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Den Nachtbus erwischen
05.09.2005 20:34
CAROLA KILGA
Carola Kilga

Den Nachtbus erwischen

Sabi hat mir "Frau Nolte und der umgekehrte Fisch" gewidmet. Den hier würde ich ihr gern widmen. Danke an meine liebste Kritikerin.
Der würde mir so passen. Wie er da steht: fuchsschlauer Blick und Wolken auf der Stirn. Steht mittendrin in der Freitagsmasse und wird kein einziges Mal angerempelt. Hat schon längst bemerkt, wie ich ihn anstarre. Etwas in mir hebt die Hände, lass es, geh nach Hause, ist doch viel zu laut hier, und so heiß. Ich bleibe. Ich bleibe immer.

„Ziehen?“ Ein scharf riechender Stummel unter meiner Nase, hingehalten von einem wankenden Esoteriker, der seine große Chance im Leben verpasst hat und es noch nicht weiß.

„Danke“, winke ich ab. Und lächle höflich. Er sieht mich aus dumpfen Augen an.

„Eigenanbau“, wirbt er.

„Drogenfahndung“, entgegne ich. Verspätet begreift er. Inhaliert tief und bläst mir den Rauch ins Gesicht. Grinst breit. „Dann nich’.“

Geh weg, Mann, geh doch weg.

Er rollt seinen Joint zwischen Daumen und Zeigefinger, ganz langsam, als ob er die Lösung für das Nahostproblem herausquetschen könnte. Tiefer, tiefer Seufzer. Nur ein Auflachen wäre noch zudringlicher.

Ich höre angestrengt auf die Musik, ich werde mich nicht kümmern, heute nicht. Wo ist der Fuchs hin?

„War gelogen, vorhin“, wirft mir der Esoteriker den Gesprächsfaden hin.

Bloß nicht fragen was, bloß nicht. Abwarten. Der geht schon. Der kriegt bald Durst.

„’tschuldige. Wegen dem Lügen da, wegen Eigenanbau und so.“ Scheiße, jetzt hat er mich.

„Hat aber so gerochen“, beruhige ich. Ich hasse mich.

Der Esoteriker hält das Knäuel in Händen, trotzdem blinzelt er verstört.

„Das Gras. Riecht aber so“, helfe ich ihm auf die Sprünge, lächelnd. Ich wünschte, ich könnte Kriege anzetteln.

„Wie meinst’n das?“ fragt er unsicher, zieht prüfend, atmet den Rauch ein und wird zickig. „Is’ richtig guter Skunk, das“, verteidigt er sein Kraut. „Richtig gut.“

Unabsichtliches Kiffer-Beleidigen, das ist alles, was ich zustande bringe. Vielleicht geht er jetzt endlich. Der Fuchs ist wieder da, über seine rechte Schulter wirft er einen Blick, der mich gerade nicht streift. Ich brenne ihm Löcher ins Profil und stelle mir vor, er stünde vor mir. Mir wird flau.

„Echt, sorry. Ich lüg’ sonst nich’. Jetzt mal ziehen?“ Ich blicke auf. Gib her den Scheißjoint, ich drücke ihn vor deinen Augen in meiner Handfläche aus, get the picture?

„Nein, danke“, schüttle ich den Kopf und lache sogar.

„Tja, is’ sowieso durch“, stellt der Esoteriker fest. Es scheint ihm schwerzufallen, sich vom abgebrannten Filter zu trennen.

„Tja“, sage ich. Ein bodenloser Abgrund tut sich vor mir auf.

„Tja!“ ruft der Esoteriker glücklich. Er leckt sich die Lippen, sieht zur Bar, seine Beine wollen nicht so wie sein Kopf.

Ich starre in die Menge, hat ja eh keinen Zweck, Füchse stehlen doch nur Gänse, sowas lernt man ja früh. Tollwut kriegt man von denen, sonst nichts.

„Heiß hier.“ Der Esoteriker rückt sein Wollmützchen zurecht. Ich mache eine Handbewegung. Da kann jeder hinein interpretieren, was er für richtig hält. Der Esoteriker ist jedenfalls zufrieden. Er kramt eine Zigarettenschachtel aus seinem zerfetzten Rucksack. Auf einem der vielen Aufnäher steht „Steel Drum Junkie“. Ich stelle mir vor, dass der Esoteriker beim Gehen Steel Drum-Geräusche macht. Immer einen anderen Ton, bei jedem Schritt. Boing, boing, boing.

Ich muss lachen.

„Was?“ Der Esoteriker ist neugierig. Er verstaut den Stummel in der – wie ich jetzt bemerke – mit weiteren Stummeln gefüllten Schachtel. Ein ordentlicher Typ? Vielleicht auch einfach nur paranoid. Warum trägt der Zigarettenschachteln voller Jointstummel mit sich herum?

„Was was?“ frage ich zurück. Warum stelle ich diesem Typen Fragen?

„Na, du hast gelacht.“ Er stopft die Schachtel in den Rucksack. Vielleicht zeigt er einmal pro Woche seine Stummelsammlung jemandem. Schau, ich bin jetzt bei vier am Tag.

„Ich lach’ auch oft ohne Grund“, sagt er und kichert bereits. Ich lächle auch und halte die Luft an und suche in meinem Kopf nach Klischees. Er ist sicher Veganer, und er wählt die Kommunisten, obwohl er den Vorsitzenden nicht erkennt, wenn er ihn beim Biobauern trifft. Oder er wählt eigentlich gar nicht, sagt aber, wenn er wählen würde, das Kreuz bekämen die Trotzkis, und die anderen Veganer um ihn herum nicken und merken vorlauter Blutarmut gar nicht, was für Blödsinn aus dem Mund ihres Freundes quillt.

„Hast du nicht auch Durst?“ fragt er mich. Ja, habe ich. Ich schüttle den Kopf.

„Also ich brauch’ was zu trinken“, teilt er mir mit und öffnet noch einmal den Mund. Er überlegt es sich anders und geht. Boing, boing, boing zur Bar.

Noch einmal die Menge scannen. Der Fuchs ist auf die Jagd gegangen, und mittlerweile ist mir das auch scheißegal. Ich zwänge mich an verschwitzten Hemden und überparfümierten Tops vorbei. Raus hier.

Draußen setze ich mich auf die Gehsteigkante, Trottoir nennt das ein Bekannter von mir, er meint aber nur die Kante.

Boing, boing, boing. Das darf nicht wahr sein, der kommt mir nach.

„Ich setz’ mich mal zu dir“, lässt mich der Esoteriker wissen und ächzt, als er in die Knie geht. Er nuckelt an seinem Bier und besieht sich die vorbeifahrenden Autos.

Ich fühle mich so allein, dass ich schon wieder fast zu zweit bin und zähle mir im Geiste auf, warum ich glücklich sein muss. Ich hab’ mehr als genug zu essen, ich kann lesen und schreiben, ich kann sogar fast dividieren! Gott, bin ich glücklich.

Irgendwas hat er grade gesagt. Ich sage „Aha, mhm“, ich zünde eine Zigarette an, ich bin ja so ein guter Mensch.

Und irgendwann bin ich tatsächlich allein, ich hab’s nicht einmal gemerkt, kein boing, boing, boing.
Traurig, denke ich mir, und du wolltest mal einen sozialen Beruf ergreifen, du Loser. Neben mir bleibt einer stehen, könnte altersmäßig mein Vater sein, nur dass mein Vater nicht „Ficken?“ sagen würde.

Ich sehe an mir runter. Ich sehe meine alten Turnschuhe, meine noch älteren Jeans, ich sehe ein T-Shirt, das vor sich hin schreit „Nur noch sonntags tragen!“. Ich frage mich, wie traurig dieser Ficken-Typ erst sein muss. Und schon fühle ich mich überlegen. So schnell geht das.

„Hör zu“, sage ich dem alten Mann, der immer noch neben mir steht und begehrlich blinzelt, „hör zu.“ Ich hole Luft, das Leben dauert nicht ewig, manchmal muss man direkt sagen, was einem durch den Kopf geht. „Ich bin’s nicht wert. Echt nicht.“

Erstaunt sieht er mich an. Ich wundere mich auch. Ich wollte was von „mit mir nicht“ und „mit dir sicher nicht“ oder was in die Richtung sagen. Aber es wirkt. Er geht. Er geht und zieht dabei die Nase hoch.

Wehe, er spuckt.

Ich öffne meine Tasche und grabe nach meinem Mobiltelefon. Pass, Führerschein, Kaugummi, Zigaretten, Notizbuch, noch mehr Zigaretten, ein kaputter Kugelschreiber, ein zerlesenes Reclamheft. Wo ist dieses verdammte Telefon?

Weich gebettet liegt es zwischen Tampons und Taschentüchern. Kein Anruf drauf. Keine Nachricht. Nur die Uhrzeit. 4:07.

Schon nach vier. Ich frage mich, wo die Stunden hin sind.

In acht Minuten steht mein Nachtbus an der Oper. Schaffe ich nie. Der nächste geht in achtunddreißig Minuten. Was tue ich achtunddreißig Minuten lang? Noch einmal da rein? Ein freudloses Bier? Nein. Schlechte Idee.

Noch sieben Minuten.

Hinter mir geht die Tür auf, einer torkelt heraus und biegt ein paar Zentimeter zu früh ab. Ungewollt fühle ich mit, als sein Kopf gegen die Mauer knallt. Zeit zu gehen.

Halb joggend an der Technischen Uni vorbei. Und ich düse, düse, düse im Sauseschritt, singt es in meinem Kopf. Das war tatsächlich mal ein Hit, kaum zu glauben.

Als ich Kind war, durchwühlten eine Freundin und ich die Kassetten ihres Vaters, weil wir wussten, er hat dieses Lied irgendwo. Wir fanden das richtige Band auch und hörten es uns hundertmal an. Und dann stritten wir stundenlang darüber, ob es „Himmelstrip“ oder „Himmelsritt“ heißt.

„Sie singt Ritt, ganz sicher!“ beharrte meine Freundin mit hochrotem Kopf. „’Und bring’ die Liebe mit – von meinem Himmelsritt’, hörst du das denn nicht!“

Für mich ist es bis heute Trip geblieben.

Aha, ein Plakat an der Mauer informiert darüber, dass bald wieder ein Posterverkauf im Freihaus stattfinden wird. Fast dasselbe Plakat hing schon vor sieben Jahren hier. Beim Posterverkauf war ich dann auch, weil meine erste Wohnung noch nackt war, trotz meinem Krempel, meinen Erwartungen und allem.

Drucke von Klimt, Schiele und Kandinsky, die Simpsons-Variante von Hoppers Nighthawks, Ernie und Bert, das Filmplakat zu Trainspotting – alle hundertfach. Eine Tussi im zu kurzen Rock schnappte mir den letzten Chaplin vor der Nase weg. Mann, war ich sauer. Ich ärgere mich eigentlich immer noch darüber. Chaplin, wie er als Hynkel mit dem Globus tanzt. Chaplin, der bei einem Chaplin-Look-Alike-Contest Dritter geworden ist. Chaplin, dem der Schnauzer skrupellos gestohlen wurde.

Diese blöde, aufgetakelte Kuh, zur Hölle mit ihr!

Ich blätterte die Musterposter nicht mehr durch; ich knallte Karton an Karton, regte mich lauthals über eine schlecht gemachte Godfather-Verarsche auf und blickte plötzlich in eine Art Spiegel: Jack Nicholson, Wahnsinn in Schwarz-Weiß.

Die Szene aus The Shining, in der er die Tür aufhackt und ruft: „Here’s Johnny!“ Was sagt er nochmal zu seiner Frau? „Darling, light of my life. I’m not gonna hurt you.“ Und er sagt: „I’m just gonna bash your brains in.“

Das Poster hing lange über meinem Bett. Jetzt hängt es in meinem Wohnzimmer, mit Reißzwecken an die Wand geheftet. Johnny lässt sich nicht einrahmen.

Ein Mädchen studiert die Ankündigung für den Posterverkauf. Sicher Erstsemester. Ich wünsche ihr, dass sie keine Kurzberockte vor sich haben wird und haste an Würstelstand und Kunsthalle vorbei.

Nur noch ein paar Meter, ich kann schon den Stephansdom sehen. Ich beginne zu rennen. Die Gasse wird länger und länger, Leute, die eben noch nicht da waren, kreuzen meinen Weg. Ich schlage Haken.

In meiner Tasche klingelt es.

Heute nachmittag hat es schon einmal geklingelt, als ich in meiner Lieblingsbuchhandlung stand, grade einen Camus in der Hand, Der Fremde. Ich hätte nicht abnehmen sollen. Manches will ich nicht wissen.

Den Camus habe ich dann wieder zurückgestellt. Scheiß Existenzialismus. Obwohl. Ich hab’ dann einen Bukowski mitgenommen. Mehr Existenz geht wohl gar nicht.

Ich renne schneller. Da, mein Nachtbus fährt grade ein. Ich liebe das. Meine Beine viel zu langsam, der erleuchtete Bus in Sichtweite, ich renne.

„Heast, wos host es so eilig, geh...“ lallt einer, und ich muss fast lachen, weil ich am liebsten einfach brüllen würde, am besten einen Urlaut, der in den Ohren wehtut, der würde schauen, aber ich habe keinen Atem mehr übrig, weder zum Schreien noch zum Lachen.

Den Nachtbus erwischen. Der fährt mich zu Jack Nicholson.

Ich renne. Ich liebe das.

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sabi | 05.09.2005 20:53Antworten
könnte heulen.
das ist so wunderschön.
kilga intim. nicht nur wegen den tampons ;)

für mich bleibst du auf immer mein himmelstrip.
ich lieb dich.

deine geschichten wird man irgendwann einrahmen,
darauf kannst du dann mit jack anstoßen. an meinem pool. oder an deinem eigenen ;)

sabi, die nochmal kurz aufgestanden ist, wegen dem scheißbauch, jetzt versuche ich es aber nochmal, mit der ruhe und so.

sabi | 05.09.2005 20:55Antworten
Einzige Kritik:

"Eine Tussi im zu kurzen Rock."

"Eine Tussi IN zu KURZEM Rock."
 Carola Kilga | 05.09.2005 21:05Antworten
oha. ich trete die grammatik mal wieder mit meinen senk- und plattfüßen!

danke dir von a bis z. du weißt eh, was ich meine.
  sabi | 06.09.2005 00:21Antworten
von arsch bis zeh?
sabi | 06.09.2005 06:37Antworten
oder meinst du eher so mich als gesamtarsch?
 Carola Kilga | 06.09.2005 07:17Antworten
der gesamtarsch ist es ;)
  sabi | 06.09.2005 07:52Antworten
die uhr hier stimmt nicht.

sau-verein. ;)
  sabi | 06.09.2005 07:53Antworten
kapierst du das projekt von horavath?
also ich ned.
   Carola Kilga | 06.09.2005 08:10Antworten
klick mal da oben links auf "projekte/serien". da findest seine grundtheorie.
    sabi | 06.09.2005 14:27Antworten
ja eben.
da oben links habe ich bei mir eben nicht.
safari.
     Jürgen Kuster | 06.09.2005 19:15Antworten
ups,
das ist aber komisch.
safari konnte ich nie testen, das ganze hier ist strikt für firefox/ie optimiert. und ich hab auch keinen apple auf dem ich testen könnte.
(an dieser stelle leises weinen)
aber ich werde versuchen dir irgendwie einen link zukommen zu lassen, vorerst [so]
Wolfgang Obermayr | 12.09.2005 18:01Antworten
Was, noch 0 Punkte? Bei so einem Himmelstrip? Das muss ich sofort ändern.
 Carola Kilga | 12.09.2005 23:42Antworten
jöh, das ist nett von dir! :)
  sabi | 13.09.2005 03:35Antworten
nett, ja auch. aber in erster linie verdient, liebe carola.
   Wolfgang Obermayr | 17.09.2005 20:06Antworten
Ausserdem bin ich gar nicht nett - daran kanns also nicht liegen.
    Carola Kilga | 19.09.2005 12:39Antworten
ein unnetter gibt mir punkte!

die welt überrascht mich doch immer wieder ;)
pa mela | 22.09.2005 13:53Antworten
he carola. echt spitze.

grüsse ausm ländle und hoffentlich auf bald
 Carola Kilga | 26.09.2005 09:38Antworten
die pamela! jöh :)

danke dir! und ja, hoffentlich bis bald.


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