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Chafe - eine kurze Geschichte
30.08.2004 19:59
MATTHIAS BENZER
Matthias Benzer

Chafe - eine kurze Geschichte

‚I´m having a ´Bad Life Day´, its a bit like a Bad Hair Day but with a longer tail.’ (Tabitha, irgendwann im November 2002)

Nicht mehr lange, und meine Bekannte Laura wird sich in Islington um Parks und Friedhöfe kümmern, und zwar keineswegs als Landschaftspflegerin sondern als ‚Beauftragte’. Nach Monaten der Warterei: die Berufung, von der sie mir zwei Jahre lang Bilder in die Luft sang, ihr Traum, wurde ihr mit vorletzter Woche zur aufregenden Gewissheit. Sie kann wieder von neuen, greifbareren Dingen schwärmen, was ihr vor allem jetzt, da man abends draußen sitzen kann, besonders lieb ist. Stundenlang malt sie mir aus, wie man in ‚parks’, noch mehr in ,cemos’, wie sie die alten ‚cemetaries’ der Wirtschaftlichkeit der Konversation wegen mütterlich abkürzt, quotidiane Erfüllung finden könne, ohne dass sich etwa dabei Enttäuschung darüber bemerkbar machte, dass ich ihre Vorfreude nicht im selben Maße nachvollziehen kann wie andere, die wenigstens so tun als ob und ‚brilliant’ stammeln. Meine Bekannte Laura befand sich noch vor nicht langer Zeit in einer Zelle, deren Wand stahlhart war, sie angrinste, ihr all die Freiheiten gab, die sie nicht wollte, nicht einmal ablehnen konnte. Ich bin von ihrer Zelle besessen, und doch schon nicht mehr modisch. Ich kann nicht von ihrer Zelle lassen, während sie sie längst ausgetauscht hat. Ich habe mich verbohrt.

Mir will es noch nicht gelingen, mit Laura mitzugehen. Unsere Gespräche haben sich verändert. Nicht fundamental, und überhaupt nicht meinerseits. Unser Austausch war nie von großartiger Frustration oder Melancholie. Die Dialoge waren eher die zwischen zwei Abschaltenden. Wir wussten das immer, machten nie Anstalten, uns auf höherem Niveau gegenseitig herauszufordern. Veränderungen hätten Schwierigkeiten gehabt, Aufmerksamkeit zu erlangen. Und doch, eine Kategorie wird von ihr nur noch selten verwendet, und das ist auffällig, regt zum Denken an, macht verrückt, juckt. Es war nämlich meine Bekannte Laura – und daran werde ich noch zu arbeiten haben –, die mir den Begriff des ‚chafe’ näherbrachte. Lange schon habe ich an diesem Wort zu kauen, es zu drehen und wenden, zu versuchen, aufzuschreiben, vor mich hinzuflüstern, um zu sehen, ob es sich auftut, mir zeigt, was dahinter sei. Mir war nach fünf Jahren in der herbstlichsten Stadt des Universums natürlich geläufig, dass sich ‚chafe’ in etwa in ‚Reibung’ in die Muttersprache übersetzen ließ. Trotzdem – das hat jetzt gar nichts damit zu tun, dass man in einer Fremdsprache nie so gut zwischen den Zeilen oder gar, wie in diesem Falle: den Buchstaben lesen kann als in der eigenen –, um ‚chafe’ kennenzulernen, musste ich immer wieder an ihm herumexperimentieren, und noch lässt mich dieser Begriff nicht los. Ich habe mich bisher ungemein aber nur minder erfolgreich darum bemüht, diesem Wort eine einigermaßen akkurate Bedeutung zu entlocken. Denn Laura, auf die es, ‚chafe’, wohl von je zurückzuführen wäre, war in dieser Instanz zumindest enorm erfinderisch. So dominierte also dieser kryptische Laut unsere Konversationen über eine ganze Weile hin, und jetzt, da ich beginne, ihm vielleicht etwas besser begegnen zu können, meine Mühen sich langsam beginnen zu lohnen, ich ihn sogar schon selbst verwende, wenn auch selten und meist inopportunerweise, soll er nicht mehr wichtig sein. Vom zentralen Begriff zum Epiwort. Daran wird man sich noch gewöhnen müssen, an den lauen Optimismus, der ‚chafe’ zur schalen Formel degradiert.

Im folgenden Rückblick auf ‚chafe’ geht es auch ums Weinen, mehr aber noch um jenes spastische Lachen, das mich immer wieder nachfragen lässt, ob Weinen denn als Emotion noch zulässig sei, oder ob wir’s schon mit der Traurigkeit und ihren in die Tage gekommenen Schwestern – Treue, Würde, Zugehörigkeit, Liebe, Erregung – ad acta zu legen hätten. Es geht im Folgenden um jenes krümmende Lachen, man könnte Kichern sagen, wäre die Situation nicht todernst (oder so), in jedem Fall um jene Reaktion, bei der man erratisch Luft aus der Lunge ins Offene presst, die Mundwinkel wohl nach oben zieht, auch Augen und Nasenflügel dem Lachenden gleichmacht, bei der aber doch niemand richtig Spaß hat, und, was noch bemfremdlicher ist, die keinen ansteckt. Bei diesem Lachen wird man nicht unterhalten, und man ist vollends alleine. Es ist, um ein Bild zu verwenden, von dem nicht zu behaupten ist, es sei eines, das Laura willkommen hieße, spräche sie vom ‚chafe’, jene Art des Effektes, der der Art Zarathustras gleichkommen würde, ginge er, einmal gekommen, um allen vom Menschen und dem, was sein muss zu erzählen, noch bevor er fähig wäre, auch nur ein Wort herauszustammeln, achselzuckend zurück in die Wüste, hoffend, es rufe ihm nur ja niemand hinterher, um nicht hineinzugeraten. Es geht um das Lachen, das jenen überkommt, der aus dem Staunen über die Unglaublichkeit des Ereignisses, das so jeglichem Verständnis widersteht, dass er nur noch in kurzen Zuckungen atmen kann, seine Lebensfunktionen wohl erfüllt, sich aber doch tot glaubt, nicht herauskommt. Eines war mir sehr bald klar: nie kann Weinen dasselbe sein, ist es doch immer Protest, Neuanfang, Katharsis, Möglichkeit zur Wiederaufnahme der Gespräche. Mit dem Weinen verglichen ist das gemeinte Lachen der Nullpunkt der Reaktion, ein fauler Affekt nur noch, reiner Effekt. Es ist schwer zu sagen in welcher, aber dieses Lachen steht in Beziehung zum ‚chafe’. Das kann ich im übrigen erst heute, nach langen Studien über Lauras unüblichen Terminus festhalten, auch wenn’s keinen mehr kratzt.

Es begann ihr alles an einem jener Fortbildungstage in einem der unzähligen Büros in zone one. Es begann ihr alles zu dämmern zwischen flip-charts und Filzstiften, bei heißem Kaffee und Tee und Häppchen aus Marks & Spencer, zwischen mit blauem Filz überzogenen Trennwänden, zwischen Mitarbeitern und deren Namensschildern, deren zahllosen verschiedenen Titeln, zwischen line-managern und branch-managern, assistant-coexecutives und project-co-ordinators, und angesichts der Aufgabenstellungen, die nach Motivationsstrategien in Gedichtform verlangten, nach Zeiteffizienzzeichnungen und nach in zwanzigminütiger Gruppenarbeit komponierten Liedern über Kosteneinsparungen. Bei ‚Malt, was euch in den Sinn kommt!’, bei ‚gut gemacht!’, und ‚oh ihr seid doch...!’, stieg ihr mit einem Male etwas zuerst langsam, dann exponentiell schneller werdend, auf: unter Stammesgetrommel und Keltenpfeifen, Hitze, ohne Wind und doch im Sturm, unter um Pfahle tanzenden Schweißtropfen, dicker, feuchter Luft, Laura ungefesselt, lauter, schneller, rauchiger, nach dem Speer tastend, ‚gimme, gimme’, kurz davor zu bersten! (...) Und dann: nichts. Nichts. Kurz still, anfangs etwas wackelig. Ruhe nach dem Sturm, der keiner war. Meine salzene, unter den affirmativ-analytischen Blicken der Kollegen erstarrte, hinuntergeschraubte, abgeschattete, zum Spiegel gefrorene Bekannte Laura. Neue Situation: noch nie erlebt. Zu erwidern: kein Wort. Nur jenes erratische, pikierte Lachen-Stottern. Und ein paar Sinnfragen, die zu schnell zwischen den Schläfen durchsausten, um gestellt werden zu können. Noch nie zuvor erlebt, und doch sogleich benannt, mit dem ersten Gedanken der Sekunde: ‚chafe’: als Kategorie, Verb, Adjektiv; so kam das Wort zum ersten Mal zu seinen zweifelhaften Ehren. ‚No big deal.

Natürlich, sagt Laura heute bisweilen, sei das alles neu gewesen für sie. Wenigstens etwas Wut habe sie sich erwartet. Ob sie der Moment denn gar nicht geschmerzt habe? Nicht im traditionellen Sinne. Momente wie der beschriebene seien ja keine Bedrohungen. Schmerz und Bedrohtheit gingen einher; das wisse man schon von den Nerven, und man denke nur ans Zurückziehen des Fingers aus der Kerze, des gegen die Flamme zu wenig resistenten. Es sei nicht vergleichbar gewesen mit damals, als ihr alles auf Zündhölzchen zum Liegen kam. Bedrohung sei Minderheit, Anfälligkeit, Lebensreduktion: Personenverlust, Arbeitsverlust, Gesichtsverlust. Das seien – ohne Laura ungerechtfertigterweise zynischen wirken lassen zu wollen, und deswegen absichtlich mit kleinem ‚a’ – die alten Leiden. Ihnen, Erfahrungen, werde Weinen habhaft; ihrer entledige es sich. Weinen registriere Unangemessenheit, balle darauf die Fäuste, habe mit Zorn zu tun, und Kampf. Weinen stelle die Frage, ob das schon alles sei. Die Antwort sei immer negativ, die Implikation immer kritisch, der Effekt immer praktisch. Stirnrunzeln als Kriegsbemalung. Weinen sei der erste Schritt zur Selbstverbesserung, eine zeitliche Sache: beim nächsten Mal sei man vorbereitet, könne besser überleben. Bedrohtheit bedeute dämmerndes Bewusstsein eines Zuwenig, eines Offensein für Verwurf, Rauswurf, Vorwurf. Sie ermögliche Reaktion nicht nur, sie verlange sie. Schmerz wolle Linderung. Laura kenne das alles, habe tausendmal geweint vor Schmerz, immer was dazugelernt. Doch dieser Moment sei neu gewesen; neu und bizarr. Ihr einsames Lachen sei begleitet worden vom In-sich-krümmen ihres Körpers: Inversion des Weinens, das ja für gewöhnlich Gebückte aufrichte. Lachen also, das kleiner mache, den Kopf schüttle anstatt zu kreischen, nur inkohärente Wortbrocken emittiere anstatt Schlachtgesänge. Nein, ‚chafe’ sei schmerzlos, kein Angriff, verlange keine Verteidigung, die man wohl gern zur eigenen Position machen würde, aber wie denn, ohne Herausforderung? Schmerz hätte Laura zur Heldin gemacht. Nichts dergleichen sei der Fall gewesen. Nur ‚chafe’. Ganz flacher Alltag.

(Es müsse ihr ganz ähnlich zumute gewesen sein wie dem Polizisten heute Nachmittag, als er gerade die Tower Bridge gesperrt hatte – das kommt in letzter Zeit öfters vor –, bei der Frage des Amerikanischen Touristen in Erwartungshaltung, mit glühenden Augen, überspitzt und erregt: ‚Why’s that? Terrorism or what?’, die Kamera gezückt.)

Aber Laura will von meinen Anmerkungen – ich nenne sie Beiträge, sie nennt sie Zwischenrufe – nichts wissen, insistiert immer weiter, dem Essentiellen nicht näher- und doch immer wieder auf die gleiche Augurenformel zurückkommend. Eben ‚chafe’. Ähnlich sei’s gewesen wie in der Situation, in der sich ihre line managerin als Rassistin entpuppt habe, und in Rundumschlägen die Italienischen, Indischen, und Irischen Arbeitskollegen, natürlich kokett und hinter vorgehaltener Hand, beinahe anzüglich, mit Verweis auf deren Herkunft auf die Plätze verwiesen habe. Da konnte ich besser mithören, hatte mich doch dieselbe Dame, als sie mich einmal in der Kantine, zwischen gebackenen Kartoffeln und Karibischem Hühnchen, aufgrund meiner Herkunft (Anti-Eirismus als rassistische Einstellung käme in meinem Falle wohl etwa einem so absurden Phänomen wie dem Anti-Helvetismus gleich) fragte, ob ich Nationalsozialist sei, und mir mit ihren peinlichen Auschwitzscherzen recht eigentlich die Hosen auszog (Lederhosen, wie sie anmerkte, als sie nach dem Dressing griff).

Heute, besser informiert, denke ich doch: dasselbe kann das auch nicht sein, denn ich wurde in der Tat zornig, resignierte erst nach einigen ewigen Augenblicken. Resignierte, ja, war aber wohl eher müde, und man kam hier vor drei-vier Jahren ja noch regelmäßig in solche Verwicklungen, was ich jetzt, ohne eine Historikerkommission zu belangen, behaupten möchte; meine Resignation ist eher von Konditionierung als von der Situation als solcher abzuleiten, und mithin von Erfahrung der Bedrohtheit. Denn Sanktionen informeller, privater Natur konnte man nicht weggrinsen. Man konnte debattieren. Dabei ging es aber meistens um mehr als Familienfotos. Dies galt vor allem in Diskussionen mit Menschen, denen die Zwischenkriegszeit im Geschichtsunterricht nicht aufgrund zeitgenössischer politischer Dringlichkeiten vorenthalten worden war, und die einen, man will sagen: an die Geschehnisse in Wien in der ersten Hälfte der Dreißiger erinnerten, muss jedoch zugeben: einen über diese aufklärten. Ich verlor damals weder Personen, war sogar recht beliebt, noch – glücklich genug, keiner nachgehen zu müssen – irgendeine Arbeit, auch kein Bein, aber mein Gesicht des öfteren. Dies also: Bedrohung. Aber Lauras Situation mit der Rassistin? Nur Unverständnis, kein Zorn, komplette Isolation, umgeben von gesagten Worten, die wie Fliegenvorhänge in der Luft standen, selbst keinen Ton mehr herausbringend, kurz den Kopf schüttelnd, aber ihn eigentlich nur unentschlossen zur jeweiligen Seite drehend, dann erstarrend: Trommeln, kurzes Wolfsgeheul, animalisch der Hyperventilation nahe, Augen weit aufgerissen, aber dann (...): stilles Stottern, Atem normal, Herzfrequenz sechzig, wieder dieses Lachen, das man nicht wegwischen könne, und nur ein Gedanke – herein durch die Hintertür: ‚chafe’.

Es inhäriere solchen Situationen dann eine gewisse Perplexität. Es sei keine Versteinerung – eher das kurze Zucken eines Kompasses kurz vor dem abermaligen Einpendeln. Solche Zustände währten nicht lange, vielleicht hinterließen sie nicht einmal die Kerben der Schläge unter Tränen. Es sei doch wie meine Geschichte aus dem Zug. Die alte Geschichte? Nun denn: ich fuhr damals, heimkommend, von einer Stadt mit Flughafen in die meine ohne solchen, als im Zug nur noch das Abteil für Nichtraucher frei war. Zwischen Tunnel und dem ‚nächste[n] Halt, Langen am Arlberg’ hielt ich wohl die Meter an Schnee kaum mehr aus, musste dringend rauchen, stellte micht ein paar Abteiltüren den Gang hinunter, freute mich, und stellte mir die alten, wilden Räter vor, die im letzten, frühabendlichen Sonnenstrahl einkehrten, die ich nicht verstand, nicht in der ersten, zweiten, nicht in der zehnten Sprache, und die trotzdem meine sprachen.

Kurzer Rückholgedanke, dass wenn einmal in Langen am Arlberg kein Schnee mehr sei, es erst richtig kalt sein würde, aber ansonsten Zufriedenheit mit Seltenheitsstatus.

Als ich mich zurücksetzen wollte, bellte mir schon mein Nachbar entgegen, ohne sich etwa auf irgendeinen Erfahrungswert stützen zu können, aber trotzdem, wie er mir versicherte, bei Gott schwörte, Zigarrettengestank erwartend: ich solle mir ein anderes Abteil suchen. Der erste Moment: Bedrohtheit, ich: defensiv. Es sei eine rhetorische (gibt es andere?) Prädiktion, auf die er sich berufe, und er solle doch zuerst testen, wie es seiner Nase in meiner Gegenwart erginge. Abgekanzelt und wiedererstanden: klassischer war nicht einmal Adorno, und könnte auch kein Fußballspiel sein. Aber das Perfide war noch nicht geschehen: sarkastischer als der Bartender in jener Nacht in Liverpool, der aber charmant gewesen war, betitelte er mein Erwidern süffissant als ‚vernünftig und aufgeklärt’, und starrte mir dabei tief in meine flachen Augen. Er müsse wohl gerade einen Romantiker gelesen haben, wäre die penetrante Antwort gewesen; aber in diesem Moment schossen auch mir zu viele Dinge durch den Kopf, zu schnell, vor allem, als dass ich noch hätte schlagfertig sein können. Und, wie durch ein Wunder, nein: einen laxen Zaubertrick, stellte es sich ein: ein kurzes Stottern, kein Aufgeben (ich würde mich kurz darauf schweigend setzen), ein kurzes ‚A-ha.’, aber ohne Ausrufungszeichen, der Schnee dümmlich dahingeschmolzen, die Räter davongezogen, nur noch still zu hören, sonst nur schwaches Zischeln, und Kompass, Stottern-Lachen-Atmen, einsam: ‚chafe’.

Laura hat recht: ich kann mitreden. Wichtig ist mir zuerst zu notiern: so gesehen ist Laura nicht suizidgefährdet. Vertritt man nämlich die Theorie (eine weitere glaubwürdige), dass, wie beispielsweise im September vor wenigen Jahren, der Selbstmord als Entgegentreten, als Selbstauslöschung an die Macht, der man nicht mehr entkommt, als Alles-Einsetzen, um, wenn schon nicht zu gewinnen, zumindest einen Riss im System zu hinterlassen, zu lesen sei, so muss man Laura als ‚safe’ einstufen. Selbstmord heißt überhaupt: Selbstauslöschung, nicht Selbstaufgabe. Ist das Weinen schon eine Hingabe an eine unsichere Instanz, das Heraustreten aus den Tränen – nicht ungleich dem Abspannen des Regenschirms nach dem Gewitter – ein Risiko, ein Nicht-Wissen, was kommt, ein Selbst-Vertrauen – wem sonst? –, ein Karten-Mischen, Neues-Spiel-Beginnen, so ist der Selbstmord dasselbe potenziert, das radikale Ende der Situation, indem sie vollkommen akzeptiert wird, um sie hinterher aufzuheben. (Vielleicht treffen sich hier dialektische und ritualistische Interpretationen des Selbstmordes zum Duell bis zum Tode). Ist ‚chafe’ jedoch das starre Innehalten ohne wirkliche Konsequenz, ohne Fortgang und Durchbildung, effektlos und leise, unaufmüpfig und schwachmatisch, kann es folglich auch niemals für Suizidfälle verantwortlich sein.

Für Laura ist alles ganz anders. Vor wenigen Jahren starb ihr während ihrer Abschlussprüfungen ihr Vater. Sie waren einander nicht besonders nahe gewesen, und trotzdem, wie man erwarten durfte, traf sie der Verlust schwer. Als Personenverlust, der verwundbar machte, veranlasste dieses Ereignis Laura zu großer Trauer und auch zu einer nicht-alltäglichen Unsicherheit. Ihr stellte sie entgegen, wieder und wieder, ihre Wut über versäumte Stunden, Tränen um den geliebten Menschen, wiederholte Versuche weiterzumachen. Monatelang lebte sie in Spannung zwischen Resignation und Überwindung. (So gesehen ganz deutbar). Als sie jedoch, wie sie mir des öfteren schon erzählte, das Prüfungsreferat ihres Colleges anrief, um um Aufschub einer ihrer Klausuren zu bitten, wurde abgelehnt. Dies geschah nicht etwa kaltherzig, im Unverständnis der Bürokratie angesichts des einzelmenschlichen Schicksals. Es wurde, so politisch korrekt wie es sich der vernünftigste Gesellschaftsplaner nur hätte wünschen können, mit tiefster Einfühlung und im ehrlichsten Mitleid ihrer Bitte nicht entsprochen. Sie müsse hingehen, vor allem verstehen, in welcher Lage die Universität sich befinde, den Aufwand berücksichtigen, sie habe sich ja vorbereitet, zudem sei es unüblich, und sie sei nicht die Erste, man wisse wie schwierig, und so weiter.

Laura bestand. Mit Auszeichnung. Vier Stunden vor der Bestattung ihres Vaters.

Zu ihrem Glück war der Zug ins zweieinhalb Stunden entfernte Yorkshire (noch fünfzehn Minuten vom Bahnhof bis zur Kirche) nicht verspätet. Es ging sich – die junge Dame im Prüfungsreferat wäre erfreut, vielleicht sogar noch zu Tränen gerührt gewesen – ganz fantastisch aus.

Zurück zum Telefonat. Es sei, so Laura, keine Konversation gewesen wie die, die sie mit ihrem Bruder geführt habe, um die schlimme Nachricht zu erfahren. Eher, sagt sie, sei ihr die Dame am anderen Ende – ihr Gesicht habe sie nicht gekannt, aber trotzdem vor Augen gehabt – vertraut vorgekommen, beinahe behütend, nur, so Laura, eine Frauenstimme ohne Brust. Eine administrative Syntax, die ihr vorgetragen habe, wie weiter vorzugehen sei, beinahe wie aus eine Beratungsstelle für aufgrund von Verlustfällen gestresste KandidatInnen. Alles sei so einläuchtend gewesen. Im Gespräch mit ihrem Bruder habe sie noch ein Gefühl des Unverständnis überkommen, habe sie ganz im Griff gehabt, mit ihm habe sie noch verhandelt, ihm den Tod des gemeinsamen Vaters nicht konzediert, dagegenargumentiert, ihn ihm ausreden, ihn falsifizieren wollen. Der Austausch von Information, gegen die nicht anzurennen war, weil Metastasen keine Gnade kennen, wachsen und wachsen, habe um so viel länger gedauert, als der, bei dem Verhandlung erwartet worden sei, weil man mit lebendigen Menschen ja reden könne, und der Tod ganz bestimmt die Ausnahme der Regel ausmache. Oder ist auch der Tod alltäglich? Nun, zumindest gibt es Richtlinien, wie mit ihm im Prüfungsreferat umzugehen sei. Denn die Konversation mit der assistant managerin der Universitätsabteilung für Prüfungen und Stundenpläne habe lediglich ein paar Minuten gedauert. Laura habe kaum Zeit gehabt, ihre Situation zu schildern, soviel Verständnis sei ihr entgegengebracht worden. Beinahe schuldig habe sie sich gefühlt zu stören, doch es sei darauf bestanden worden, dass sie das Richtige getan habe, sich zu melden, sie könne die Verfahrensweisen ja nicht auswendig im Kopf haben, man sei ja dazu da. Man habe sich bei ihr, bei ihr!, die Ansprüche stellte, entschuldigt, ihr noch ‚viel Glück’ zugesprochen, alles Gute gewünscht, sie motiviert mit allen Regeln der Kunst der Betriebspsychologie, mit denen Laura später selbst vertraut werden würde (zumindest mit den wichtigsten Begriffen). Hörer runter, kein Anzeichen der Rebellion, nervöses, abruptes Scharren mit dem Fuß, ein kurzer Blick auf den Zugfahrplan, leichte Pikiertheit, ruhige Planung, ‚Taxi vom Bahnhof zum ‚cemo’’, sanftes Zucken, das Gespräch wie auf einer Diskette gespeichert, diesmal nicht einmal Stammeslärm; der Zustand hätte nicht verschiedener sein können von jenem am Tag zuvor, als ihr alles zusammenbrach, als die Stützen nicht mehr hielten, als die Stimme des Bruders, Hiobs, nachhallte. Gestern: Verzweiflung, Verkrampfung, Zersetzung, Einbruch und Ausbruch. Heute: Korrektheit, Verständnis, Umsorgtheit, Einsicht ohne Aussicht: ‚chafe’. 

Laura geht heutzutage immer öfter auf Friedhöfe – soll heissen, gerne in Parks, aber lieber in den ‚cemetery’, da sei’s für gewöhnlich stiller. Das habe nichts mit dem Tod des Vaters zu tun, ich solle meine Augenbrauen sofort wieder runterziehen, meine Gesichtsmuskeln entspannen. Es gibt in London sieben große cemeteries – the ‚grand seven’, zu welchen auch der ‚ihre’, Abney Court, ein alter, würdiger, wie sie sagt: ehrenvoll atmender, gehört. Ihre Besuche, soweit glaube ich ihr, sind durchaus nicht melancholisch zu verstehen; meine Grimasse war in der Tat fehl am Platz. Laura lädt auch immer großzügig ein. Ich war noch nie mit, hatte immer irgendwo irgendwas herumzuorganisieren, mit offenen Augen, und so weit weg von meinen Zehen; aber Tabitha und Amy, an verschiedenen Tagen. Für Alex wäre das nichts. Er geht am Wochenende am liebsten zum Frisör, vor allem seit er nicht mehr bei den Reservisten ist. (Mir ist immer noch nicht klar, warum er letztere verließ. Er behauptet, weil er damit die Pazifistin beeindrucken wollte, die ihn dann später ohnehin verschmähte. Ich meine, das Wüstentraining im Oman im letzten Winter und die anschließende Aussicht auf einen Einsatz in Basra taten das Ihre.) Laura jedenfalls tourt seit Wochen, vor allem jetzt, da die Sonne auch manchmal scheint und Tage nur immer kurz, für eine halbe Stunde, vom Regen durchzogen sind, die großen Sieben. Sie würde, sagt sie, ohne zu blinzeln, jederzeit eine Nacht auf dem ‚cemo’ verbringen. Es seien nicht die Toten, die sie real davon abhielten, sondern die Mörder jener jungen Joggerin aus den Staaten, die den Park gleich neben ihrem Lieblings-‚cemo’ wochenlang zur Spielwiese für Detektive umfunktioner hatten  

Weg von Rassisten und flip-charts in die Lokalverwaltung für Islington, dem sicherlich vorteilsreichsten (schön ist hier ja nichts mehr) Bezirk der Inselhauptstadt, und dann noch mit so einer schönen Aufgabe – Beauftragte für ‚parks and cemos’. Zweifelsohne werde sie auch hier ihre Momente haben. Nur eines sei ihr ein ganz besonders wohltuender Gedanke. Bald schon werde sie, nachdem die Einschulungen vorbei sind, die Position ihrer Träume innehaben. Spätestens dann, sagt sie, werde sie auch wieder mit Herzfrequenzen über denen hibernisierender Hasen aufwachen, werde wieder ihre Oscar-Empfangs-und-Dankesrede üben, mit der sie sich schon auf der Universität die Zeit auf dem Weg durch die Innenstadt zu vertreiben pflegte. Sie werde wieder atmen, sagt sie, und zwar so tief und mit ähnlicher Genugtuung wie der Friedhof in Abney selbst. Skeptisch dürfe ich ruhig sein, versichert sie mir immer wieder, auch ihre Handtasche auf Antidepressiva durchsuchen. (Ich konnte keine finden). Zu trinken habe sie weniger gehabt als ich, und ich säße ja auch noch gerade, und spräche ohne Starallüren. Ohne mir weitere Beispiele aufzu(er)zählen, wie sie es noch vor ein paar Wochen immer wieder tat, ohne auch nur im Geringsten daran interessiert zu sein, was ich theoretisch übers Weinen und ihr Lachen, über Aufraffen und Stottern, über Hyperventilation und Resignation zu sagen hätte, viel ehrlicher und geradliniger, als es das Rebellentum verlangte, und deswegen um soviel zeitgenössischer als ich, ja mich zum anachronistischen Hinterweltler machend, schließt sie mich immer wieder kurz in diesen Tagen mit ihrer neuen Formel:

‚In the midst of chafe, we are in cemo.’

Ich solle es dabei belassen, das Wort vergessen, es sei nichts dran.

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brny | 08.09.2004 09:45Antworten
wahnsinn!


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