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Über allen Rüben Ruh
10.10.2005 12:50
G. HUNRUS
G. Hunrus

Über allen Rüben Ruh

Heimat bist du großer Söhne; und noch größerer Rübenköpfe...

Als Heinrich durch die Straßen kreuzte, egal ob Einbahnen vergewaltigend oder rote Ampeln querend, war ihm schlecht. Nicht die gewohnte Übelkeit, wenn er zuviel getrunken hatte, dieser gallige Geschmack, wenn er wieder mal den Tresen vom Beisl angereihert hatte. Auch nicht diese stechende Übelkeit, wenn er dabei noch die Kellnerin erwischt hatte und irgendein Verehrer sich berufen fühlte, ihre Bluse zu rächen.

Dabei war die Elisabeth eh ein nettes Mädel. Die würde sich sicher mehr darüber freuen, wenn einer der Verehrertrotteln ihr beim Aufwischen helfen würde. Oder der Chefin erklären würde, warum sie schon wieder Geld für die Reinigung ihrer Zimmermädchenschürze brauchte.

Warum mussten die Kerle immer ihm eine reindrücken? Warum konnten sie nicht ihr helfen?

In seinen Augen machte das wenig Sinn. Anstatt ihr zur Hand zu gehen, sie zu trösten und mit ihr zu reden, knallten sie ihm eine dick-wulstige Arbeiterfaust in die untere Magengrube. Hätte er nicht gerade davor den Tresen versaut, müsste er sich sicherlich gleich danach auf diese feisten, ausdruckslosen Steckrüben übergeben, die diese Kerle ihre Schädel nannten. Rübenschädel, Rübenköpfe allesamt.

Er hätte sie richtig geliebt, wäre er nicht so voller Zweifel gewesen. Damals, als er noch frischer war. In ihrem Alter etwa. So mit 23, 24 gab er ein ganz passables Bild ab. Nicht zu groß, auch nicht athletisch, ein normaler, durchschnittlicher Typ. Sympathisch durch seine Unauffälligkeit. Er konnte trotzdem gut mit den Kellnerinnen. Den Verkäuferinnen, allen Frauen eben, die er im Alltag so erlebte. Bei der Arbeit traf er selten weibliches Personal, denn er schaufelte Löcher in Wien. Da war er meistens alleine. Manchmal hatte er noch einen Partner, aber auch der war ein Mann. Und sein Chef war eben der Chef. Auch einer der Rübenfraktion. Sollte er seinen Chef einmal in eines der Löcher stecken, würde dieser sicher zu einer prächtigen Steckrübe austreiben. Oder einer fetten Zuckerrübe, die schlierig aufplatzte, wenn man sie aus dem Fenster im fünften Stock fallen ließe. Er wohnte nicht im fünften Stock. Er hatte ein Zimmer, das er im Keller eines Zinshauses im Fünften frei vorgefunden hatte. Miete zahlte er keine, die Besitzer des Hauses kannte er nicht, und sonst wohnte niemand dort. So traf er die meisten Frauen, die ihn interessierten, an deren Arbeitsplätzen, die für ihn wichtig waren. Wie eben im Cafe, an der Bar, manchmal an der Kinokasse, dort schämte er sich aber zu sehr. Er ging meistens in die Nachtvorstellung, und die war - na ja - meist wenig damenfein eben. Die Kassiererinnen an Banken, Lebensmittelläden und Krämer waren seine Ansprechpartnerinnen. Sonst hatte er wenig Kontakt zu Frauen. Eigentlich zu allen Menschen. Er lebte nicht abgeschieden, aber es ergab sich wenig Kontakt zu anderen, so einfach war das. Er war eben ein ruhiger Typ. Aber das schätzten Mädchen wie die Elisabeth. Auch wenn er sie angekotzt hatte. Sie verzieh im das schon. Alle verziehen ihm. Er forderte nicht. Er saß geduldig da und lächelte sie an. Er war da, und manchmal nahm er sich Zeit, und dann er hörte zu. Darauf waren die Rübenschädel eben nie gekommen. Und das irritierte diesen Typus vorsteinzeitlichen Gemüses. Wenn eben jene Frau, die momentan zum Begehrtesten ihrer Triebphantasie auserkoren war, mit einem anderen - in roten Augen schwächeren - Mann redete. Sich dabei nicht von ihnen, den Rüben, die die Straßen beherrschten, an Arsch und Titten anfassen ließ.

Aber jetzt war er alt. Er tat oft so, als höre er zu, aber heute erweckte er mehr die Mütter als die traurigen Töchter. Er tröstete nicht mehr, er ließ sich aushalten. Er war wohl wirklich alt geworden. So beschloss er in seiner Arbeit noch einmal ordentlich anzupacken und sich dann aus dem Geschäft zurück zu ziehen. Er wusste, dass sich sein Chef schon nach einem frischen Gräber umsah.

Heinrich grub sein letztes Loch. Es war an einer guten Stelle für ein Loch. Mitten in Wien. Es hätte der Nabel oder der Arsch der Stadt sein können, je nach freudscher Fixiertheit. Als das Loch die bauplanmäßige Tiefe fast erreicht hatte, hielt er kurz inne. Er spürte, dass er nicht müde war, nicht zerschunden. Seine Hände waren noch nicht heiß wie Wellblech im Hochsommer.

Benommen sah er auf den Boden. Er war geteert.

Er stand mitten auf der Straße, um drei Uhr früh irgendwo in der Innenstadt, er hatte seine Weste ausgezogen und sie über einen Hydranten gehängt. Stand da wie ein kleines, steifes Kind. Seinen Hut hatte er säuberlichst dem Hydrantenkind aufgesetzt und seine Ärmel hochgekrempelt. Er erinnerte sich an die Übelkeit. Der Geschmack war jetzt der der Überraschung. Es rumorte in seinem Bauch, er musste mitten auf der Straße geträumt haben. Er hatte kein Loch gegraben, er hatte sich eingebildet ein Loch zu graben. Mitten in Wien. Hier, direkt auf der Straße.

Das Auto, das ihn erwischte, wollte ausweichen, der vom Schock gebleichte Fahrer heulte den Wachmann an, er wollte wirklich ausweichen. Aber dann hätte er das Kind überfahren, oder den Zwerg, den niemand mehr finden konnte. Die Straße war für drei Uhr nachts gut gefüllt. Überall Rübenköpfe. Speckrüben, Zuckerrüben, Steckrüben. Rüben, Rüben, Rüben.

Und Heinrich lag im Graben unter der Allee, die den Ring hellgrün einrahmte, wenn es Frühling war. Jetzt war Winter, am Friedhof eine Stelle frei, und ein Loch war zu graben.

Wenigstens das musste er sich nicht selber schaufeln. Traurig genug, dass zum Begräbnis nur Menschen kamen, die sowieso dort sein mussten. Einer, der das Loch gräbt und einer, der die Gräber kontrolliert. Sein Leben war schon einfach verlaufen, warum sollte sein Sterben also viel Aufwand bereiten.     

 

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