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Fäkalfragment
08.09.2005 02:01
WOLFGANG OBERMAYR
Wolfgang Obermayr

Fäkalfragment

Ausfluss aus eineinhalb Nächten. Fortsetzung möglich, Abschluss unwahrscheinlich. Träumen ist übrigens wie anders aufwachen, ist mir grad so eingefallen und musste ich noch dazu schreiben, weil es eine schöne Einleitung ist für:

Mir träumte, mir träumte heut Nacht. Wie ich auf die Straße trat und den Blick gen Himmel richtete, war mir als sähe ich direkt ins Auge eines zornigen Gottes. Es blitzte und funkelte mich an, Rauch und Feuer in der Iris. Etwas streifte mich am Arm und veranlasste mich, meine Aufmerksamkeit abzuwenden. Was ich da vor mir stehen sah, war meine Mutter. Aber sie war nicht mehr lebendig sondern zu einer Säule aus glänzendem Ton gebrannt, nur die Augen drehten sich unstet umher, in einem Gesicht, in dem sich Feuerschein spiegelte wie in einer Scheibe. Ich machte mich auf den Weg, folgte dem Verlauf des Flusses aus Lava, der sich in Schlangenlinien durch die Stadt zog. Überall umher standen die Statuen der Personen, die ich gekannt hatte, aber jegliche Gefühle, die ich für sie empfunden hatte, waren zu einer starren Wand glasiert. Ich setzte mich in meinem Bett auf und war mir ziemlich sicher, immer noch im Traum gefangen zu sein. „Ich sollte nicht soviel Edgar Allen Poe lesen, davon träume ich immer so geschwollen“ sagte ich zu mir selbst, denn ich saß mir nackt gegenüber, in einem alten Ohrensessel den ich noch nie in meiner 1-Zimmer-Wohnung gesehen hatte und spätestens die Erkenntnis dass in meinem Zimmer einfach kein Platz für einen Ohrensessel dieser Größe vorhanden war, riss mich endgültig los und ich erwachte, so wie jedes Mal, mit einem Gefühl vager Enttäuschung.

„Satan!“ schallte es mir durch die Wand entgegen. „Satan!“ Ich stand auf und ließ den Traum endgültig hinter mir, betrat die kleine Küche die ich zusammen mit meinem Zimmernachbarn  benutzte. Aus dessen Zimmer nun jemand mit schlechter Artikulation grölte. „Fuck your mother, slay your dad.“ glaubte ich zu verstehen. Und wieder: „Satan!“

Die Morgenautomatik. Ich setzte Kaffe auf, der alte Filter von gestern wanderte in den Abfall während die andere Hand den Einschaltknopf drückte. Und so weiter, Gegröle, Routine-Bewegungen, was auch immer, es war mir egal. Irgendwann würde es aufhören. Dann würde ich zur Uni gehen. Ich freute mich schon jetzt wieder aufs Schlafen.

Als es soweit war, ich war drauf und dran die Wohnung zu verlassen, überlegte ich es mir spontan anders, so wie fast jeden Tag. Zurück ins Zimmer, den Körper wie ein nutzloses Anhängsel aufs Bett verfrachtet. „Fernseher, zeig mir die Welt.“ Ich hantierte mit der Fernbedienung wie mit einem Zauberstab, schrie „MONSTRARE!“ und drückte die Taste für den ersten Kanal. Beachvolleyball, Finale der Frauen. Ich gratulierte mir zu meinem vorzüglichen Glück und öffnete den Reißverschluss meiner Hose. Zauberstabwechsel. Zu den Takten der Satansbässe aus dem Nebenzimmer bewegte sich meine Hand, erst nur immer den ersten Takt betonend, dann jeden Vierteltakt und schließlich die Achteln. Zu den Sechzehnteln kam ich nicht mehr. Was für ein erhebendes Gefühl, dachte ich und blieb trotzdem liegen, surfte gekonnt durch die Televisionslandschaft. Der Tag wand sich bereits wieder wie ein Wurm dahin, dümpelte wie ein kleiner Kutter auf nebelbedecktem Wasser. Im Großen und Ganzen war das mein Leben. Ich hatte schlimmere gesehen, aber nicht viele. Es gab bessere, doch bei keinem hatte mich die Aufwandsentschädigung überzeugt. Im Endeffekt war ich einen Kompromiss zwischen Leben und Tod eingegangen und es lief ziemlich gut. Zumindest bis zu jenem Zeitpunkt als ich das Geheimnis entdeckte. Es war mein Klo und nein, das ist jetzt kein Witz, es handelte sich wirklich um mein Klo, genauer gesagt um den winzigen Raum, der sowohl Klo als auch Dusche sowie Waschbecken enthielt, der Einfachheit halber aber nach dem wichtigsten Utensil darin benannt war. Im Gegensatz zu mir hatte mein deathmetal-hörender Nachbar schon immer eine enge Bindung zu diesem Raum gehabt, ständig verließ er sein Zimmer um stundenlang am stillen Örtchen zu verschwinden, und dass mehrere Male am Tag. Anfangs hatte ich noch vermutet er verfüge schlicht und einfach über einen extrem gut funktionierenden Stoffwechsel bzw. er würde diesen nach dem Essen künstlich herbei führen doch als ich mehrere Male in der Nacht von seinen schrillen Schreien aus dem Klo aufgeweckt worden war und zudem immer öfter auf Blutspuren am Türrahmen gestoßen war, begann ich an meiner Stoffwechsel-Theorie zu zweifeln. Ehrlich gesagt war es mir die längste Zeit ziemlich egal gewesen was der Kerl trieb, wechselten wir doch kaum je ein Wort miteinander. Das höchste der Gefühle war ein gemurmeltes „Hmarsn“ wenn wir uns im Vorzimmer begegneten. Doch dann ereignete sich ein Vorfall der mich bedenklich stimmte. Vorausschicken muss ich dieser Anekdote die Tatsache, dass ich die Stockwerkküche des Heims nie benutze, weil ich kochen verabscheue und als reine Zeitverschwendung betrachte. Ich kniete also vor dem Kühlschrank im Vorzimmer und überlegte mir, ob die Frankfurter denn unbedingt in heißem Wasser aufgeweicht werden mussten oder ob man sie mit ein paar Oliven und der ziemlich scharfen Knoblauchsauce nicht auch so ganz gut hinunter bringen würde. Jäh wurden meine überlebenstechnischen Überlegungen von meinem unsäglichen Mitbewohner unterbrochen, der in dem Moment aus dem Klo stolperte, ein Kruzifix in der linken und eine Art Opfermesser in der rechten haltend. Ich fand das Ganze übertrieben dramatisch, vor allem weil er das Kreuz nicht mal richtig herum hielt sondern am falschen Ende. Als er aber dann den Mund öffnete und „Du bist der Nächste!“ schrie, mit einer Stimme die direkt aus den Tiefen der Hölle zu kommen schien, war ich doch beeindruckt. Daraufhin kotzte er übrigens auf den Boden und konnte sich dann an nichts mehr erinnern, aber das nur der Vollständigkeit halber. Ach ja und ich aß meine Würstchen roh.

 

Es ist nun an der Zeit für eine quasiphilosophische Abschweifung. Es gibt Leute, die sind der Meinung, die Küche wäre das Herz einer Behausung. Doch wenn die Küche der Ort ist, an dem man völlig für sich allein sein kann, an dem man angenehme Momente der Entspannung und Zurückgezogenheit erlebt, wie viel angenehmer, entspannender, zurückgezogener hat man es dann nicht auf dem Klo! Wir können machen was wir wollen, letztendlich kehren wir immer wieder dorthin zurück, um die normalste Sache der Welt zu erledigen und so manch einer bleibt auch danach noch befriedigt sitzen, lässt die Seele baumeln und genießt die Früchte der Arbeit, bildlich gesprochen. Man könnte auch sagen man ruht sich auf seinen Lorbeeren aus. Mir kommen ja immer die besten Einfälle auf dem Klo, vor allem auf den Klos fremder Leute. Die Klos fremder Leute zu benutzen ist übrigens eine besonders pikante Angelegenheit, zumindest wenn man etwas genauer darüber nachdenkt. Viele Leute sehen sich das Bücherregal eines Fremden an, um etwas über ihn zu erfahren, ich hingegen bin der festen Überzeugung dass das Klo viel mehr Aufschluss über die Persönlichkeit eines Menschen gibt. Legt die Person Wert auf einen geschmackvollen Klodeckel oder hat sie die Standard-Version (Zeichen für Unoriginalität). Ist das Klo mit Duftspender ausgerüstet (Zeichen für Sinnlichkeit). Wie sieht das Umfeld aus, ist eine WC-Ente oder ähnliches griffbereit (Organisationstalent). Billiges Klopapier von der Stange, mehrlagiges Klopapier oder gar Feuchttücher (Genießer). Die Liste scheint endlos und das alles kann man über jemanden erfahren, bloß mit einem prüfenden Blick ins WC.

Dazu kommt natürlich noch der Reiz des Kundschaftens, des Überquerens von privaten Grenzen. Jedes Klo ist eng mit seinem Benutzer verbunden und immer wenn ich ein fremdes Klo benutze denke ich an seinen Besitzer, wie viele Stunden, Tage, Wochen er auf diesem Keramik-Thron verbracht hat, in guten wie in schlechten Zeiten. Ich pisse übrigens ausschließlich in fremden WCs im Stehen, mein Schwanz spritzt nämlich extrem und in meinem eigenen Scheisstempel achte ich schon auf ein Mindestmaß an Hygiene, auch wenn ich kaum je putze. Die Toilette in unserer Studentenwohnung hatte genau einmal ernsthafte  Bekanntschaft mit einem von mir geführten Klobesen gemacht und zwar nach einer ziemlich heftigen Heimsuchung von Montezumas Rache. Nicht einmal ich brachte es übers Herz, die Stätte der Verwüstung in dem bemitleidenswerten Zustand, in den ich sie gebracht hatte, zurückzulassen. Schnappte mir Reiniger, Bürste und frisch ans Werk. Nachdem ich also eine zeitlang fröhlich geschrubbt hatte und mich fragte warum das jeder so schrecklich findet - bis auf den entwürdigenden Gedanken Scheisse zu beseitigen ist ja wirklich nichts dabei – entdeckte ich an der hinteren Wand der Muschel ein seltsames Zeichen. Zuerst dachte ich meine explosionsartige Entleerung von vorhin hätte sichtbare Schäden verursacht, doch dann erkannte ich das Zeichen, von vielen okkult-unterhaltenden Fernsehserien wie Buffy, Angel und Charmed gelehrt, als Pentagramm. Es war nicht ohne eine gewisse Kunstfertigkeit in die Keramikwand geritzt worden. Sofort drängte sich mir die Assoziation mit einem Höhlenforscher auf, der urzeitliche Malereien entdeckt oder mit einem Kunsthistoriker, der hinter schnödem Mauerverputz das Werk eines niederländischen Meisters freilegt. Beinahe war ich versucht, das Wunder prüfend anzufassen, als mir gerade noch rechtzeitig bewusst wurde, worauf es sich befand. In meiner halb gebückten Klo-Bürst-Position verharrend, die Hand noch immer halb in der Muschel versenkt, überdachte ich die Möglichkeit, dass es sich bei dem Zeichen vielleicht nur um einen Insider meines Mitbewohners handelte, der ja schon mit seiner Kruzifix-Aktion deutlich gemacht hatte, dass er der pathetischen Lebensart nicht abgeneigt war. Ich hatte dieses Terrain so wie die meisten Leute mit der Pubertät verlassen und gab nicht viel auf Selbstinszenierung. Doch als ich schon mal so halbgebückt dastand, dachte ich es wäre keine schlechte Idee, sich mal ein bisschen genauer in dem kleinen gefliesten Raum umzusehen, den ich bis dato immer und vielleicht zu leichtfertig als reines Sammelsurium an Möglichkeiten zur Körperhygiene betrachtet hatte. Ich sah mich also um und weil ich wusste worauf ich achten musste, wurde ich beinahe sofort fündig. Es handelte sich bei weitem nicht nur um Pentagramme, die auf alle möglichen Oberflächen geritzt worden waren, auch umgedrehte Kreuze und dreifache Sechsen waren dabei, im Grunde alles was einem gothic-besessenen Hirn an okkulten Symbolen entspringen konnte und teilweise so offensichtlich platziert dass ich mich fragte ob sie erst kürzlich erschienen waren oder ob schlicht und einfach meine Beobachtungsgabe mit den Jahren teilnahmslosen Scheinlebens wirklich so degeneriert war wie ich immer befürchtet hatte. Tatsache war jedenfalls dass mein Mitbewohner mit seinem Graffiti-Scheiss unser Klo verunstaltet hatte und es machte mich wütend. So wütend, dass ich mit erhobener Klobürste in sein Zimmer marschierte, in meinem kreativen Unterbewusstsein bereits eine Reihe an brüskierenden Floskeln ausheckend und ihn dabei erwischte wie er seinen Körper mit dem Blut eines kopflosen Huhnes bemalte. Dass es sich bei dem Kadaver um ein Huhn handeln musste, wusste ich übrigens deswegen sofort, weil der abgetrennte Kopf noch auf seinem Bett lag. Durch den Anblick leicht aus dem Konzept gebracht, sagte ich erst einmal das Offensichtliche: „Jetzt übertreibst du aber.“

Er schien mir nicht widersprechen zu wollen, sondern fuhr damit fort sich Symbole auf den Bierbauch zu pinseln und zwar keine Smileys sondern, wie hätte es anders sein sollen, Pentagramme, Kreuze und so weiter.

Da er völlig nackt war und meine Bürste tropfte hatte ich plötzlich überhaupt keine Lust mehr, ihn zur Rede zu stellen. Außerdem war ja ohnehin klar dass er ziemlich wahnsinnig war und wozu mit einem Wahnsinnigen diskutieren? Ich hatte jedenfalls keine Lust dazu und verließ sein Zimmer, nicht ohne ihm vorher jedoch noch einen bösen Blick zu zuwerfen, den er mit Sicherheit bemerkte, denn er murmelte noch etwas von „Bald. Bald bist auch du dran.“ oder so und mehr, doch die zufallende Tür schnitt ihm das Wort ab.

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Wolfgang Obermayr | 08.09.2005 02:04Antworten
Bild: Breaking The Cocoon / blackFirefly
(www. deviantart.com/deviation/22548488)
Wolfgang Obermayr | 08.09.2005 02:31Antworten
Verdammt jetzt packt mich grad die Angst, habe ich das Thema verfehlt? Drinnen wär ja alles: Erektion, Enge, Unwahrscheinlichkeit, Kotze ... und dabei hab ich den Text begonnen bevor ich von dem Projekt wusste, dachte das ist ein Zeichen, naja. Schreiben ist doch sowieso Rausch oder? Wenn man beim Schreiben die ganze Zeit abwägt, überlegt, überdenkt, voraus schaut kommt doch nur irgend was langweiliges, konstruiert Wirkendes heraus. Bei mir zumindest. Verdammt, und wieso kommentiere ich immer meine eigenen Beiträge?
David Boeckle | 12.09.2005 12:32Antworten
Herr Obermayr sie haben ein Talent zur verstörenden Unterhaltung und hinterlassen zur Mittagszeit Bilder in meinem Kopf, welche mir die Lust auf gegrilltes Hähnchen gründlich verderben.
Dafür möchte ich Ihnen im Namen meines behandelnden Arztes und natürlich auch persönlich danken.
Ich wünsche Ihnen für heute eine angenehme Nachtruhe, in der Hoffnung auf eine Fortsetzung.
Herr Obermayr | 12.09.2005 18:09Antworten
Hm ... Ideen für einen neuartigen Diätplan spuken mir durchs Gehirn. Danke!
Andreas Horvath | 18.09.2005 01:29Antworten
jetzt sehe ich erst, dass du unter einzelrausch schreibst. toll. die geschichte werde ich mir jetzt zu gemüte führen. nachdem teufel und kotze darin vorkommen. ;-))
liebe grüße


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