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Im Theater
25.07.2005, 10:38
CAROLA KILGA
Carola Kilga

Im Theater

kleiner non- bis halfsense-text
Im Theater

Da sitze ich also im Theater und denk’ mir nichts Böses, geht der Vorhang auf und da steht einer. Aha, sagt rechts neben mir der kleine Herr, der nach etwas Altem, Verstaubtem riecht, jetzt passiert gleich was. Pscht, macht seine Frau, pscht, Hermann.

Der auf der Bühne steht sagt erst einmal gar nichts. Der sagt ja gar nichts, regt sich der kleine Herr auf. Pscht, Hermann, er sagt schon noch was.

Der auf der Bühne steht sieht ziemlich gelassen aus. Er steht da, als hätte er es nicht nötig, das Dastehen zu proben, aber natürlich hat er es geprobt, stundenlang.

Na, wann sagt der jetzt was, ereifert sich Hermann. Das würde mich doch interessieren, wann der was sagt! Pscht, macht jemand hinter mir.

Der auf der Bühne steht geht jetzt auf der Bühne herum. Er kann das sehr gut. Er geht, als ob da ein Weg wäre. Aber da ist natürlich keiner. Da ist nur eine leere Bühne.

Aha, jetzt geht der da rum! stellt Hermann fest. Wo der wohl hingeht?

Der auf der Bühne steht dreht sich einmal um sich selbst und sieht dann in den Zuschauerraum. Seine Augen blicken, wohin ist nicht ganz klar, sie blicken einfach. Wahrscheinlich hört er in seinem Kopf gerade den Regisseur sagen: Und dann... dann blickst du! Blick! Sieh zur Rückwand hin, aber sieh die Rückwand nicht an! Weil du siehst ja weiter, du hast einen Weitblick!

Wohin schaut der denn? will Hermann wissen und dreht sich um. Jetzt sieh doch nach vorn, Hermann, sagt seine Frau und zieht an seinem Ärmel. Pscht, tönt es von drei Seiten.

Der auf der Bühne steht verbeugt sich jetzt, ganz tief. Und dann fällt der Vorhang.

Ist jetzt Pause, oder was? verlangt Hermann zu wissen.

Doch da geht der Vorhang schon wieder auf. Jetzt stehen zwei da.

Den linken da kenn’ ich schon, vertraut Hermann mir an. Soso, sage ich. Ja, wissen Sie, der geht herum und schaut und sagt nichts, erklärt Hermann. Pscht, Hermann, lass das Fräulein da in Ruhe! befiehlt seine Frau. Entschuldigen Sie, sagt Hermann. Aber ich bitte Sie, sage ich.

Ping, sagt der, den Hermann schon kennt. Pong, antwortet der zweite. Das sagen sie noch dreimal, dann geht der Vorhang wieder.

Das habe ich jetzt nicht verstanden, sagt Hermann. Hat denn das überhaupt jemand verstanden? erkundigt sich Hermann bei mir. Haben Sie das etwa verstanden? Ich zucke mit den Schultern. Ja, wer soll denn sowas auch verstehen!

Dann dreht jemand das Licht auf, taghell wird es im Saal. Die Leute schauen ein bisschen und stehen dann auf. Ja, was ist denn jetzt los? Hermann rotiert.

Derweil ist der Vorhang schon wieder aufgegangen, und die zwei stehen wieder da. Einer von den beiden tut jetzt so, als wäre er ein Kind und fragt: Warum gehen die Leute denn schon, Mami? Der andere zuckt mit den Achseln, und das Licht geht aus.

Jetzt sagt der schon wieder nichts! ist Hermann außer sich. Die Leute wissen nicht wohin mit ihren Beinen und Hinterteilen. Da fällt der Vorhang auch schon.

Also früher war das alles ganz anders, da war ich ja oft im Theater, weil... Doch da wird Hermann von einem dritten auf der Bühne unterbrochen, der den Vorhang aufreißt, brüllt und eine Kokosnuss mitten ins Publikum wirft.

Au, macht es im Parkett.

Hahaha, das war jetzt gut, freut sich Hermann.

Frechheit, mokieren sich drei Gutangezogene und gehen.

Die gehören zum Stück! ruft jemand hinter dem Vorhang und lacht sich buchstäblich tot, weil gerade hat er noch gelacht, jetzt hört man einen Aufprall, und danach ist es still.

Ist der jetzt gestorben? Mach doch einer mal den Vorhang auf, da sieht man ja nichts! Hermann fuchtelt.

Ein kleines Mädchen steckt den Kopf durch den schmalen Spalt des Vorhangs. Es teilt ihn mit seinen kleinen Händen und macht einen noch kleineren Schritt zur Rampe. Keiner hört, was ich sage, flüstert es. Dann dreht es sich um und verschwindet wieder im Dunkeln.

Hermann gräbt in der Tasche seiner Frau nach dem Programm. Was machst du denn da, Hermann! Wie das Stück heißt, will ich wissen, erklärt Hermann. Aha! ruft Hermann und reißt das Programm in die Höhe.

Pscht, sagt jemand, und ich hoffe, dass ich es nicht war.

Ko- versucht Hermann im Dunkeln zu lesen.

Der Vorhang geht auf. Diesmal liegt da einer. Auf ihm steht einer drauf. Ich wüsste gerne, was Hermann davon hält, aber Hermann ist damit beschäftigt, ein wenig Licht auf das Programm zu lenken.

Kom- ist Hermann schon ein Stück weiter.

Der auf der Bühne liegt röchelt. Der auf ihm draufsteht verlagert sein Gewicht vom linken auf den rechten Fuß. Vorhang.

Jemand beginnt zu klatschen. Eine weint. Jetzt klatschen fast alle. Kommunikation, sagt Hermann.


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Wolfgang Obermayr | 10.08.2005, 06:52Antworten
Tolle Satire, Hermann ist für mich eine klare Identifikationsfigur. Aber eine Frage hab ich: Was sind Paras, warum sind sie leer, wie kann man sie unterstützen und was passiert wenn sie enden?
 Carola Kilga | 23.08.2005, 13:10Antworten
Paras sind siebenbeinige Wuschelwürmer. Sie brauchen den Hohlraum in ihrem Innern, um die Soße vom Quatsch aufzusaugen (damit bewässern sie ihre Hopfenfelder). Sie zu unterstützen ist einfach, einfach viel Scheiße bauen. Wenn sie enden, gibt es kein Bier mehr. So ist das.

Danke fürs Lob, Wolfgang.
Constantin Göttfert | 16.08.2005, 06:32Antworten
sehr brav, carola! meine gratulation

 Carola Kilga | 23.08.2005, 13:11Antworten
Auch dir danke, Constantin - ich freu' mich immer, wenn klar wird, dass meine Erziehung erfolgreich war. ;)
David Boeckle | 27.08.2005, 09:57Antworten
herrliche Geschichte, witzig, schlau und überall schaut das Herz um die Ecke und am Schluss macht´s Sinn.
schöne Grüße von

Ein Hermann
 Carola Kilga | 30.08.2005, 21:29Antworten
danke - das freut mein schreiberherz grad sehr. hermann. :)


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