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28.08.2005 07:47
CAROLA KILGA
Carola Kilga

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Das ist wohl der Regen draußen, der mich das hat schreiben lassen. Ist etwas... wirr. Ich hatte Berlin im Hinterkopf, weil ich da grad erst war, das ist dann aber schon das einzig Autobiographische.
Es ist komisch, aber ich lache nicht.


Mein Haar peitscht mir ins Gesicht. Es fehlen ihm Hände. Ich mache kleine Geräusche und beuge mich weit über das Geländer, um Leute, mit denen ich nichts zu tun habe, zu beobachten, wie sie schlendern, gehen, laufen und sich überlegen, ob ein Bier oder eine Zuckerwatte sie glücklicher macht.


Zwei brüllen sich an; ich denke, wenigstens redet ihr miteinander.


Hinter mir steht einer, und ich merke genau, wie er auf mein Kreuz starrt, aber ich denke nicht daran, mein T-Shirt zu richten, weil ich den Wind auf meiner Haut spüren will, ich bin nämlich in kitschiger Stimmung und finde mich schön, auch wenn dabei Wehmut im Spiel ist.


Neben mir beugt sich jemand ebenfalls über das Geländer, er hält sich sehr fest dabei. Sein Arm streift meinen, das ekelt mich, man darf mich nicht einfach so berühren, ich bin wählerisch, das wird noch einmal mein emotionaler Tod sein, aber scheiß drauf.


Ich mache mir Platz und wische über die Stelle, an der sein Arm war, sie fühlt sich wund an. Hoffentlich hat er es nicht gesehen, ich will ihm nämlich nicht zu nahe treten. Es hat ja nichts mit ihm zu tun.


Ich gehe die Stufen hinunter und beschließe, meine Kleinheit zu genießen. Am besten geht das vor großen Bauten, Kreuzen und Stacheldraht. Ich suche nach Gedächtnisstätten und finde auch eine. In dieser Stadt nicht schwer. Grauen an jeder Ecke, eingerahmt von der Moderne. Ein einziges Denkmal, über und über mit Graffiti besprüht.


Mir kommen die Tränen, als ich auf einem Bild die Leichen zähle. Ich wische sie ab und zähle weiter.


Ein persönliches Schicksal im nächsten Raum, es berührt mich auf seltsame Weise, ich fühle mich verbunden, als ob ich das wäre, von der die Rede ist.


Zuviele Leute in diesem Raum, zuviele bunt Angezogene. Ich muss raus hier.


Ein Park, eine Bank, keiner von den dreieinhalb Millionen in Sicht. Gut hier, ich setze mich, ich suhle mich in meiner Melancholie, ich huldige meiner Schwäche. Schämen kann ich mich später.


Eine einbeinige Taube humpelt vorbei, ich sage zu ihr, tut mir leid für dich, Ahab. Das finde ich derart komisch, dass ich mich am Zigarettenrauch verschlucke, ich huste und lache und weine schon wieder und weiß nicht, wie ich mich grad fühle. Ahab, der war gut.


Ich mache etwas Esoterisches: ich atme ganz tief ein und stelle mir vor, dass sich alles Schlechte in mir in meiner Lunge versammelt. Und dann raus damit, Luft ablassen, dabei muss ich unwillkürlich an den Typen aus The Green Mile denken, das stört meine Esoterik, weil ich Tom Hanks Scheiße finde.


Die einbeinige Taube fliegt weg, sie segelt in der Gegend herum, wer weiß, was im Kopf einer Taube abgeht.


Eine verwirrte Spanierin kommt des Weges, hält mir einen Stadtplan unter die Nase und speit ganz viele Wörter aus, die ich nicht verstehe, aber sie glaubt, dass ihr helfen kann, das ist eindeutig.


Sie versucht es auf Englisch, you say go where, ist gut, ich say mal was. Macht Spaß so zu tun, als wüsste ich, was Sache ist. Ich weise die Richtung, ich lächle wie ein buddhistischer Mönch, nur mit mehr Haaren, die mir im Nacken kleben, jedenfalls ein paar, der Rest verdeckt mein Gesicht. Sie bedankt sich mit verbalem Sperrfeuer, sie lacht wie eine Irre, ich glaube, ich mag sie, und schon packt mich das schlechte Gewissen, weil ich als Fremde eine andere Fremde ins Chaos schicke.


Vielleicht sollte ich einfach aufhören zu sprechen, das wäre mal was, einfach die Klappe halten, das wirkt ja auch geheimnisvoll, eine kleine, stumme Löwenmähne, damit schaffe ich es auf den Titel eines Kinderbuches und werde der Held von kleinen Menschen, die noch Angst vor Monstern haben.


Stattdessen gehe ich in ein Café, dort schreibe ich wirres Zeug auf einen liegengebliebenen Kassabon und tue mir furchtbar leid. Jemand geht am Fenster vorbei und bleibt kurz stehen, ich blicke auf und glaube einen Moment lang, dass es du bist, ich muss lachen und der am Fenster schaut mich an und bleibt ganz ernst. Dann geht er weiter, und ich hab’ Gänsehaut bekommen und ich frage mich zum hundertsten Mal, ob mich je einer sehen wird.


Es ist komisch, aber ich lache nicht.

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