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Lektion 5: Apollorakete
25.09.2005 12:29
OLAF ZU STEG-FLAGGENHALT
Olaf zu Steg-Flaggenhalt

Lektion 5: Apollorakete

Flussabwärts.

Ich ließ mir die Zornesröte ins Gesicht steigen und schrie gellend: „Auf wessen Schelm geht dieser Frevel? Ich werde euch allen die Ohren lang ziehen!“ Langsam streckte ich meinen rechten Arm nach vorne, wobei ich darauf achten musste, eine leichte Beugung beizubehalten. Ich führte Daumen und Zeigefinger an den Fingerspitzen zusammen und ballte die restlichen Finger. Jetzt hatte ich sie: Die optimale Ohren-Langzieh-Position. Ich kniff böse die Augen zusammen und nahm einen etwas älteren, schlaksigen Herren ins Visier, da ich dachte, mit ihm leichtes Spiel zu haben. Ich stob schnell und majestätisch wie eine Apollorakete nach vorne um Gerechtigkeit zu schaffen, meine Augen gierten in seine Richtung.

Auch sie hatte das Ohrenlangziehfieber oder Ear-Long-Pull-Fever, wie die immer adrett gekleideten Freunde aus England sagen, gepackt. Doch was nun geschah könnte in keinem Splatter-Movie grausamer geschildert werden. Meine rechte Fußspitze fädelte, um in der Schifahrersprache zu sprechen, unter den hohen Absätzen meines Fußes ein, ich schlug der Länge nach recht unsanft auf den harten, von Kieselsteinchen übersäten Weg auf. Eine riesige Menschentraube versammelte sich um mich, auf mich zeigend und lauthals lachend, immer noch und immer mehr. Ich lag weiterhin auf dem Boden und wusste es gab nur noch einen Ausweg: Und so weinte ich bittere Tränen, immer noch meinen Arm nach vorne haltend wohl in der Hoffnung doch noch ein Schelmenohr zu erwischen. Doch auch darin sollte ich heute noch enttäuscht werden.

In der Zwischenzeit hatte der wütende Mob damit begonnen mir die Schnürsenkel zusammenzubinden und mir widerlich-perverse Kritzelein in meinen in Leder geschlagenen Organzier zu schreiben. Auch spitze Bemerkungen wie etwa: „Dienstag Mittag. Die köstliche Tafel wird heute nicht gedeckt.“ Dies schrieben sie geistreich zu jedem Wochentag ein und verzierten das ganze mit kleinen Smilies, die einmal augenzwinkernd grinsten und dann auch wieder ganz schön traurig dreinblickten. Plötzlich hob mich das Gesindel auf und trug mich, wie sonst auch immer, auf ihren Schultern über die Felder. Doch diesmal geschah das ganze ganz gewiss nicht aus Freundlichkeit und Bewunderung. Wer konnte dafür nur verantwortlich sein? Aus welchem Grund geschah das alles? Darf man auf der Autobahn rückwärts fahren wenn man die Verkehrsrichtung beachtet?

Meine Gedanken wurden gestoppt als mich der Pöbel auf den weichen, etwas zu hohen Rasen vor dem alten Flüßlein fallen ließ. „Aua“ sagte ich, obwohl ich keinerlei Schmerzen verspürte. Ich wollte einfach nur das sie von ihrem unglaublich schlechten Gewissen geplagt werden würden. „Haben Sie noch einen letzten Wunsch?“ fragte mich eine nasale Stimme zu der ich mich in meiner neugierigen Art umdrehte. Es war der ältere Herr den ich einst, er nun aber leider mich, peinigen wollte. „Ich werde dir die Ohren lang zieh! Euch allen!“ schrie ich, und empfand diese Provokation schon eine Sekunde später im Gegensatz zu höflich-formalen Entschuldigungen als das dümmste das mir hätte einfallen können. Zwei starke Männer, die offensichtlich hochgradig zurückgeblieben und verhaltensgestört waren, packten mich an den breiten Schultern und zerrten mich zum Fluss, der sich malerisch durch die Landschaft schlängelte und dabei so manchen nur mir bekannten Ort passierte. Sie fesselten mir Arme und Beine mit billiger Kunstseide und warfen mich ohne Ankündigung in den Fluss. Platsch. Zum Glück führte der Bach zu dieser Jahreszeit kaum Wasser und war nicht mehr als ein Rinnsal. Das war meine Chance zu entkommen. Ich rollte mich in Richtung Strömung um die Feldbewohner im Glauben zu lassen die Flut würde mich mit sich mittragen. Unter der kleinen Brücke beendete ich dieses kleine Gerolle schon etwas benommen und wollte die Nacht abwarten, um bei Anbruch der Dunkelheit von diesem Höllenloch zu entkommen.

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Andreas Horvath | 03.10.2005 09:35Antworten
Du wüster Wüterich. Zum Schluß besiegt von einem meuchelnden Mob. Komm halt wieder ins Ländle, da passieren solche Dinge nicht. Do isch halt als no körig. Geall Jürgen, kuscht scho widdr hoam?


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