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Die Wiege der Menschheit
30.09.2004 23:23
WOLFGANG OBERMAYR
Wolfgang Obermayr

Die Wiege der Menschheit

Science-Fiction

 

Meine Schritte hallten verzerrt durch die Gassen Kurayamino’s. Alles hier war verzerrt und doch bekannt. Die Skybreaker reckten ihre stählernen Häupter weit in den Himmel, so weit, daß man mit freiem Auge nicht mehr erkennen konnte, wo sie endeten.

Echte Sonne war ein verschwommener Traum, das Kunstlicht durchflutete die lichtlosen Gassen. Eigentlich eine widersprüchliche Bezeichnung, denn obwohl es die Schatten vertrieb, war es nie wirklich hell. Unter den Mittel-Klassifizierten wurde es nur das Zwielicht genannt, ein Name, der der nüchternen Wahrheit viel näher kam.

Nur in den obersten Etagen der Skybreaker konnte man noch Sonnenlicht genießen, natürlich nur abgeschirmt und gefiltert.

Ich vertrieb die müßigen Gedanken, es hatte keinen Sinn, davon zu träumen. Die „hellen“ Etagen waren der Führungselite der Gesellschaft vorbehalten und ich brachte es mit meinen Fertigkeiten gerade mal zu einer Mittel-G Klassifikation.

Ich aktualisierte an einem Kiosk mein Tageszeitungspad.

Die Nachrichten kündigten wieder einen vielversprechenden Tag an. Eine Ölkrise im nahen Osten, Inflation, neue Rechtschreibreform und eine Vielzahl anderer Hiobsbotschaften.

„Only bad news are good news“ hieß es bei den Journalisten. Vielleicht mochte sie deswegen keiner, denn überall, wo sie auftauchten, waren sie ein Garant für Leid, Zerstörung und Elend. Sie verstanden es,  diese Dinge kunstvoll und ästhetisch darzustellen, so daß sogar der Körper eines toten Babys anmutig und elegant auf den Beobachter wirkte. Und deswegen brauchten wir sie. Sie formten die Unmengen von Müll in unserer Welt zu Kunst. Perfekter Kunst. Und alles was heutzutage noch zählte, war Perfektion.

 

Das Hospital war der stählerne Koloß am Ende des Distrikts in dem ich mich befand. Ich brauchte nur durch die dezent angebrachte Sicherheitsschranke zu treten, um meinen Dienstantritt registrieren zu lassen.

Mit dem Wort Hospital verhielt es sich ähnlich wie mit dem Wort Kunstlicht. Es war kein Ort wo Menschen geheilt wurden, zumindest nicht im engeren Sinne. In diesem Gebäude wurden die Menschen gleich nach ihrer natürlichen Geburt wiedergeboren, in ein perfekteres Leben.

Ich selbst leistete dazu meinen Beitrag,  und wenn ich auch nur den bescheidenen Posten eines Modifikationshelfers bekleidete, so war ich doch ein Rädchen im Getriebe der neuen Ordnung, welche in diesem Gebäude in die Tat umgesetzt wurde.

Die neue Ordnung hatte vor meiner Zeit begonnen. Allein der Name neue Ordnung sagte viel über den wachsenden Drang nach Perfektion aus, dem die Menschheit seit ihrer Geburt erlag.

 

Ironischerweise war die neue Ordnung gerade durch einen Fehler des medizinischen Fortschrittes notwendig geworden. Das Potential der Gentechnologie war groß gewesen, in etwa so groß wie das der Atomkraft. Die Menschen waren nur einen Moment abgelenkt gewesen, um die vielen Vorteile zu bewundern, und sich über das Erreichte zu erfreuen, schon war die Sache aus dem Ruder gelaufen.

 

Früher waren die Neugeborenen alle häßlich und entstellt gewesen, Folgen der Manipulationskrankheiten. Mittlerweile hatten wir diese Fehler beseitigt, schließlich sollte auch das Rohmaterial so perfekt wie nur möglich sein. Wir töteten sie natürlich trotzdem.

Sie hätten in dieser Welt aus Stahl sowieso nicht überlebt. Der menschliche Körper hatte sich als das schwächste Glied in der Kette erwiesen und durch die Ausmerzung desselben hatten sich uns neue Möglichkeiten erschlossen.

Doch die Ausmerzung an sich hatte viel Zeit in Anspruch genommen und fast wäre die Menschheit gescheitert. Zuerst hatte das Geheimnis des Gehirns entschlüsselt werden müssen, denn die Daten des Geistes waren alles, was den Menschen ausmachte. Dann war man darangegangen, ein passendes Gefäß für den wertvollen Inhalt zu schaffen, etwas das einfach und doch perfekt war. Man besann sich auf die Genialität der Schlichtheit geometrischer Formen und erzeugte so das neue physische Erscheinungsbild des Menschen. Stählern, unbeugsam, zielgerichtet, ergonomisch, billig zu produzieren.

 

Das war die Beschreibung, die zu den Einheiten paßte, die vor mir an einer Stange aufgereiht darauf warteten, daß man ihnen Leben einhauchte.

Sie ersetzten die mangelhaften Körper aus Fleisch und Blut, die ebenfalls hier hergestellt wurden. Trotz all unseres Fortschritts konnten wir das Gehirn selbst noch nicht nachahmen. Und gerade durch dieses Chaos von Zellen und elektrischen Impulsen entstand der kreative Geist des Menschen, die Quintessenz unseres Erfolges.

Also züchteten wir menschliche Embryos aus konservierten Eizellen, um ihnen später alle relevanten Informationen aus ihrem Gehirn zu entnehmen. Diese Informationen, gefiltert und geordnet, wurden dann in die Prozessoren der Einheiten eingegeben. Der Vorteil daran war vor allem, daß wir auch fremde Fertigkeiten und Erfahrungen in jene Prozessoren einzugeben wußten, so daß für jede Lebenslage und jeden Beruf der richtige Mensch erschaffen werden konnte, ohne den Verlust der menschlichen Kreativität, der Fähigkeit des abstrakten Denkens.

 

Eine gerade neu gefüllte Einheit schritt an mir vorüber. Ihre Bewegungen waren so geschmeidig und effizient wie bei jeder anderen Einheit, nur die Identifikationsnummer auf der vorderen Kopfseite, die noch leicht glühte, ließ darauf schließen, daß diese Einheit erst vor kurzem registriert worden war.

„IDG  220383! Kommen Sie bitte her.“

Die Stimme, deren angenehmes Timbre dem jeder anderen Einheit glich, gehörte  IDF 070989, dem leitenden Modifikationsassistenten unserer Abteilung.

„IDC 010977 möchte Sie in drei Minuten in seinem Büro sehen.“ Er wartete auf keine Antwort, sondern wandte sich sofort wieder seiner Arbeit zu.

Ich hätte auch keine Zeit gehabt zu antworten, da das Büro des stellvertretenden Modifikationsleiters beinahe am anderen Ende des Komplexes lag und ich mich beeilen mußte, wollte ich pünktlich bei ihm eintreffen.

 

Exakt drei Minuten später betrat ich das Büro des stellvertretenden Modifikationsleiters. Außer ihm befanden sich noch ein paar Einheiten im Raum, bei denen es sich, ihren Identifikationsnummern zufolge, vermutlich um Wissenschaftler handelte.

Der stellvertretende Modifikationsleiter selbst stand vor dem riesigen Panoramafenster, durch das ein gewisser Anteil an Sonnenlicht drang. Durch die ungewohnte Helligkeit konnte ich nur seine Silhouette erkennen, die sich von dem ihn umströmenden Licht abgrenzte.

„IDG 220383!“ begrüßte er mich. „Ich bin überrascht, daß Sie so pünktlich gekommen sind.“ stellte er fest.

Es war ein weit verbreiteter Sport unter den höher Klassifizierten, die niederen Ränge wegen ihrem geringeren Maß an Perfektion aufzuziehen.

„Wie kann ich Ihnen helfen, IDC 010977?“ fragte ich, ohne mir meine Verärgerung anmerken zu lassen.

Anstatt auf meine Frage zu antworten, begann IDC 010977 in einer Akte zu blättern, von der ich annahm, daß es meine war.

„Sie sind ein Mittel-G?“ fragte er nach einer Weile, ohne von seinem intensiven Studium aufzusehen. 

Ich war mir sicher, daß er bereits alles über mich wußte, aber trotzdem zwang ich mich zu einem gepreßten „Ja“ als Antwort.

Endlich sah er von der Mappe auf und hätte er noch die altmodischen Augen gehabt anstelle eines Visors, hätten jene mich bestimmt abschätzend angeblickt.

„Was genau ist ihre Aufgabe hier?“ wollte er wissen.

„Ich lösche das Rohmaterial.“ antwortete ich knapp. Ich war keineswegs stolz auf meine Aufgabe, denn entgegen der weitläufig verbreiteten Meinung war ich der Ansicht, daß es einfach nicht richtig war, Menschenleben, und sei es noch so primitiv, zu zerstören.

„Keine sehr ... anspruchsvolle Aufgabe.“ meinte IDC 010977 nur.

„Es entspricht seiner Qualifikation.“ schaltete sich plötzlich eine der anderen Einheiten ein. Ich hatte völlig vergessen, daß sich noch andere im Raum befanden, so sehr hatte mich die stille Auseinandersetzung mit IDC 010977 beansprucht.

„Oh, wie unhöflich von mir.“ sagte dieser mit Bedauern in der Stimme, aber er machte sich nicht einmal die Mühe, es echt klingen zu lassen.

„Dies ist IDD 128900, der leitende medizinische Modifikationsforscher von Kurayamino.“ Dabei wies er mit der metallenen Hand auf die Einheit, die soeben gesprochen hatte.

Ich war etwas erstaunt, einen so wichtigen Forscher hier anzutreffen. IDD 128900 war zwar nicht so hoch klassifiziert wie der stellvertretende Modifikationsleiter, aber für seine Erfolge in der Modifikationsforschung war er weit über die Grenzen Kurayaminos bekannt und hatte bereits einige Auszeichnungen erhalten.

„Wir brauchen Sie zur Mitarbeit bei einem Projekt.“ kam IDD 128900 gleich zur Sache.

„Mich?“ fragte ich erstaunt. „Wie IDC 010977 bereits richtig bemerkt hat, ich bin ein Mittel-G. Vielleicht sollten sie sich lieber an einen wissenschaftlich Klassifizierten wenden.“

IDD 128900 hätte jetzt vermutlich gelächelt, hätte er die Möglichkeit gehabt, mit seinem Gesicht irgendwelche Regungen zu zeigen. Stattdessen schüttelte er nur tadelnd seinen Kopf.

„Lassen Sie mich doch erst einmal ausreden. Wir brauchen Sie nicht für logische Berechnungen, sondern für abstrakte Einschätzungen.“

Ich stutzte. Was war das für ein Projekt?

„Aus ihrer Akte geht hervor, daß sie zwar über keine großen logischen Fertigkeiten, wohl aber über ein hohes Maß an kreativem Urteilsvermögen verfügen. Und genau das brauchen wir in diesem Falle. Es handelt sich wirklich um ein Projekt gigantischen Ausmaßes.“

Er machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen.

„Also um was für ein Projekt handelt es sich denn jetzt?“ fragte ich, als ich es nach einer Weile nicht mehr aushielt.

IDD 128900 sah gnädig über mein ungehobeltes Verhalten hinweg und fuhr fort.

„Das Projekt beinhaltet die Entschlüsselung des letzten ur-menschlichen Geheimnisses. Der Kreativität!“

Ungläubiges Schweigen erfüllte den Raum. Sollte nun wirklich auch noch die letzte Daseinsberechtigung der alten Menschenrasse zerstört werden? Wenn man selbst die kreativen Denkprozesse nachahmen konnte, wozu brauchte man dann noch die Normalgeborenen?

„Soll das heißen“, begann ich und konnte es nicht vermeiden dabei leicht vor Aufregung zu stottern, „daß sie wissen, wie die Kreativität erzeugt wird?“

IDD 128900 zögerte. Anscheinend war er unschlüssig, ob er mir, einem Mittel-G das Geheimnis der Kreativität verraten sollte, ein Geheimnis wofür schon Kriege geführt worden waren.

„Sagen Sie es ihm“ befahl IDC 010977 plötzlich.

IDD 128900 sah verschreckt zu IDC 010977 und nickte dann langsam.

„Gut, wie Sie wollen.“ Dann wandte er sich wieder mir zu. „Bis jetzt schien dieses Geheimnis zu komplex für unsere Rechner und Programme. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall.“

„Sie wollen damit sagen ...“ begann ich ungläubig, wurde aber von IDC 010977 unterbrochen.

„Es ist ein Fehler.“

IDD 128900 nickte nervös. „Ja, nichts weiter als ein kleiner, läppischer Fehler im Datenablauf der Denkprozesse. Wir haben einfach nur am falschen Ort gesucht.“ Er wirkte sichtlich niedergeschlagen.

„Können Sie sich vorstellen“, sagte IDC 010977 eindringlich, „was das für einen Skandal heraufbeschwören könnte, wenn das bekannt wird? Die Gargoniten von der Venus lassen uns nur deswegen in Ruhe, weil sie denken, daß wir die perfekteste Lebensform sind. Genauso verhält es sich übrigens auch mit den Skälandatoren im Quadranten Epsilon, den Urgonauten und den Postanarcholyten auf Primus 9, sowie etlichen anderen kriegerischen Lebensformen, und das nur hier im Sektor!“

„Und was sollen wir jetzt tun?“ fragte ich unsicher.

„Das wollen wir eigentlich von Ihnen wissen.“ meinte IDC 010977 nüchtern.

Ich schüttelte verständnislos den Kopf.

„Aber ... wenn das alles richtig ist, dann heißt das doch, daß ich die so ziemlich fehlerhafteste Person bin, die sie finden konnten, mit meiner Fähigkeit zur Kreativität.“

„Nicht nur so ziemlich“, verbesserte IDC 010977, „sie sind die allerfehlerhafteste Person überhaupt!“

„Das stimmt nicht ganz.“ schritt IDD 128900 ein. „Sicher, die Kreativität wird durch einen Fehler hervorgerufen, aber das heißt nicht, dass Kreativität per se ein Fehler ist. Sehen Sie doch nur, was uns Kreativität alles gebracht hat! Sie macht uns Menschen aus! Wenn wir die Kreativität zu Gunsten des Friedens auslöschen, was sind wir dann?“

„Das wollen Sie tun? Die Kreativität auslöschen?“ fragte ich erschrocken. Das bedeutete dann gewissermaßen auch meine eigene Auslöschung.

„Es wurde darüber geredet, ja. Aber der Kongreß ist noch unschlüssig. Sie kamen zur Übereinstimmung, wir sollten einen direkt Betroffenen um Rat fragen. Sie klammern sich eben schon an den letzten Strohhalm. Also, helfen Sie uns, seien Sie kreativ!“

Ich starrte ihn ungläubig an. Bis vor wenigen Minuten hatte ich noch nicht einmal gewußt, daß ich diese Fähigkeit besaß. Und nun verlangte diese Einheit von mir, damit die Menschlichkeit zu retten.

 

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich durch die sterilen Gassen Kurayaminos gewandert war, auf der Suche nach der Fähigkeit, die außer mir in diesem Ausmaß so gut wie keiner mehr besaß. Ich fand sie nicht.

Zorn wallte in mir hoch. Ich wünschte mir, Stimmbänder zu haben, mit denen ich meinen ganzen Haß gegen diese Welt hätte hinausschreien könnte.

Doch mein interner Stimm-Modulator, der auf eine bestimmte Lautstärke eingestellt war, erlaubte mir nicht zu schreien.

Ich sah die metallenen Bauten, das gläsern glänzende Mausoleum, das sich die Menschheit errichtet hatte, um perfekt zu wirken. Und ich wußte, wir waren es nicht. Doch es lag nicht an der Kreativität.

Plötzlich ertönte ein entfernter Knall. Normalerweise durchbrach nichts die perfekte Stille auf den Straßen Kurayaminos, weshalb ich jäh aus meinen Gedanken gerissen wurde.

Weitere Explosionen erschütterten den Boden, alle zu weit entfernt für mich, um ihr wahres Ausmaß zu erfassen.

Ein zweites Geräusch gesellte sich hinzu, der Motor eines Flugfahrzeugs. Wenige Meter von mir sank es magnetisch gebremst zu Boden und IDC 010977 signalisierte mir hektisch, einzusteigen.

Bevor ich dies noch ganz getan hatte, war das Flugfahrzeug bereits wieder gestartet und flog mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung des Hospitals.

„Sie greifen an.“ stellte IDC 010977 mit seltsamer Ruhe fest. Erst als er weitersprach, erkannte ich, daß es nicht Selbstbeherrschung, sondern einfach nur Resignation war. „Eine bis dato völlig unbekannte Rasse, die Chaorektaliten aus dem Nihil-Omega Sektor vom anderen Ende der Galaxie.“ Er drehte langsam sein Kopfteil und sah mich an. „Sie verabscheuen jede Form der völligen Perfektion.“ Dann begann er zu lachen, zumindest wollte er es. Es war nicht mehr als ein schnarrendes Krächzen, das der mundähnlichen Öffnung aus seinem Kopf entwich. Er stellte den mißlungenen Versuch, seinen widersprüchlichen Gefühlen Luft zu machen ein und kehrte stattdessen zu seiner resignierenden Ausgangsstimmung zurück.

„Übrigens, sie brauchen sich keine Gedanken mehr zu machen wegen diesem Kreativitätsproblem.“ meinte er trocken.

 

Wir erreichten das Hospital beinahe gleichzeitig mit all den anderen Persönlichkeiten, die unter allen Umständen gerettet werden mußten. So wie IDC 010977 hätte ich beinahe selbst lachen müssen, als dieser mir erklärte, ich gehöre auch dazu.

Die hochentwickelten EMP-Bomben der Aliens durchdrangen jedes in der Galaxie bekannte Material. Nur einmal, während eines Versuchs mit Antimaterie, der ein halbes Laborgebäude zerstört und mehr als 150 Einheiten das Leben gekostet hatte, war durch Zufall einen Stoff entstanden, der selbst elektromagnetischen Impulsen dieser Stärke zu widerstehen vermochte.

Leider hatte man das Verfahren nicht wiederholen können und so war es nicht möglich gewesen, den Schutzraum für mehr als 10 Einheiten zu bauen. Natürlich waren weit mehr als 10 Einheiten gekommen, die ihr Leben schützen wollten, Einheiten von hohem Rang, die ihr eigenes Leben als rettenswert einstuften. Ich mit meiner niedrigen Klassifikation stellte die Ausnahme dar, was auch lautstark von den anderen kritisiert wurde.

Mit einem Mal war die hochgelobte Perfektion, das höchste Gut der Menschheit, vergessen. Die Einheiten diskutierten und debattierten, beleidigten und fluchten. Eine durchdringende Explosion erschütterte den gesamten Komplex und bereiteten dem aufbrandenden Streit ein jähes Ende.

Ich weiß nicht mehr viel von der Explosion, nur daß die Bombe wohl nicht in direkter Nähe eingeschlagen haben konnte, sonst wären all unsere Schaltkreise sofort lahmgelegt gewesen. Irgendjemand packte mich am Arm, stieß mich in die Schutzkammer und warf sich selbst mit vermutlich letzter Kraft dagegen, bevor eine weitere Bombe direkt ins Zentrum des Hospitals einschlug und alles schwarz werden ließ.

Und während ich bewußtlos in der Kammer lag, erlebte die Menschheit ein nahezu perfektes Ende.

 

Die Chaorektaliten bekam ich nie zu Gesicht. Sie begnügten sich damit, alle Einheiten auf der Erde zu zerstören und hielten sich nicht mit umständlichen Plünderungen auf.

Ich allein entkam der Auslöschung.

Ich weiß nicht, ob es an meiner Kreativität lag, die sich plötzlich zu regen begann, aber noch während sich meine überlasteten Schaltkreise langsam wieder erholten, wußte ich plötzlich, was ich zu tun hatte.

Früher war es meine Aufgabe gewesen, die Embryos zu löschen, jetzt ziehe ich sie groß. Es ist ein bewegendes Gefühl, etwas zu erschaffen, auch wenn ich dieses Gefühl mit meinem mangelhaften Körper nicht ausdrücken kann. Irgendwann, wenn genug neue Menschen vorhanden sind, werde ich mich selbst zerstören. Ich bin die einzige noch funktionierende Energiequelle auf diesem Planeten, die Menschheit wird also ganz von vorn anfangen müssen. Ob sie die gleichen oder andere Fehler machen werden, kann ich nicht sagen. Vermutlich werden sie sogar noch schlimmere Fehler machen, doch immer wenn ich an diesem Punkt meiner Überlegungen angekommen bin, denke ich an IDC 010977 und schöpfe wieder Hoffnung.

 

Sein Körper lag direkt vor der Schutzkammer und ich mußte all meine Kraft aufwenden, um die Tür aufzubekommen, gegen die er sich gepreßt hatte.

Vermutlich war es ein Fehler in seinen limbischen Schaltkreisen gewesen, hervorgerufen durch die schädliche Strahlung der Bombe, der ihn dazu gebracht hatte, mich zu retten.

Vielleicht aber auch ein flüchtiger Anflug von Menschlichkeit.

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