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rotweiß
09.09.2004 20:38
WOLFGANG OBERMAYR
Wolfgang Obermayr

rotweiß

naked lunch in der käsefabrik
Jeder Tag begann mit dem langen, größtenteils unterirdischen Gang zum Pausenraum – die strengen Hygienevorschriften, die weder Rucksack noch Handtasche in den Produktionshallen erlaubten, zwangen uns zu diesem Umweg. Am Ziel angelangt offenbarte sich dem Blick die bereits vollständig anwesende, wartende Belegschaft – allesamt schauten sie drein wie geprügelte Hunde, Menschen, die ahnten dass ihre Existenz möglicherweise gerade eben im Begriff war, zu scheitern. Gut möglich, dass dieser Eindruck auch nur an der unchristlich frühen Stunde lag. Sehr wahrscheinlich, dass man selbst einen ähnlichen Anblick bot. Die Wartezeit verging schleppend, ließ eine ungewisse Vorahnung des bevorstehenden Arbeitstages entstehen. Ein kleines verhutzeltes Großmütterchen, das aussah als hätte es keine Zähne mehr im Unterkiefer, nippte vorsichtig an ihrem Kaffeebecher. „Du bist der Größte“ stand in fröhlicher Schrift darauf geschrieben. Der Blick wanderte weiter, über den Kaffeeautomaten und den Kalender mit Sinnsprüchen und blieb am Kredo des Betriebsleiters hängen, dass dieser eigenhändig am Computer geschrieben und ausgedruckt, ferner an die Wand geklebt hatte. „Wir produzieren Lebensmittel! Keine Sterbensmittel!!!“Die alte Oma zuckte zusammen, als jemand geräuschvoll die Tür gegen die Wand schlug. „Auf, Auf!“ brüllte der Schichtleiter, die menschgewordene Euphorie. Wäre er nicht so groß gewesen, hätte man ihn als fett bezeichnet, doch so wirkte er einfach nur unglaublich massig. Ehrfurchtgebietenden Schrittes durchmaß er den Pausenraum, wie ein Feldherr, der kurz vor der Schlacht sein Heer inspizierte. Sein derbes Gesicht hatte eine unnatürlich rote Farbe, ein Labyrinth geplatzter Äderchen schlang sich um die grobporige Nase. Die Augen glitten unstet in ihren Höhlen umher, bloßes Vorbeistreifen genügte, um einen frösteln zu machen. Dann blieb der Stechblick ruckartig stehen, der Schichtleiter machte einen knappen Schritt nach vorn, die Hand halb erhoben wie der Tiger mit zum Schlag gereckter Pranke. Es war die verdorrte alte Frau, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Vor lauter Schreck über seinen grimmigen Eintritt hatte sie einen Teil ihres Kaffees verschüttet. Und doch bewegte sie sich nicht, hielt den Becher immer noch in den verkrampften Händen umschlossen, während die heiße Flüssigkeit langsam in ihrem Schoß trocknete. Der Schichtleiter sah aus, als würde er jeden Moment den Mund öffnen und zu schreien beginnen, doch dann ballte er die Fäuste und verließ den Raum. „Auf, Auf!“ brüllte er im Hinausgehen noch einmal.

Die Paraffiniermaschine war ein riesiges Ungetüm, dreckig, über und über mit rotem, eingetrocknetem Wachs bespritzt. Ihr trockenes Schnauben und Stampfen erinnerte an ein verwundetes Tier, ein kolossales, rotes Tier, dem das heiße Wachs wie Blut durch die metallenen Adern floss. Man selbst war nur ein kleiner, austauschbarer Bestandteil dieser Maschine, man stand am Fließband und legte den Käse (das Rohmaterial) auf die dafür vorgesehenen Lücken. Nachdem er in der Öffnung der Maschine verschwunden war, kam er wenig später am anderen Ende als rotes Fertigprodukt heraus, fuhr weiter auf seinem Fließband bis er in der Verpackungsabteilung von emsigen Händen aufgelesen, in dünnes Plastikpapier geschlungen und in Kartons eingeordnet wurde – die Kartons fuhren auf dem Fließband weiter, wurden auf ihrem Weg mit Aufklebern versehen, die über das Gewicht Aufschluss gaben, wurden schließlich im Stapel mit Cellophanpapier umwickelt und ins Lager abtransportiert. Unter dem Cellophanpapier steckte ein Zettel mit dem Bestimmungsort – klingende, exotische Namen wie Dubai, Kosice, Lyon, Vilnius wirkten sonderbar deplaziert an diesem Platz, die Vorstellung, dass an einem ganz anderen Ort Leute das Fertigprodukt auspackten und zusammen mit Wurst und Gurken verspeisten, wollte nicht gelingen.Die Lastwägen, die den Käse aus dem Lager abholten, fuhren auch an den Fenstern der Paraffinierhalle vorbei und obwohl man wusste, dass die Kugeln, die man selbst in den Händen gehalten hatte, dort vorbeifuhren, konnte man keine Verbindung zwischen Ursache und Wirkung herstellen. Die Lastwägen waren nur ein Glied in einer Kette aus zusammenhanglosen Ereignissen, die den Tag strukturierten. Die Arbeit hatte keinen Sinn, man tat die Dinge, die getan werden mussten. Es musste etwas getan werden. Die Schwingtür, die an die Verpackungshalle grenzte, öffnete sich und ein Arbeiter kam herein gekrochen. Sein Körper war von einem kränklichen Weiß wie dem einer Made, doch der Bau des Leibes glich eher dem einer Raupe, ein am Boden abgeflachter, nach oben hin gebogener Torso, der mehrere Teilglieder aufwies, die sich durch Rillen von einander abhoben. Das Kopfstück war etwas größer als die Glieder, etwa in der Mitte befand sich eine dehnbare Öffnung, aus der zwei lange, bewegliche Mandibelzangen herausragten, die einzigen harten Teile. Der restliche Körper war weich, haarlos und von einem glänzenden Film bedeckt, der aus den Rillen abgesondert wurde. Dieser Schleimfilm diente vor allem als Fortbewegungserleichterung, denn durch die geringere Reibung war ein deutlich schnelleres Kriechen möglich. Das Kriechen ging vonstatten, indem die Teilglieder abwechselnd zusammengezogen und gestreckt wurden, wobei es sehr auf den gleichmäßigen Rhythmus der Bewegungen ankam. Die Mandibeln mahlten fortwährend im Schlund des Arbeiters, während dieser in der beschriebenen Weise auf einen zukam. Er schwenkte nach links und verschwand für einen Moment hinter einer weiteren Schwingtür, bevor er wieder zum Vorschein kam. Diesmal kroch er rückwärts, denn mithilfe seiner Mandibeln zog er einen Hubwagen, auf dem Rohmaterial aufgeschlichtet worden war. Mit einer Behändigkeit und Schnelligkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, positionierte er seine Last in der Nähe, genau so, dass man sowohl Rohmaterial als auch Fließband bequem mit den eigenen Greifzangen erreichen konnte. Nun ging die Arbeit schnell voran, mit kleinen Bewegungen des Kopfstückes schwand der Haufen unter den mahlenden Mandibeln. Das rote Monster schnaufte und stöhnte ekstatisch, während die weißen Kugeln seinen Schlund stopften. Gleichzeitig spukte der Anus rote, tropfende Pendants aus, immer begleitet von einem leichten Beben. Die aufgeschwemmte, schwitzende Haut des Monsters wies schwärende Öffnungen auf, in der roter Saft kochte. Manchmal spritzte er auch hervor und tränkte weiße Madenhaut oder er traf den Boden. Dort sickerte er jedoch genau wie der Madenschleim durch die feine Perforation und wurde durch unterirdische Kanäle in ein Sammelbecken geleitet, in dem Schleim und Saft für die Wiederauffüllphase getrennt und gespeichert wurden. Mittlerweile war das Rohmaterial aufgebraucht und der Arbeiter zog einen neuen Haufen durch die Schwingtür. Dies wiederholte sich noch etwa fünfzigmal, bis das Monster aufbrüllte und einen Einlauf forderte. Sogleich zerrten zehn Arbeiter zusammen einen Schlauch mit einem Durchmesser von etwa eineinhalb Meter durch die Schwingtür. Der Schlauch endet in einer mit Haken versehenen Düse. Diese Haken waren dazu gedacht, die Düse im Anus des Ungeheuers zu halten, denn während der Saft mit ungeheurem Druck hindurch schoss, war die Gefahr groß, dass der Schlauch einfach herausgerissen wurde und vielleicht mehrere Arbeiter oder anderes Inventar beeinträchtigte.Das Monster wand sich in Agonie, bis das Zischen des roten Saftes langsam verklang und die Düse vorsichtig wieder herausgezogen wurde. Nun troff das Gewebe wieder vor Flüssigkeit und die Arbeit konnte weitergehen.

Der einzige Zwischenfall dieses Tages ereignete sich, als der Arbeiter, der für einen das Rohmaterial heranschaffte, ausgewechselt wurde. Es war eine alte, vertrocknete Made, die an seiner Stelle erschien. Eine ihrer Zangen war kürzer als die andere und mahlte kaum noch, ihr Weiß wirkte noch blasser und kränker als das der anderen, sie war beinahe durchsichtig, so dass man im richtigen Licht zuckende Organe durch die Haut erkennen konnte. Die Rillen schienen kaum noch Schleim abzusondern. Natürlich wirkte sich dies empfindlich auf die Arbeitsgeschwindigkeit aus, wo vorher noch fünfzig Haufen verarbeitet worden waren, schaffte man nun in derselben Zeit nur sechsunddreißig. Egal, wie sehr sich die alte Made abmühte, ihre Bewegungen wurden immer langsamer. Es kam, wie es kommen musste: Die Schwingtür explodierte regelrecht, als ein riesiges Ungetüm von einer Made sie aufstieß. Im Gegensatz zu den Arbeitern hatte dieses Exemplar weit umfangreichere Teilglieder, außerdem besaß es drei Zangen anstatt nur zwei. Zielstrebig bewegte es sich auf die vertrocknete Made zu und verharrte nur eine Handbreit von ihr entfernt. Die mächtigen Mandibeln der großen Made rieben knirschend aneinander, der gewaltige Leib hob und senkte sich. Dann dehnte sich das Kopfloch, die Zangen reckten sich und es sah fast so aus, als wollte der Große die Alte anschreien, aber statt dessen dehnte sich das Loch noch etwas weiter, die Mandibeln schnellten vor und krallten sich in den weissen Leib, der an den betroffenen Stellen augenblicklich wie eine reife Frucht platzte und nur wenig wässriger Schleim spritzte hervor. Dann schoben sich die Mandibeln langsam in das Innere des Lochs zurück und zogen den Kadaver der alten Made mit sich, bis sie samt und sonders verschlungen war. Die große Made schob ihre Zangen wieder vor und rieb sie zur Säuberung erneut aneinander. Dann verließ der Schichtleiter die Halle, wie er sie betreten hatte.

Am Ende des Arbeitstages kehrte man in den Ruheraum zurück. Jeder Arbeiter nahm seinen Platz in den Wandöffnungen ein, nur eine Nische blieb unbesetzt. Von oben senkte sich ein Schlauch herab, ähnlich dem, der dem Monster für den Einlauf gedient hatte. Dieser hier war jedoch weiß wie man selbst und aus seinem Inneren floss der wiederaufbereitete Schleim, den man den ganzen Tag über abgesondert hatte. Kleine Haken fanden ihren Halt an der teigigen Innenseite der Schlundöffnung, aus den Düsen presste sich langsam die klebrige Flüssigkeit hervor und mit einem gedämpften Zischen schlossen sich die Türen der Kammern.
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Constantin Göttfert | 24.09.2004 10:06Antworten
die darstellung der maschinen als monster erinnert mich an diese beschreibungen eines arbeitstages während zur zeit der industrialisierung. du schaffst es, der fließbandarbeit mit dem schrecken zu behaften, der sie auszeichnet.


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