net amal grüüüsn). Eduard verstaute sein Glied mit einer ängstlichen Ernsthaftigkeit, die er zuletzt am Tag seiner Bar Mizwa gefühlt hatte, sein Herz wild pochend im Rhythmus des Weiberklopfens, seine Synapsen zuckend, sein Hirn schweigend. Er kam auf die glorreiche Idee, das im Übermaß vorhandene Klopapier nass zu machen und damit die Fenster zu verbarrikadieren, damit die beiden Eumeniden nicht hineinsehen konnten, aber wie, denn Pischen konnte er nicht unter Beobachtung, das Glied war schon eingepackt und Spucke hatte er an diesem heißen Tag sowieso zuwenig (daher auch sein Durst und Mundgeruch). Also nahm er einen Kaugummi aus seiner Hosentasche, steckte ihn in den Mund und kaute wild und unkontrolliert darauf herum, wobei Maxilla und Mandibula knacksten und er die Augen verdrehte und wild mit den Armen ruderte und dem Kopf nickte wie eine sterbende Taube. Mittlerweile standen an jedem Fenster rund zehn Weiber, alle pochten sie und alle rügten sie Eduard für etwas, was er nicht oder nicht absichtlich getan hatte oder gar nicht tun konnte, absichtlich oder nicht, in alemannischer Mundart.
Er riss sich den rosa Kaugummi aus dem Maul, zerteilte ihn in etwa zwanzig kleine, klebrige Teile, mittels deren er Klopapierstreifen an die Scheiben zu kleben begann, doch die leidigen Fenster waren damit mehr schlecht als recht verhüllt, und die Zahl der Weiber schien unaufhörlich zu wachsen. Nun pochten sie auch schon gegen die Wände, das Klosett schien aus den Fugen, und Eduard kam sich vor wie Achilles, nur dass diese Weiberschar ihn nicht deckte, sondern ihm nach dem Schädel trachtete. Eduard stellte sich wieder vor die Muschel und packte erneut sein Glied aus. Doch die Papierstreifen an den Fenstern verdeckten den Weibern die Sicht nicht recht, einige lösten sich sogar ab, mehr noch schien es, als würde diese Blendung die Masse noch aggressiver machen, sie in reißende Wölfinnen verwandeln. Also packte Eduard sein Glied wieder ein und kippte eines der Fenster auf, denn die Luft im Klosett war knapp – durch das spärlich geöffnete Fenster warfen sie ihm zwei, drei Windeln hinein, und zum ersten Mal wurde hysterisches Lachen vernehmbar, das, so hoffte zumindest Eduard, nun die dämonische Spannung vertreiben würde. Er lachte mit und wendete sich wieder an die belagerten Fenster, aber meine Damen, ich bitte Sie, was soll ich denn mit diesen Danaergeschenken? Dabei versuchte er möglichst charmant und jovial zu wirken und machte sogar einige Kratzfüße und Kotaus. Das Lachen verstummte, die Weiber wurden wieder aggressiver, da reckte sich plötzlich ein gefährlich langer Hals das Fenster hoch und spuckte dem in staunendem Sehen verharrten Eduard mitten ins Gesicht, an sich eine Meisterleistung bei nur etwa zehn Zentimetern Spielraum, die dieses gekippte Fenster eröffnete. Eduard verlor die Kontrolle, schrie den Weibern mit pathetischem Gehabe zusammenhanglose Silben entgegen, pi pa po, ihr habt es ja so gewollt, ihr Gorgonenschwestern! Eduard erkannte, dass ein Sieg unter diesen Voraussetzungen nicht mehr möglich war und beschloss zu handeln wie ein Biber, von denen ja gesagt wird, dass sie sich, wenn sie verfolgt werden, den eigenen Pelz herunterbeißen.
Auf dem menschenleeren Platze hatte ein alter Mann inzwischen eine geschlagene halbe Stunde im Regen auf das Freiwerden des öffentlichen Wasserklosetts gewartet – er war bereits mehrmals um das Klosett herumgegangen, doch da man natürlich nicht hineinsehen konnte, hatte er zwei- oder dreimal sachte an die Tür geklopft, sich geräuspert und vorsichtig gefragt, wie lange es denn noch dauere, er habe nämlich Diarrhö. Als auch das nichts gewirkt und er von innen noch keine Antwort vernommen hatte, suchte der Alte einen Schutzmann auf, der nach einigem hochoffiziellen Hin und Her die Tür zum Klosett erbrach. Darinnen fanden sie Eduarden nackig, er hatte sich mit seinem eigenen Gürtel stranguliert, und sein Glied stand in stattlichem Bogen vom Körper ab.
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constantin | 25.03.2004, 09:12Antworten
erinnert sehr stark an Kafka! herrlich, eduard ist wohl schon schuldig geboren worden.


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