An dieser Stelle finden Sie die Beiträge der letzten 180 Tage Gesamtpunkten gereiht.

An dieser Stelle finden Sie die Beiträge der letzten 180 Tage nach Durchschnitt gereiht.
PDF Version
TXT Version
Lektion 3: Rasierschaum statt Schlagsahne
28.08.2005 07:47
OLAF ZU STEG-FLAGGENHALT
Olaf zu Steg-Flaggenhalt

Lektion 3: Rasierschaum statt Schlagsahne

Paul in Fahrt.

Mit donnernder Stimme und erhobener Faust hielt ich meine tägliche Ansprache an das Volk. Wie so üblich wetterte ich gegen ausnahmslos alle Missstände in der Gesellschaft, forderte die sofortige Abschaffung der Ungleichheiten und machte Menschen aus Phantasieländern für so mancherlei andere Ungerechtigkeit verantwortlich. Irgendwie musste ich mein Volk in den Feldern ja schließlich bei Laune halten. Ich war dabei, mich richtig in meine Rede hineinzusteigern und der Schweiß begann mir über mein Gesicht zu rinnen und mein seidenes Hemd gänzlich zu durchnässen.

Dann, inmitten des ersten Satzes sorgte ich für verdutzte Gesichter, als ich beschloss, dass es an der Zeit für eine klitzekleine Pause wäre und setzte mich unter Applaus und Beglückwünschungen zu meiner flammenden Rede an die reich geschmückte Tafel links des Pavillons. Der Tischschmuck war wie üblich eher schlicht gehalten. Der einzige Glanz, den die Tafel bot, ging von mir aus, und zwar in Form eines kleinen goldenen Krönchens welches ich mir zu solchen Gegebenheiten besonders gerne in die Haare steckte um meine gesellschaftliche Stellung deutlich hervorzuheben beziehungsweise noch zu unterstreichen. Während ich mir meinen kleinen Kopfschmuck aufsetzte - übrigens ein Überbleibsel aus meiner Faschingsprinzessinnenzeit - wurden auch schon die ersten Gänge aufgetragen. Wie üblich war das Mahl mit viel Liebe von den ansässigen Hausfrauen und Senioren zubereitet worden, die ihre wenige Habe dazu verwendeten mir einen Gaumenschmaus sondergleichen zu kredenzen. Dass sie leibhaftig wenig hatten, schlug sich nicht nur in ihrem übermäßigen Eifer dies zu vertuschen zu Buche, sondern leider auch deutlich in der Qualität der Speisen. Da Lebensmittel in dieser Schichte der Bevölkerung eher knapp waren, improvisierten sie was das Zeug hielt. Anstatt Mehl verwendeten sie feinen Sand, und anstelle frischer köstlicher Schlagsahne wurde Urgroßvaters Rasierschaum gereicht. Ich rief zum Tischgebet auf und dankte der Natur und den allen Lebewesen auf dem Erdenrund für ihre Existenz und rief die Menschen zur sinnlosen Verbrüderung auf.

Nun waren alle Augenpaare auf mich gerichtet, wo es doch daran ging, die heutigen Speisen zu anzukosten. Wohl wissend was mich nun erwarten würde, setzte ich mein weit über die Landesgrenzen hinaus berühmtes Honigkuchenpferdgrinsen auf und vertilgte die widerlichen Speisen. Sie stießen mir bitter auf ich wusste, dass sie mir wieder eine unruhige Nacht in der Notaufnahme bescheren würden. „Einfach köstlich!“ rief ich mehrere Male übertrieben laut, während ich mit meinen Tischnachbarn philosophierte und ständig etwas Nachschlag fordernd gute Miene zum bösen Spiel machte. „Köstlich“. Damit beendete ich wie üblich das Festbankett und entließ die Tischgesellschaft, indem ich jedem einzelnen für sein Kommen dankte und einem jedem links und rechts die Wangen küsste, da ich hoffte, auf diese Art den grässlichen Geschmack der edlen Speisen loszuwerden.

Als alle fort waren, lehnte ich mich entspannt zurück und zog ein kleines, kunstvoll gearbeitetes Pfeifchen aus meiner Sakkotasche. Es war aus Elfenbein und Silber gefertigt, ein uraltes Erbstück meiner Familie. Ich zog aus der rechten Tasche einen kleinen Beutel erlesenen Tabaks und stopfte eine fröhliche Weise aus längst vergangenen Tagen pfeifend mein Pfeifchen. Ich griff nach den Streichhölzern, die ich in weiser Voraussicht stets bei mir trug, nahm eines heraus und zog es lässig-elegant über die angeraute Stelle an der Schachtelseite. Das Schwefelhölzchen ging mit einem Zischen in Flammen auf und brannte lichterloh. Ich schirmte es mit einer Hand vom Wind ab und führte es mit der anderen zum Pfeifenkopf hin, um den Tabak zu entzünden. Es dauerte nicht lange und eine ordentliche Glut entstand. Ich machte das Schwefelholz aus, ließ mich auf meinem Stuhl etwas nach unten sinken und blies vergnügt kleine Ringe in die Luft, während ich den Menschen bei ihrem Tagewerk zusah.

Bewertung
Dieser Eintrag hat im Voting unter den Abonnenten bereits 13 Punkte erreicht! Sie müssen angemeldet sein, um für einen Beitrag voten zu können!
 
[kommentar abgeben]
 
Wolfgang Obermayr | 09.09.2005 12:19Antworten
Ich finds super wie du schreibst und zwar so intuitiv, einen Gedanken nach dem anderen aufgreifend so dass irgendwie eine skurille Kette entsteht, der man leicht und gerne folgt. Wenn mich nicht alles täuscht bist du auch so ein Dahinschreiber der meistens mitten im Satz noch nicht weiss wie dieser enden wird. Ich liebe das.
OmaSharif | 06.10.2005 17:10Antworten
schon lang nimmer so gelacht


(c) www.mediativ.com, 2002-2004