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Die Mitte auf Abwegen
21.04.2004 11:10
WOLFGANG OBERMAYR
Wolfgang Obermayr

Die Mitte auf Abwegen

Als die Mitte eines Morgens erwachte, beschlich sie sofort das seltsame Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Sie fühlte sich übernächtigt, hatte Kopfschmerzen. Sie war total unausgewogen und irgendwie mit sich selbst nicht im Reinen - und dass, obwohl sie von Natur aus ziemlich ausgeglichen war.
Und dann, als sie sich umsah und sich ihrer Umgebung bewusst wurde, musste sie erkennen, dass sie sich in einem fremden Bett befand, in einem fremden Zimmer, dass überdies so aussah, als hätte eine Bombe darin eingeschlagen. Kein Wunder, dass die arme Mitte ziemlich verstört war. Zu allem Überfluss stieß sie sich auch noch den Kopf, als sie sich aufsetzen wollte und zwar an einem äußerst deplazierten Bücherregal über dem Bett.

Die Mitte hatte nicht einmal Zeit, angemessen auf den Schmerz zu reagieren, denn just in diesem Moment ging die Tür auf und ... der nackte Wahnsinn kam herein!
"Na so was!" entfuhr es der geschockten Mitte. "Der Wahnsinn!"
"Na, was Hübsches geträumt, Baby?" entgegnete dieser lässig und schnappte sich eine Unterhose, die neben einem Paar Socken am Lampenschirm neben der Tür hing. "Entschuldige die Unordnung", fuhr er fort, während er sich notdürftig anzog, "aber die Wohnung gehört meinem Bruder, dem Chaos."
"Was? Woher! Wie ...?" stammelte die Mitte und musste sich erst einmal sammeln, bevor sie fragen konnte: "Wie, um Himmels Willen, komme ich hier her?"
"Der Himmel hat damit rein gar nichts zu tun, Schätzchen." meinte der Wahnsinn und fügte mit einem verschmitzt-irren Blick hinzu: "Obwohl du gestern im Bett ziemlich oft einen gewissen Gott erwähnt hast."
"Oh nein!" stöhnte die Mitte, der mit einem Schlag wieder alles eingefallen war. "Die Party!"
"Genau die, Püppchen." bestätigte der Wahnsinn.
Hastig raffte die Mitte sich auf und suchte ihre Sachen zusammen. "Verdammt, was soll ich bloß Buddha sagen?" murmelte sie, mehr zu sich selbst, doch der Wahnsinn hatte es natürlich trotzdem verstanden.
"Sag ihm, du hättest letzte Nacht den Wahnsinn erlebt und dass der Schlappschwanz da nicht mithalten kann." schlug er gehässig vor.
Endlich hatte sie sich fertig angezogen, schlüpfte zwischen des Wahnsinns gierigen Händen durch und verließ die Wohnung.
"Rufst du mich an?" rief ihr der Wahnsinn nach, doch sie ignorierte ihn.

Draußen auf der Straße fühlte die Mitte sofort deutlich, dass etwas nicht in Ordnung war. Die Leute starrten sich hasserfüllt an und überall war es zu schweren Unfällen gekommen, weil zahlreiche Geisterfahrer nicht in der Spur hatten bleiben können. An einem Kiosk kaufte sie sich die Tageszeitung und las entsetzt, was sich während ihrer Abwesenheit alles ereignet hatte:
Die Selbstmordrate war über Nacht um das Zweifache gestiegen, ein paar Präsidenten am anderen Ende der Welt hatten überstürzt beschlossen, gegen einander Krieg zu führen, sogar der Äquator hatte sich ein Stückchen südwärts verschoben, was nun zahllose Naturkatastrophen zur Folge hatte.
Panik überkam die Mitte. Sie ließ die Zeitung fallen und rannte weg, sie wollte nur noch nach Hause.

Fast wäre sie direkt in ein Auto gelaufen, dass jedoch gerade noch mit quietschenden Reifen zum Stehen kam. Ein Fenster wurde hastig herunter gekurbelt und die Mitte rechnete schon damit, vom Fahrer angeschrien zu werden, was sie sich nicht einbilde, so kopflos über die Straße zu rennen, doch der zischte ihr nur zu: "Steig ein, schnell!"
Die Mitte war etwas verdutzt über diese Aufforderung, außerdem sah der Fahrer seltsam aus, er war völlig mit mehreren Schals vermummt und trug eine riesige Sonnenbrille, obwohl die Sonne heute noch gar nicht aufgegangen war (sie befand sich zusammen mit mehreren anderen Gestirnen im Streik). Doch immerhin hatte er sie nicht angeschrien, also stieg die Mitte dann doch ein. Sofort gab der Fahrer Gas, das Auto machte einen Satz nach vorn und dann waren sie auf und davon. Die Panik mit ihrem wirren Haar sah der Mitte traurig nach.

Erst nachdem sie schon ein gutes Stück weit gefahren waren, gab der mysteriöse Fremde sich zu erkennen.
"Wo warst du denn die ganze Zeit?" fragte die Toleranz und nahm ein paar Schals ab, so dass die Mite sie erkennen konnte, gab ihr aber keine Zeit zu antworten, sondern fuhr sogleich aufgebracht fort: "Weißt du eigentlich, was hier los ist, seit du verschwunden bist? Erst haben die Rechten angefangen, Jagd auf mich zu machen, dann die Linken und jetzt auch noch die Neutralen. Fehlt eigentlich nur mehr der Papst und dann ist die ganze Welt hinter mir her!"
Sie unterbrach sich, als wäre sie auf etwas aufmerksam geworden und drehte das Radio lauter.
"Soeben wurde verlautbart, dass der Vatikan ein Kopfgeld auf die Toleranz ausgesetzt hat. Es handelt sich dabei um freien Eintritt ins Himmelreich, ungeachtet der Sünden und ..."
Mit einem dumpfen Knacksen verstummte das Radio, als die Toleranz grimmig abdrehte.
"Bitte bring mich nach Hause." flehte die Mitte leise vom Rücksitz aus.

Nachdem die Toleranz sie vor ihrem Haus abgesetzt hatte, war sie gleich weiter gefahren, um ihre Verfolger abzuschütteln und gegebenenfalls das Land zu verlassen. Nun war die Mitte also endlich zu Hause, aber es war noch nicht vorbei. Jetzt musste sie Buddha unter die Augen treten und beichten, dass sie ihm untreu gewesen war. Ihr Finger bewegte sich zum Klingelknopf und verharrte dort, während sie den Gedanken erwog, ob es nicht einfacher wäre, es der Toleranz gleichzutun und einfach auszureisen, als Buddha ihr die Entscheidung abnahm und von Innen die Tür öffnete.
"Schatz!" begrüßte er sie selig lächelnd. "Ich hatte gerade meditiert, als ich plötzlich das Gefühl hatte, du könntest vor der Tür stehen."
Die Mitte lächelte unsicher zurück und merkte, wie sie vor Scham errötete. "Weißt du, es ist etwas passiert ..."
"Ja, ich hab`s im Fernsehen mitverfolgt. Seit gestern Nacht herrscht in der Welt ja das Chaos!"
"Eigentlich ist es eher der Wahnsinn." korrigierte die Mitte. "Das Chaos ist sein Bruder."
Jähes Begreifen zeichnete sich in Buddhas rundem Gesicht ab und er senkte betreten den Blick. "Ich hatte schon befürchtet, dass du mich betrogen hast." meinte er betrübt.
"Es tut mir so leid! Aber da war diese Party und ich hatte zuviel getrunken ..." brach es aus der Mitte heraus, doch Buddha bedeutete ihr mit einer stillen Geste, zu schweigen.
"Ist ja schon gut. Ich habe dir natürlich längst verziehn." sagte er sanft und schloss sie in seine weichen Arme. "Du kennst mich doch."

Etwas später, Buddha war beim Friseur und die Welt hatte sich wieder etwas beruhigt, ertappte sich die Mitte zu Hause bei dem Gedanken, dass der Wahnsinn mit seiner Bemerkung über Buddha eigentlich doch nicht so unrecht gehabt hatte.
"Im Grunde ist er wirklich ein Schlappschwanz." sagte sich die Mitte und griff zum Telefon.
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david | 24.04.2004 11:05Antworten
Ich mag Geschichten sehr, in denen Charaktereigenschaften, oder wie bei Dir Zustände, personalisiert werden.
Deine Geschichte finde ich sehr gelungen und witzig, wobei mir der Schluss (als treuer Märchen-Fan) zu wenig märchenhaft ist;-)
 Wolfgang | 29.04.2004 17:38Antworten
Danke für deine Kritik (auch die andere)! Leider muss ich sagen, dass ich mit dieser Geschichte überhaupt nichts märchenhaftes im Sinn habe - vielleicht poste ich aber in nächster Zeit mal eins.


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