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Lektion 4: Hohn und Spott
09.09.2005 12:25
PAUL HALMENSCHLAG
Paul Halmenschlag

Lektion 4: Hohn und Spott

der Aufstand beginnt

Es war der nächste Moment, als ein ohrenbetäubendes Donnern die sonst so ruhigen Felder erschütterte. Verdutzt und dennoch schick sah ich mich um und suchte die Quelle des Knalls zu finden. Die Menschen aber, die sich in meinem Sichtkegel aufhielten, sahen alle mich an und schienen zutiefst erschüttert, wie sie da freudig angeheitert vom Feuerwerk das weit über die Stadt hinaus sichtbar schien zu tuscheln begannen und nach und nach ins Lachen der Kinder einstimmten.

Es dauerte keine Sekunde bis ich erkannte, dass wohl ich der Ausgangspunkt ihres frechen Gespötts war. „Eine wahre Unverschämtheit“, dachte ich mir, „das wird unheilige Konsequenzen haben.“, und war mit meinen Gedanken schon längst bei brutalsten Strafen für die untreuen Untertanen. Mir schwebten zum Beispiel vor: Kitzeln mit Daunenfedern, ununterbrochenes Ignorieren, Kieselsteine auf die vorbeigehenden Spötter von den Bäumen herab werfen wie auch ähnliche Grausamkeiten.

Weiter kam ich nicht, da ich es an der Zeit fand, weiter die Wahrheit des eben passierten zu erforschen. Zum Zweck des Nachdenkens hatte ich es mir zur Gewohnheit werden lassen, immerzu an der Nase zu reiben, die flache Seite des Zeigefingers auf und ab. Das war es auch, was mir an diesem Tag merkwürdig vorkam. Die sonst so männlich rohe und raue Haut glitt glatt unter den balsamierten Fingerspitzen ab wie – wenn ich den Vergleich an dieser Stelle anbringen darf - eine Fliege auf einem dick beschmierten Butterbrot mit Marmelade obendrauf. Interessiert an diesem mir unbekannten Phänomen erhob ich meinen Zeigefinger, in einer ermahnenden Geste, um die inzwischen schallend lachenden Menschen einzuschüchtern und somit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Ich erkannte die kohlrabenschwarze Färbung, die für Zeigefinger so ganz und gar nicht üblich war und ist. Und als ich mich nun auch noch fragte, wo denn mein elfenbeinernes Pfeifchen war und ich dieses zerrissen auf dem Boden liegend fand, weit ab von den kleinen Engeln aus Silber, die einst so elegant um die Tabaköffnung tanzten, wurde mir blitzartig klar: Es war mein Pfeifchen gewesen, die Ursache der Explosion, der Herd des Donners der Schoß des Knalles. Ich kombinierte messerscharf und wusste instinktiv, dass mir wohl ein missbilliger Neider hoch explosiven TNT-Sprengstoff in meinen südamerikanischen Tabak gemischt haben musste. „Oh-la-la, quel dommage!“ rief ich aus und empfand die Worte bereits im Moment ihres Widerhalls in meinem Ohr als ziemlich unangebracht und lächerlich um diesen Moment der Schmach und Schande zu beschreiben. Also fügte ich ein hartes „Fucking dommage!“ hinzu und wartete gespannt die Reaktionen der Menschen ab.

Diese hatten mich aber gar nicht erst gehört, waren sie doch voll und ganz auf ihr Lachen konzentriert, zeigten doch in der Zwischenzeit auch bereits die ersten mit ihren spitzen Zeigefingern auf mich. Mir selbst stand die Schamesröte bestimmt – wenn auch versteckt hinter der Fassade aus Ruß und Teer – mitten im Gesicht und ich wagte es nicht, den in der hinteren Tasche meiner Hose stets griffbereiten Aufklappspiegel aus purem Gold, der überdies mit dem einen oder anderen Edelstein besetzt war, zu öffnen. Ich hielt ihn nur in der Hand und sah ihn traurig an.

Nach etwa ziemlich genau sieben Minuten langem blöd Dastehen und mich auslachen lassen fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Mit einem einzigen Schlag hatte ich meine ganze Macht und Souveränität dem Volk gegenüber verloren. Putsch, würden sie das heute nennen, was mir an diesem so friedlich angebrochenen Sonntag auf den Feldern der Glückseeligkeit angetan worden war. Und mir war sofort auch klar was ich jetzt zu tun hatte.

 

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Wolfgang Obermayr | 13.09.2005 03:25Antworten
Jetzt bin ich aber schon gespannt wie's weitergeht.


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