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Lektion 6: Tiergeräusche
09.10.2005 20:47
PAUL HALMENSCHLAG
Paul Halmenschlag

Lektion 6: Tiergeräusche

Brillenschlangen, Zitterziegen, Stacheligel!

Es war ganz schön ungewohnt für mich, so unter den Menschen zu liegen. Von Natur aus bin ich ja eher ein Herrschertyp. Die Rolle des Unterdrückten steht mir nicht, sagt man. Überhaupt hatte ich mich an ein edles und elegantes Leben in bescheidenem Reichtum gewöhnt, hier an dieser gut einsichtigen Stelle unter der Brücke zu liegen war eindeutig unter meinem Niveau. Ich suchte nach einer geistreichen Beschäftigung, die auf den knapp zwei Quadratmetern uneingeschränkt ausführbar sei. Bald hatte ich die Idee, Tiergeräusche zu imitieren und darauf zu hoffen, dass Passanten mir die Lösung des ihnen so gestellten Rätsels zurufen. Ich miaute, muhte und bellte also was das Zeug hielt, und trotz der Perfektion in meiner Ausführung blieben meine Tierrufe unbeantwortet. Später suchte ich, berühmte Bauwerke der Gotik durch verschiedene Körperhaltungen pantomimisch darzustellen, das Ulmer Münster war gewiss eines meiner liebsten Motive. Aber auch diese Rätsel blieben von den Menschen unbeantwortet.

Dabei passierten den ganzen weiteren Tag über Wanderer und Zirkusleute die Brücke über mir, die meisten von ihnen konnte ich durch die schmalen Ritzen der einzelnen Balken hindurch erkennen, hatte ich doch wenige Stunden zuvor noch innigliche Beziehungen zu den meisten gepflegt. Meine alten Schulfreunde waren zum Klassentreffen in die Felder aufgebrochen, auch den Ausflug des Vereins der Hobbydetektive, in dem ich seit Jahren aktives Mitglied war, schien ich zu verpassen. Sogar mein sonst so menschenscheuer Freund Dr. Salat war ausgerechnet an diesem Tag unterwegs, um ein paar abendliche Sonnenstrahlen zu tanken. Doch konnte ich keinen von ihnen um Hilfe bitten, hätte ich doch diese Schmach nicht ertragen können, in einem solchen Zustand gesehen zu werden. Ich empfand diese Misere in der ich mich stundenlang befand als total unschick und hätte wohl alles dafür gegeben, endlich meinen zwischenzeitlich völlig durchnässten Anzug abzulegen und mich am lauschig wärmenden Feuer eines mit Marmorsteinen gekachelten Kaminofens zu regenerieren.

Vermutlich wäre es auch so weit gekommen, dass ich meinen Körper in seiner gesamten Nacktheit unter der Brücke präsentiert hätte, wäre nicht das rote Blumenmuster als Tarnung inmitten der aufblühenden Landschaft ideal gewesen. Ich muss fast unsichtbar gewirkt haben, die spielenden Kinder begannen gar an meiner Kleidung zu zupfen, auf der Suche nach einem passenden Mitbringsel für ihre Eltern. Natürlich konnte ich ein solches Fehlverhalten nicht dulden, „Brillenschlangen, Zitterziegen, Stacheligel!“ schrie ich lauthals und erhob auch meine Hand in einer drohenden Geste, worauf sie allesamt weinend und total verstört davon liefen.

Auch die Idee mit dem Feuer ließ ich bald wieder fallen, schien mir doch aufsteigender Rauch als recht bedrohlich für das morsche Brückchen, welches die einzige Verbindung zwischen der Stadt und den Feldern darstellte und ich doch trotz meiner schon etwas angekratzten Laune die infrastrukturelle Versorgung der Menschen nicht gefährden wollte. Außerdem war ich mir auch sehr wohl dessen bewusst, dass der verräterisch aufsteigende Rauch wohl Menschen bepackt mit würzigen Bratwürsten und Kartoffeln umwickelt von Alufolie angelockt hätte und mein Versteck somit seine Funktionalität gänzlich verloren hätte.

Mir blieb also nichts als abzuwarten. Völlig gelangweilt abzuwarten. Die Versuche andere Menschen mit einem zeitgleichen Rollen der Augen und einem gestellt entnervten Blick auf meine Lage aufmerksam zu machen und zu Mitgefühl und Hilfeleistungen zu bewegen blieben ebenso unbeantwortet wie meine Ausrufe „Hunger!“ und „Durst!“.

 

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