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Kindheitserinnerung
16.06.2004 10:34
WOLFGANG OBERMAYR
Wolfgang Obermayr

Kindheitserinnerung

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Den größten Teil meiner Kindheit verbrachte ich in einer Zelle. Meine Mitgefangenen waren Freunde, meine Wärter waren Respektspersonen. Der von Scheinwerfern grell ausgeleuchtete Lichthof war so etwas wie meine Spielwiese, obwohl richtiges Spielen natürlich nicht gestattet war. Ich wusste ja auch gar nicht, wie man richtig spielt, keiner von uns wusste das. Aber wir stellten uns oft vor, das wir es wussten und das war auch schon fast so etwas wie ein Spiel, wenn auch ein geheimes. Keiner der Wärter ahnte etwas davon und keiner schöpfte Verdacht, wenn wir uns im Hof manchmal untereinander ansahen und unmerklich lächelten.

Wenn wir nicht im Lichthof oder in den Zellen waren, wurden wir unterrichtet. Der Unterrichtstoff bestand immer aus einzelnen Sätzen oder Zahlenkombinationen, die wir auswendig lernen mussten. Multikonveniale Arrithose wird genutzt, um tarophine Supraplurabilien zu stabilisieren. Der Achte von Neun Einsern ist Fünfmal so viel Drei wie Neunundzwanzig. Dreihundertneun, Zwei, Achtundsiebzig, Null, Viertausendsechshundertachtundneunzig, Null, Siebenundsechzig, Dreiunddreißig. Und so weiter.

Obwohl uns der Sinn der Übungen verschlossen blieb, waren wir doch dankbar, überhaupt etwas zum Denken zu haben. Deswegen lernten wir alles in der vorgegebenen Zeit, immer konnten wir die Merksätze wortgetreu rezitieren. Ich weiß nicht, wie die anderen es sich merkten, aber ich sagte die Wörter und Zahlen immer solange vor mich hin, bis sie mein Mund wie von selbst sagte und ich gar nicht mehr daran denken musste. So war es dann auch bei der Prüfung – wenn der Lehrerwärter den Knopf betätigte, der die Signallampe an meinem Pult rot aufleuchten ließ, öffnete sich mein Mund und sagte automatisch das Richtige. Das funktionierte jedes Mal, es war bombensicher.

Das war im Großen und Ganzen meine Kindheit. Zelle – Lichthof – Unterricht, die Dreifaltigkeit des Lebens wie wir es kannten. Und wir nahmen es hin. Von anderen Dingen wussten wir rein gar nichts. Das heißt wir wussten natürlich, dass es noch etwas geben musste, weil manchmal Leute aus der großen Eisentür am Ende des langen Ganges kamen – der Gang der die Grenze unserer Welt bildete. Wir wussten, da wo diese Leute her kamen, musste es noch einen anderen Ort geben. Aber wir stellten keine Fragen danach, denn man stellte keine Fragen. Die einzigen Antworten, die wir je bekommen würden, das wussten wir, waren Sätze, die wir nicht verstanden. Einer von uns begann sich einmal mit einem Wärter gut zu verstehen. Der Wärter holte ihn manchmal ab und brachte ihn erst viel später zurück, wenn wir bereits schliefen. Unser Mitgefangener erzählte uns dann, was er von seinem Wärterfreund gehört hatte, dass es wirklich noch mehr gab als unsere Zellen und den Lichthof, dass hinter der Eisentür ein Aufzug sei, der dich bis ganz hinauf bringen kann, an einen Ort, den sie „Oberfläche“ nennen und der so was wie ein riesiger Lichthof sein sollte. Ich war ehrlich gesagt nicht sehr begeistert von dieser Vorstellung, den kleinen Lichthof bei uns mochte ich schon nicht besonders, weil mir von dem grellen Schein immer die Augen tränten. Stück für Stück erfuhren wir immer mehr über das, was außerhalb war. Das es verschiedene Stockwerke gab und jedes anders aussähe. Die wenigstens kamen überhaupt bis an die Oberfläche und wenn, dann erst wenn sie alt waren und sich keine Sätze mehr merken konnten. Vieles von dem, was unser Mitgefangener uns erzählte, ergab Sinn. Oft verschwanden welche von uns, wenn sie älter wurden und wir hatten schon immer die Vermutung gehabt, dass diejenigen durch die Eisentür gingen. Der Gefangene, der uns all diese Sachen erzählte, verschwand eines Tages auch und mit ihm sein Wärterfreund. Wahrscheinlich, dachte ich damals, sind sie zu dieser Oberfläche gefahren. Mehr Gedanken verschwendete ich dann nicht mehr an ihn, weil wir gerade in der Zeit nach seinem Verschwinden sehr viele und schwere Sätze zu merken bekamen.

 

Als ich dann eines Nachts von einem Wärter aufgeweckt wurde, dachte ich im ersten Moment, er wollte auch mein Freund sein, doch der Wärter war nicht freundlicher als sonst, er führte mich in ein Zimmer, dass ich in meinem Leben bisher noch nie betreten hatte und ließ mich dort einige Zeit warten. Dann kam er wieder und sagte mir, der Untersuchungsausschuss erwarte mich jetzt und ich solle durch die Tür dort treten.

Ich tat es und fand mich in einem runden Saal wieder. Entlang der Wand stand ein halbkreisförmiger Tisch und dahinter saßen einige ältere Leute, die meisten so alt wie die Wärter, aber ein paar davon viel älter. Sie hatten alle Blöcke und Stifte vor sich liegen und sahen mich mürrisch an, nur ein Mann, der genau in der Mitte saß, hatte ein sanftes Lächeln aufgesetzt.

„Wir sind die Axiome.“ sagte er und wartete. Ich wartete ebenfalls, bis ich sah, wie mich die anderen anstarrten. Ich erkannte, dass man eine Entgegnung erwartete. Ich wusste nicht, was ein Axiom war und darum reagierte ich so, wie ich es gelernt hatte.

„Sie sind die Axiome.“

Der Mann lächelte noch etwas mehr, während einige der mürrischen Leute etwas auf ihre Blöcke schrieben.

„Gut, du hast nicht gefragt, was ein Axiom ist. Test bestanden. Jetzt erzähl mir, wie dir der Unterricht gefällt.“

Ich erzählte ihm, dass ich lieber Sätze als Zahlen auswendig lernte. Warum Sätze? Weil ich sie mir leichter merken kann, antwortete ich.

„Gut, dann wirst du in Zukunft nur mehr Sätze auswendig lernen müssen. Welche Arten von Sätze wird noch genau erörtert werden, aber nicht heute und vor allem nicht hier.“ Der Mann kicherte leise in sich hinein. „Wir schicken dich nach oben.“

„An die Oberfläche?“ entfuhr es mir, das Bild einer grellen Leere im Kopf, ein unendlicher Lichthof. In den Augen des Mannes erschien ein lauernder Ausdruck. „Woher kennst du dieses Wort?“ Ich erzählte es ihm. „Ah, nun vergiss es wieder. Das hat für dich noch keine Bedeutung. Du kommst fürs erste ins Memorabiliarium.“ Wieder wurde seine Gestalt von einem sachten Kichern erschüttert. „Du hast da ein leistungsfähiges kleines Maschinchen in deinem Schädel, wenn man dem Lehrerwärter glauben darf.“ Er drückte auf einen der vielen Knöpfe vor sich auf dem Tisch und der Wärter kam herein, um mich abzuholen. Der Mann sagte nichts zum Abschied.

 

Der Wärter brachte mich zur Eisentür. Dort angekommen holte er eine seltsame Karte aus seiner Tasche und steckte sie in einen Schlitz neben der Tür. Ein leises Piepen ertönte und dann warteten wir.  Aus einem unerfindlichen Grund kam mir plötzlich das Spielen in den Sinn und ich musste lächeln. Der Wärter wandte mir den Blick zu, aber er lächelte nicht zurück, schaute mich verständnislos an. Die einzigen, die es verstanden hätten, waren meine Mitgefangenen. Aber die blieben hier. Vor uns schepperte es und die Türhälften glitten rasselnd auseinander.

Unerträgliche Helligkeit schlug mir entgegen und ließ mich schaudern. Obwohl man keine Fragen stellte, wandte ich mich an den Wärter. „Bitte“, flüsterte ich blinzelnd, „ist es dort oben auch so hell?“ Das Gesicht des Wärters konnte ich aus den tränenden Augenschlitzen nicht genau erkennen, aber ich sah, wie er mich wieder anblickte und den Kopf schüttelte.

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David Boeckle | 26.06.2004 09:38Antworten
Ich möchte Dir zu dieser Geschichte gratulieren. Besonders die Idee dieser Lernzellen, wo gelernt wird ohne irgend eine Möglichkeit das Gelernte in einen Kontext zu setzen, wodurch es sinnlos bleibt, egal wieviel gelernt wird. Das finde ich ein sehr interessantes Bild.
David Boeckle | 26.06.2004 09:40Antworten
Ich möchte Dir zu dieser Geschichte gratulieren.
Das Bild von Menschen tief unter der Erde, die Lernen ohne je die Möglichkeit zu haben, das Gelernte in einen Kontext zu setzen, wodurch es immer sinnlos bleibt, gefällt mir sehr gut.


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