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Lektion 1: Zu spät, Baby
28.07.2005 19:40
OLAF ZU STEG-FLAGGENHALT
Olaf zu Steg-Flaggenhalt

Lektion 1: Zu spät, Baby

Olaf introduces Paul
Es war wieder einmal ein Tag wie so viele frühere auf den Feldern der Glückseeligkeit. Etwas benommen und auch leicht verwirrt entstieg ich, mir Gedanken über die heitere Welt machend, dem U-Bahnschacht der grün eingefärbten Linie vier, meiner Stammlinie. Ein lauer Frühsommerwind empfing mich an der Oberfläche, der Himmel präsentierte sich von seiner freundlichsten Seite. Ich rückte mir meine nigelnagelneue mit roten Punkten versehene Fliege zurecht, die ich damals als ein „must-have“ der Modeszene ansah, und machte mich mit Schirm, Charme und Melone bewaffnet auf den Weg Gutes zu tun. Die grüne Wassermelone klemmte ich mir lässig unter den rechten Arm während ich in der Linken cool und elegant einen bei diesem Wetter vollkommen unnützen Schirm schwang.

Einen kurzen Fußmarsch später hatte ich die U-Bahnstation schon längst aus den Augen verloren und fand mich umgeben von prächtigen Kornfeldern und blühenden, himmlisch-duftenden Wiesen, auf denen sich friedvoll-vergnügt grasende Kühe gütlich taten. So wanderte ich durch die Wiesen und ließ meine Blicke streifen, die an einem im Gras liegenden Pärchen kleben blieben. Sie bewegten sich rhythmisch zu Songs von Burt Barrach und Elvis Costello welche aus einem alten Radiogerät Marke Pioneer verträumt durch die Landschaft dröhnten. Das Stöhnen welches sie von sich gaben interpretierte ich als eine Art neumodischer Gesang und tippte entzückt im Takt mit der linken Fußspitze auf den Boden. „Ja, Luft und Liebe“ dachte ich mir, und kombinierte messerscharf, dass das zum Überleben nur schwerlich ausreichen würde. Also teilte ich die Melone in zwei Hälften und beschloss, ihnen die eine Hälfte anzubieten. Ich schlich mich von hinten durch das hohe Gras an die beiden heran und malte mir ihre verträumten Gesichter aus, während ich kichernd und mit einem Gefühl der Vorfreude in mir durch die ach so bekannte heimische Flora robbte. Mit erdbeschmiertem Gesicht und den Worten „you wanna piece of melon” breschte ich auf das sich liebende Pärchen zu, im Glauben mein künstlich-jamaikanischer Akzent würde mir so etwas wie Klasse und Chic verleihen. Meine neuen Freunde waren leider nur halb so angetan von meiner netten Geste wie ich es mir erhofft hatte, um die Wahrheit zu sagen: sie schienen schockiert-erbost. Der junge Mann schnellte pfeilschnell nach oben, griff nach seiner Hose und suchte sein Heil in der Flucht, während er ganz und gar auf seine verdutzte Freundin vergaß, die mich pausenlos mit giftigen Blicken anstarrte. Es war mir zwar vollkommen unverständlich, warum sie dies tat, ich versuchte jedoch, sie mit einem selbstgepflückten Blumenstrauß zu entzücken beziehungsweise zu besänftigen. Als auch dieser Versuch fehlschlug gab ich es entgültig auf und ich beschloss, die junge Dame, die in der Zwischenzeit damit angefangen hatte, bittere Tränen der Entrüstung und Angst zu vergießen, ebenfalls allein zu lassen. Ich warf ihr also ihre Kleider zu und ihre Miene hellte sich etwas auf. „Zu spät, Baby, mit mir spielt man nicht“, sagte ich mit meiner tiefstmöglichen Berry-White-Stimme, wischte mir mit einem seidenen Taschentuch den Dreck aus dem Gesicht und zog von Dannen. Entrüstet atmete ich tief ein und aus und wer dabei genau hinsah konnte kleine Dampffontänen erkennen, die aus meinen Nasenlöchern in Richtung Himmelszelt zogen.

Schon bald jedoch verrauchte mein Zorn und ich konnte mich wieder an diesem schönen Tag erfreuen. Ich fühlte mich zuhause und setzte feucht-fröhlich Duftmarken um mein Revier weiträumig abzugrenzen und meinen Anspruch darauf zu bekräftigen, indem ich graziös je nach Bedarf das linke oder das rechte Bein leicht anhob und peinlich genau auf den dabei entstehenden Winkel achtete. Die Gegebenheit, dass diese Felder eben mein Revier darstellten, war eine Tatsache, welche damals niemand abstreiten konnte. Ich gehörte ebenso zur Landschaft wie die duftenden Hahnenfüße, welche den Wegesrand links und rechts säumten. Langsam verstummte Elvis Costello bis er schließlich überhaupt nicht mehr zu hören war, und von einem Glucksen und Prusten abgelöst worden war, welches ich der Menschenmasse vor mir zuschrieb. Und tatsächlich: Es waren alle gekommen. Ich lief gemächlich und souverän auf die Menschenmenge zu die sich ehrfürchtig vor mir teilte, um mir den Durchgang zu erleichtern. Wie ferngesteuert stolzierte ich stolz und mit erhobenem Haupt auf den erst letzten Sommer weiß gestrichenen Pavillon zu, der so etwas wie den zentralen Szenetreffpunkt der intellektuellen Elite in den Feldern darstellte. Ich stieg die hölzernen Stufen hoch, die unter meinen Schritten vertraut stöhnten und mich auf ihre Art willkommen hießen. Ich stellte mich hinter das Rednerpult und ließ mich unter tosendem Applaus feiern und warf den Gekommenen die Reste meiner Melone zu die sie auffingen und gierig verspeisten. Im Hintergrund ragt die Skyline der Stadt in den Himmel, die mit ihrem Anblick diesem Ort etwas besonders mystisches, um nicht zu sagen magisches gab. Ich räusperte mich kurz und eindrucksvoll. Ein Raunen ging durch die Menge und neugierige Augenpaare waren auf mich gerichtet. Es war an der Zeit meine täglichen Worte an das Volk zu richten, wie ich es gerne liebevoll und auch etwas spöttisch nannte. Ich trank einen letzten Schluck frischen Quellwassers aus einem Glas, das auf dem hölzernen, ansatzweise vom Holzwurm befallenen Redenerpult für mich bereit stand, und erhob kraftvoll meine Stimme, um möglichst imposant zu wirken.
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