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Lektion 2: Es bleibt spannend
12.08.2005 19:42
PAUL HALMENSCHLAG
Paul Halmenschlag

Lektion 2: Es bleibt spannend

Olaf betritt die Bühne

Sie fürchteten mich. Jeden Tag wurde ich mir dessen aufs Neue bewusst, wenn ich sie bei jedem Faustschlag auf das Pult erzittern spürte. Zwar kannten sie mich gut, war ich doch in meiner Gutherzigkeit wie ein liebgewonnener Freund für die meisten, doch schien mein selbstsicheres Auftreten ihre zerrütteten Gemüter immer noch einzuschüchtern. Zumindest so sehr, dass sie es zum Ritual hatten werden lassen, täglich meinen immer gleichen Worten der Zuneigung gebannt zu lauschen.

Dabei bemühte ich mich stets, keinerlei furchteinflößende Wirkung auf sie auszuüben. Mein Äußeres war stets gepflegt, war ich doch wie auch nach innen stets auf größtmögliche Reinheit bedacht. Die Haare waren den allgemeinen hygienischen Wertvorstellungen entsprechend zusammengebunden, die Finger- und Zehennägel gesäubert und an den Kanten entsprechend abgerundet, die Zähne regelmäßigen Kontrollen durch umfassend ausgebildete und an Erfahrung reiche Dentisten unterzogen. Auch der mit rotgetönten Blumenmustern übersäte Anzug schien meinem - mit Verlaub - perfekten Körper wie angegossen und ich empfand es als Selbstverständlichkeit, diesbezüglich für einen gelungenen Geschmack in Sachen Kleidung ununterbrochen gelobt und verehrt zu werden. Mehr, man könnte sagen, ich stellte eine Art Modezar dar. Was auch immer ich trug, die Geschäfte der Stadt zogen mit und boten eben dieses Gewand binnen weniger Stunden für gutes Geld feil. Nicht zuletzt wegen meines grundgütigen Mitleids, das ich für die Besitzer der feinen Boutiquen empfand, die neue Kleider an mir wegen der ihnen drohenden Umstellung immer mit einem verärgerter Blick und kindisch beleidigtem Schweigen in geselligen Runden erwiderten, habe ich mich schließlich dazu überwunden, nur noch besagten geblümten Anzug zu tragen. Vielleicht war es auch gerade das, was mir diesen immensen Respekt einbrachte: meine unendliche Konsequenz und das selbstlose Mitgefühl für meine Mitmenschen.

Vielleicht war es aber viel eher meine dunkelschwarze Vergangenheit in der stadtweit gefürchteten Harley-Gang. Wir drei saßen damals stundenlang zusammen und debattierten in respektvoller Weise über die neuesten Werke von Elfriede Jelinek und Jostein Gaarder. Da gab es zwar ganz schön oft Meinungsverschiedenheiten, die wir jedoch immer unter Einbeziehung eines schlichtenden unparteiischen Vierten immer völlig gewaltlos und unserer Natur entsprechend friedsam beseitigen konnten. Ab und zu, an den besonders sonnigen Tagen schwangen wir uns auch auf unsere Feuerstühle und fuhren mit einem ziemlichen Affenzahn, der sich jedoch stets im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen abstrakten wie auch konkreten Höchstgeschwindigkeit bewegte, raus ins Grüne zum völlig entspannten Picknicken. Ich erinnere mich noch gern daran zurück: Wir hatten selbstgebackten Kuchen und in Thermoskannen warmgehaltenen Tee dabei und gute Laune war auch meist mit von der Partie. Damals waren die Felder vor den Toren der Stadt noch roh und unkultiviert, somit genau das richtige für harte Jungs wie uns. Na ja, um ehrlich zu sein hatten wir meistens auch kuschelig weiche wasserabweichende Unterlagen eingepackt, weil die kantigen Steinchen unterm Popsch eigentlich schon ganz gemein pieken konnten.

Was auch immer der Grund für mein mir unerklärliches Ansehen beim Volk war: Fest steht nur, dass ich es dieser Tage ungemein genoss, im Rampenlicht ihrer kleinen Seelen zu stehen. Die Frauen träumten von mir, die Männer wollten sein wie ich, die Kinder verwechselten mich oft mit ihren leiblichen Vätern oder Müttern. Und keiner konnte es ihnen verdenken.

 

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Olaf zu Steg-Flaggenhalt | 13.08.2005 22:34Antworten
ist so schön, gemalt.

°'^*


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