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Der Tod in Paliano. Auferstehung.
09.10.2004 17:26
ANONYMUS X
Anonymus X

Der Tod in Paliano. Auferstehung.

Szenen eines Aufenthalts im Künstleratelier Paliano, Süditalien, im September 2004. Gewidmet Andreas Roseneder.

Fürchtet euch, Mütter von Latium, und sperrt eure Töchter weg (auch die Krampen), denn der listenreiche Europäer aus Hornstein fällt über euer Arkadien her wie eine Zikade. Ich lande verspätet in Paliano, meinem Monats-Ithaca, denn ich finde nicht hinein: Ein riesiger Zaun umgürtet das Areal, das ich nicht als solches erkenne, weil von einem Zaun und einem verschlossenen Portal in meinen Seekarten keine Rede war. Daher umschiffe ich das Gebiet ortsunkundig und füge dem grünen Heck meiner Argo an einer scharfen Klippe erheblichen Schaden zu. Weil die Sterne schweigen und mir auch mein Sextant nichts mehr nützt, rette ich mich auf einer letzten ersterbenden Brise ins Luv und stehe erneut vor dem Zaun und dem Portal. Ein plötzlich erscheinender Kutter mit der Aufschrift Enrico hebt stumm ein Paddel zum Gruß, und einer an Bord ruft dem Wachmann etwas zu, woraufhin dieser die Durchfahrt endlich freigibt. Ich werfe den Flautenschieber an und erreiche erschöpft mein Ziel, in der Hoffnung auf die reichhaltige Kost eines spendablen Smutjes und die köstlichen Salben einer nachsichtigen Nausikaa. – Mir kommt das Bonmot einer alten Frau in Erinnerung (vermutlich das erste und einzige ihres Lebens). Es fiel, als ich Sternsinger war und in meiner Melchior-Bemalung aussah wie ein Idiot; aber der fette Nachbarsbub hätte sich auf mich gesetzt und seine Schwester meinen Schädel mit ihren spitzen Stöckeln malträtiert, hätte ich lieber Caspar oder Balthasar sein wollen. Damals stand ich vor der Alten, der Lächerlichkeit schon längst preisgegeben, und bat um ein bisschen Bares, Almosen für die desolate Hornsteiner Gemeinde. Das Herz schlägt fürs Werk, entgegnete sie, und gab mir kein Geld.

Padauz, die erste Nacht ist durchwacht auf einem Bett, das diesen Namen nicht verdient. Ich denke an die Grabinschrift Ovids und werde eifersüchtig, da dessen Glieder wenigstens weich ruhen. Meine Begleitung hat es besser, denn ich habe sie in einem erstklassigen Hafen untergebracht, der allerdings viel weiter entfernt ist, als meine Seekarten es behaupten. Ich steige in die Nasszelle und muss feststellen, dass man hier in der tiefen römischen Provinz Latium die Duschkabinen in erster Linie für Liliputaner konzipiert oder für jene, die es noch werden wollen. Von und mit kapriziösen Verrenkungen versuche ich mich zu reinigen, was dazu führt, dass ich beinahe einen Salto mortale mache, nur um meinen Allerwertesten waschen zu können. Das Wasser ist unsäglich kalt, sodass ich mich nur deshalb noch als Mann erkenne, weil ich weiß, dass ich einer bin. Ein welsches Pärchen aus der fernen Provinz Rätien ist anwesend, obwohl es eigentlich schon seit den Kalenden des Monats September verschwunden sein müsste. Mit der üblichen rachitischen Intonation des Phonems „k“ flehen sie um meine Erlaubnis, sich doch noch ein wenig länger aushalten lassen zu dürfen. Ich fühle mich gut, weil überlegen, und gestatte es ihnen jovial. Als ich, von so viel unverhoffter Autorität angenehm geschwängert, mich zur Erleichterung auf den Locus locomotus begebe, merke ich, wie dünn die Wände sind: Wie Pyramus einst könnte ich mich durch die Klowand hindurch mit meiner Kollegin aus der Provinz Vindobona verständigen, nur dass ich stattdessen schweige und mich auf das konzentriere, was Thisbe hinter der Wand lautstark mit sich selbst anstellt. Meine Kemenate ist wohlig, aber sie lässt sich nicht verriegeln; wer erwartet hier schon Privatsphäre? Wieder fallen mir die Sternsinger ein und wie mich der fette Nachbarsbub, der übrigens auch als Weihnachtsmann fungierte und regelmäßig seinen Bart fraß, mit einem nassen Fetzen verprügelte und seine Schwester mir vorhielt, ich sei Sternsinger nur des Geldes wegen. In Wahrheit wollte ich lediglich immer schon Melchior sein – denn das Herz schlägt fürs Werk.

Inzwischen ist mein Landsmann aus der Provinz Pannonien eingetroffen, ein Maler und Poet mit göttlichem Pinselstrich und Händen wie Pygmalion. Wir verstehen beide kein Italienisch und begegnen den Einheimischen mit dementsprechend babelhafter Sprachskepsis; auch über den Umstand, dass in Latium niemand der angelsächsischen Lingua franca mächtig ist, bleiben meine Seekarten stumm. Hätte ich es gewusst, ich hätte mir zumindest italienische Rudimente angeeignet. Aber wir ergeben uns unserem Dasein als Kartäuser, und um nicht in die gefürchtete mönchische Acedia zu verfallen, den maliziösen geistigen Dekubitus, lauschen wir bis fünf Uhr fünf einer britannischen Bardin, leeren fünf Flaschen Wein und klären indirekt die Frage, ob nicht doch Gavrilo Princip der Mann des Jahrhunderts war. Am nächsten Morgen werde ich durch lautes, schepperndes Italienisch geweckt – es spricht der Hausmeister, ein Nazarener. Mit zitternden Gliedern stehe ich vor ihm, und seine Worte, die ich ohnehin nicht verstehe, prallen ab an meiner Apathie. Hier bemüht sich keiner, die Fremden zu verstehen, jedoch ist das Fremde eine Form der Eigenheit, und die Lust am Eigenen soll bewahrt werden. Die Stimme des Nazareners verhallt innerlich, ähnlich wie die von Margarete, als sie ein letztes Mal, eigensinnig gedoppelt, Fausts Vornamen ruft. Nun selbst erstarrt zu einer Säule des Unverständnisses, suche ich den schönen Hügel hinter dem Haus auf und beobachte, wie Hegel, einen herrlichen Sonnenaufgang. Die Pinienhaine, die pittoresken umliegenden Dörfer, herrlich unerhört auf Bergrücken gelegen, neutralisieren mich, und ich stecke meinen Schädel in die trockene Erde wie ein ratloser Strauß. Ich muss feststellen, dass ich mich mit dem Maulwurf gut unterhalten kann, oder er zumindest so tut, als verstünde er mich. Einmal mehr denke ich an die Sternsinger, an den fetten Nachbarsbuben, der mich damals eben um fünf Uhr fünf aus dem Bett läutete und mich mit einem Fausthieb in die Magengrube aus Somnos’ Armen löste, als ich beim Pfarrer kurz eingeschlafen war. Seine Schwester trat mir noch am selben Tag in die Hoden und spuckte in mein schmerzverzerrtes Gesicht, weil ich ihr in der Mittagspause die Sicht auf den Fernseher versperrte. Das Herz schlägt fürs Werk, sagte sie drohend, während sie das bis dahin eingenommene Geld zählte.

Nachdem das rätische Pärchen fast eine Woche lang spurlos verschwunden war, wird es völlig unvermittelt wieder an Land gespült, nur um am nächsten Tag wieder abzureisen – endgültig. An ewige Fluktuation und Pythagoras erinnert, bin ich steinerner Gast einer ergreifenden Abschiedszeremonie. Am Abend vorher war der männliche Part des Paares noch am Kombüsenfenster gestanden und hatte durch das Fliegengitter in die dichte Nacht gestarrt; ein apodiktisches Kein Plan war das einzige, was er hervorbrachte. Wie eine perfekte Stichomythie aus einem klassischen Drama erschien mir da die Antwort meines pannonischen Landsmannes: Et tu, Brute! – Die abendliche Einsamkeit ist wieder eingekehrt, und ehe wir uns zur Komplet versammeln, möchte ich mir ein Mahl im Backrohr zubereiten. Doch es ist mit einem braunen Pflaster versiegelt, und wie ein herbes Menetekel trifft mich die Schrift des Nazareners, deutlich auf dem Pflaster wie die Flammenlettern an Belsatzars Wänden: FORNO NON FUNZIO NA . RECOLARE steht da in überdimensionalen Buchstaben, und nach erfolglosen etymologischen und graphologischen Bemühungen muss ich entnervt aufgeben – das Verb recolare existiert nicht. Da ich dem Nazarener keine Rechtschreibfehler zutraue, gehe ich von einer Arkanbotschaft aus, die durch den rätselhaft um den Satz kreisenden Punkt noch um eine Dimension erweitert wird; sofort denke ich an den barocken Lyriker und Theosophen Angelus Silesius (obwohl dem Nazarener das Mittelalter eigentlich besser zu Gesicht stünde) und dessen Kreiß im Puncte: Ich bin wie GOtt und GOtt wie ich – ist es das, was uns der Nazarener mitteilen will? Mit der letzten Kraft meines Geistes wehre ich mich gegen die Erinnerung an die Sternsinger, aber sie kommt über mich wie die Nacht über die Welt und Paliano: Nach einem mehr oder minder erfolgreichen Tag des pekuniären Menschenfischens setzte sich der fette Nachbarsbub, dieser Ecce homo, auf das Schaukelpferd am Spielplatz, begann seine ganze kritische Masse in Bewegung zu setzen und sah, wild auf der Stelle reitend, tragikomisch aus wie Richard der Dritte. Ich bin der König von Hornstein, brüllte er mit sich überschlagender Fistelstimme, hob seinen dicken Arm und schaukelte in der kulminierenden Erregung eines Thyrsusschwingers. Plötzlich riss die Feder, die das Pferd sowohl bewegte, als auch in den Fugen hielt, und der fette Nachbar trat einen halsbrecherischen Walkürenritt an, der ihn zunächst etwa fünf Meter weit führte, dann aber auf dem unfreundlich harten Boden ein jähes Ende fand. Nach einigen Überschlägen landete der Dicke rücklings im Dickicht, streckte Arme und Beine von sich und ließ ein leises, hündisches Klagen vernehmen (während des Rittes war es eher ein zagendes Fiepen gewesen). Das Herz schlägt fürs Werk, sagte ich, noch immer in Melchior-Bemalung, denn sie hatten mir nicht gestattet, mich abzuschminken. Ohne ein Wort donnerte mir die Schwester des Nachbarn ihre Faust ins Maul, ich strauchelte, fiel und schlug mir den Kopf am friedlich grinsenden Schaukelpferd. So dämmerte ich weg, und als ich aufwachte, war ich hungrig.     

Um Essen zu fassen steche ich in See, mit Colleferro als Ziel, der nächsten größeren befestigten Anlage. Ein Lokal ist schnell gefunden, doch auch hier kann ich mich nicht verständlich machen. Wild gestikulierend, händeringend und mit den Augen kullernd muss ich aussehen wie ein aufdringlicher Skaramuz, aber der rabenschwarzhaarigen Ragazza, die die Bestellung aufnimmt, komme ich eher vor wie ein Troglodyt. Nachdem die Feuerzungen ausbleiben, wähle ich das Missverständnis und bedeute der Ragazza mit primitivsten Gesten, dass mir egal ist, was sie mir zu Essen bringt. Da es nur eine Biersorte gibt, nämlich Moretti, muss ich auch diesbezüglich nicht lange überlegen (trotz der grässlichen Implikationen, die der Name Moretti innehat). Nach einer riesigen Portion ekelhaftesten Fleisches und sechs Morettis habe ich keinerlei Probleme mehr mit dem Italienischen, ich pfeife die Ragazza zu mir und erzähle ihr von meinem kleinen Garten und den Büchern über Gartenarbeit, die ich mit großem Interesse lese, den vielen hundert Tomaten, die ich heuer schon geerntet und unter meiner gesamten Verwandtschaft aufgeteilt habe, sodass die Verwandtschaft schon nicht mehr weiß, wohin mit den Tomaten und ihnen die Tomaten buchstäblich schon beim Arsch hinauslugen, dass der erste Satz meines Cousins ein Lob der Suppe meiner Oma war, und dass ich heute sicherlich auch ein Lob über die Suppe ausgesprochen hätte, wenn es in diesem Lokal denn so etwas wie Suppe gäbe. Inzwischen ist die Ragazza immer schöner geworden, sie bezeichnet mich als Giovane piacevole, der obendrein aussieht wie ein tipo romano-ellenico, und verrät ihren Namen: Brunhilda. Da ist es um mich geschehen, ich sehe mich wie der Burgundenkönig Gunther mit blutunterlaufenen Augen an einem Nagel in Brunhildas Schlafzimmerwand hängen, und stürze aus dem Lokal. Ich verspüre Sehnsucht nach meiner, ebenfalls schwarzhaarigen, Stummfilmkünstlerin, die nun sicher nicht zu Hause sitzt und auf mich wartet – da kommt mir Storm in den Sinn, „… zu keinem Glück bedarfst du mein …“, und die Sternsinger: Das Werk war endlich vollbracht, ich spürte meinen gebläuten und geschwollenen Leib schon nicht mehr, und wir standen vorm Pfarrer, um ihm das eingenommene Geld zu übergeben, erst Caspar und seine Schwester Balthasar, dann: Melchior, oder was noch von mir übrig war. Der fette Nachbar und seine Schwester reüssierten mit einem (verglichen mit der kurzen Dienstzeit) exorbitanten Gewinn, ich hingegen legte nur ein paar Münzen auf die Bibel. Da strich mir der Pfarrer zärtlich durchs Haar und führte mich in die Sakristei. Fortwährend repetierte er rosenkranzartig: Das Herz schlägt fürs Werk. 

Wieder im Lager angekommen, erblicke ich einen kleinen schwarzen Skorpion in meiner Kajüte. Aufgrund meiner völligen Ahnungslosigkeit im Umgang mit Skorpionen fange ich ihn mit einem Glas ein, doch dieser hermetische Kerker behagt dem unsympathischen Eindringling nicht, und als ich das Glas umstülpe, entspringt der Finsterling mit einem wagemutigen Satz unter die Kommode. Während dieser Unterweltfahrt rasselt er unaufhörlich mit seinen Scheren wie Prometheus mit den Ketten, und in Todesangst wende ich mich an meinen pannonischen Landsmann – er lacht nur und meint, diese Skorpionin sei völlig harmlos, sie sei sogar an mir interessiert und wolle mich nur ein wenig necken. Da ziehe ich die Unsicherheit selbst in Zweifel und frage mich, was mich eher Wunder nimmt: das Fak(tot)um eines schwarzen Skorpions unter meiner Kommode oder der gendertheoretische Ansatz meines Landsmannes. Ich entscheide mich für den Mittelweg und töte den Skorpion mit meinem Schuh, nachdem ich ihn, auf dem Boden liegend, mit einem Blatt Papier aggressiv gemacht und zum Sturmlauf auf meine Person gezwungen habe – das Böse wird durch eine ebenso böse Maßnahme nivelliert und stellt sich dadurch selbst in Frage. Ein Dreischrittmodell wie aus einem Lehrbuch des deutschen Idealismus, obschon ich mich nicht in der Lage sehe, das Geschlecht des Skorpions festzustellen, aber ich denke an Brunhilda, und plötzlich interessiert’s mich nicht mehr. Mein Landsmann, ein profunder Kenner von Skorpionfrauen, insistiert auf der Weiblichkeit des Tieres, und tatsächlich küsst ihn die Muse: In den nächsten Tagen kreiert er, vom Vorfall inspiriert, eine atemberaubende Kohlezeichnung – beim Betrachten des Bildes ergeht es mir wie Kleist mit Caspar David Friedrich, meine Wahrnehmung wird benebelt und gleichzeitig gespitzt von der Reichhaltigkeit der Darstellung, deren apollinische Komponente ich zuerst erkenne: einen riesigen Skorpion, der einen winzigen Artgenossen schützend umfängt; nicht etwa mit seinen Scheren, denn er hat gar keine, aber zwei warme, menschliche Hände bergen den Leib des Kleinen, kosend und rührend wirkt er auf mich wie eine Pietà. Da, beim zweiten und dionysischen Blick auf das nahezu fohlenhafte, embryonale, stachellose Skorpionchen erkenne ich meinen androgynen Skorpion: der Landsmann hat dessen leblosen Körper auf das Bild gepappt, aber es gibt keine Trennlinien mehr zwischen biologischer und künstlerischer Realität, die Zeichnung ist ein organisches Yin und Yang geworden, das jegliche Theorie über die Grenzen der Malerei ad absurdum führt. Die Zeichnung wird lebendig, und nicht überzogen werden vom Firnis der musealen Ewigkeit. Sie macht mich zum stolzen Mörder.

Und da endet eine Reise, und es beginnt schon wieder eine neue: Ich segle zum Tor hinaus aufs offene Meer und drehe mich noch einmal nach der Festung Paliano um. Mir ist, als erblickte ich auf einem der Felsen Herzeloyde, Parzivals Mutter, die ihren Sohn angefleht hat, doch noch ein wenig länger in der Einöde zu bleiben und nicht das verhasste Rittertum zu suchen. Doch Parzival hat seinen Kopf durchgesetzt und ist damit durch die Wand oder, wie sein altfranzösischer Name schon sagt, „durch dieses Tal“ gelaufen. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass ich seine Mutter in der Ferne stehen sehe, sterben sehe, an gebrochenem Herzen.

Und da endet eine Reise und wird zur Erinnerung: Wann immer mir schwere Stunden schlagen und mich dunkle Freunde besuchen, denke ich an die Zeit in Paliano und tröste mich damit, dass damals mein Herz schon lebte und nicht mehr nur fürs Werk schlug.

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