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Lektion 8: Kinderstars und Galgenvögel
16.01.2006 10:48
PAUL HALMENSCHLAG
Paul Halmenschlag

Lektion 8: Kinderstars und Galgenvögel

Schlechte Taten, gute Vorsätze.

Der plötzliche Lärm der Straße schien mir unerträglich. Aber wen wundert das, waren meine Ohren doch immer noch auf den Lautstärkepegel des Waldes eingestellt, in dem nur das Quaken der Frösche sich mit dem Zirpen der Grillen mischte, und hatten sie nun nicht mehr als einige hundertstel Sekunden, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Die Autos hupten, war ich doch in einer liebherzigen Tollpatschigkeit an einer trottoirlosen Stelle inmitten der Straße stand. Ich mimte Bruce Willis und vertrieb mir eine ganze Weile lang die Zeit damit, immer zwischen den rasenden Fahrzeugen von einer Fahrbahnlinie zur anderen zu springen. Mir kam sofort die Idee, dass man hier eine Art Ratespiel inszenieren könnte, bei der sich Menschen zwischen drei Antwortmöglichkeiten entscheiden und ihrer Wahl entsprechend sich zu einer Spur durchhüpfen müssten, wobei im Hintergrund fetzige Lieder von lustigen Kinderstars zu hören wären, zu der man wahrlich eine heiße Sohle auf den Asphalt legen könnte.

Erst dann fiel es mir auf: Die Autos versuchten mir auszuweichen, sie hupten mir freundlich grüßend zu und wollten mich so auf den mir unterlaufenen Fauxpas, für die Franzosen zwischen Côte d’Azur und Côte d"Opale wohl im wahrsten Sinne des Wortes ein solcher, aufmerksam machen. Sie schienen ungleich den Menschen in den Feldern keinerlei Wut und Boshaftigkeit wider mich zu verspüren. Ich lachte von ganzem Herzen und freute mich wie ein Schneekönig, dass das Feldvolk in seiner blinden Wut wohl darauf vergessen hatte, hier herunten anzurufen und die Nachricht vom neuen Buhmann, nämlich mir zu verbreiten.

Das sah ich als meine Chance an. Ich war mir zwar bewusst darüber, dass meine neu gewonnene Freiheit wohl nicht lange andauern würde, dennoch wog ich mich in Sicherheit, als ich schließlich auf der anderen Seite der Straße stand. Wie ich es gewohnt war hob ich ohne mir auch nur irgend etwas anmerken zu lassen meinen Daumen, und sah neben dem Nützlichen auch das Schöne im smaragdbestückten Goldring, der sich schlangenförmig um meinen Finger schmiegte. Es dauerte nicht lange bis ein Truckerfahrer stehen blieb und mir den Platz an seiner Seite anbot. Ich nahm nickend an und ließ ihn meine Enttäuschung darüber, keine bessere Mitfahrgelegenheit gefunden zu haben ununterbrochen dadurch spüren, dass ich immerzu an den Radioknöpfen rumspielte und schließlich alle Sender neu programmiert hatte. Auf der Suche nach schicker Musik hielt ich vor allem Ausschau nach Red Simpson und Johnny Hill und wollte mich damit von meiner besonders neckischen Seite zeigen. Zudem hielt ich das Funkgerät fest in Händen und brachte den Namen meines Chauffeurs unter Anführungszeichen mit total schlechten Witzen, die ich mit verstellter Stimme über den Äther sandte, in Verruf.

Dieser war nicht nur zu schwach und zu beschäftigt mit dem Lenken des schweren Gefährts, sondern zudem auch noch mit überaus schlechtem Aussehen und einer üblem Körpergeruch bestraft. „Sie werden mit Sicherheit nie ein Supermodel“ bemerkte ich frech, während ich seine Brieftasche filzte. „Und ihre Frau auch nicht“ prustete ich vergnügt, hielt ihm das mir kleinen Herzen verzierte Passfoto welches ich bei meiner Inspektion gefunden hatte unter die Nase und prahlte vor ihm wie schön ich doch im Vergleich zu diesen beiden Galgenvögeln sei. Auf mein Nachfragen erzählte er mir, schon sechs Tage unterwegs zu sein und nun endlich wieder zu seiner geliebten, aber wenig attraktiven Frau und den hungrigen Mäulern der sieben Kinder nach Hause zu kommen. Ich konnte sein elendingliches Gejammer schon nach wenigen Worten nicht mehr ertragen und spitzte meine Finger, formte mit meinem Arm einen Gänsehals und simulierte Gänseschnattern durch stummes Zusammen- und Auseinanderführen meiner gestreckten Finger. Um dem Ausdruck meiner Langeweile noch etwas Nachdruck zu verleihen rümpfte ich zeitgleich die Nase und bewegte auch meinen eigenen Mund stumm auf und zu.

Als ich ausgestiegen war, tat mir der arme alte Mann leid und ich wünschte ich hätte mich und meine zügellosen Finger beherrschen können. Fortan, so beschloss ich damals, wollte ich diesen edlen Menschen stets in meinem Herzen mit mir tragen und in alle meine Gedanken mit einschließen, was auch das Mindeste war, hatte ich doch seine kunstvoll gearbeitetes Lederportmonaie als Entschädigung für diese wenig erfreuliche Fahrt einbehalten. Das hatte ich aber schon wenige Minuten später wieder vollkommen vergessen.

 

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David Sansraison | 26.01.2006 10:01Antworten
:-) was für ein Arsch, weiter so!!!


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