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Der Hundbrand
05.04.2006 12:07
WOLFGANG OBERMAYR
Wolfgang Obermayr

Der Hundbrand

Kurzgeschichte, basierend auf einem Zeitungsartikel von vor gut zwei Jahren.

Am frühen Nachmittag des 26. Oktobers 2004 vernahm ich in meinem Büro ein leises Klopfen an der Tür. Daraufhin trat eine ältere Frau ein, die in Statur und Ausstrahlung einer welken Pflanze ähnelte. Mit kleinen, zögerlichen Schritten, bei denen sie sich schwer auf ihren Gehstock stützte, näherte sie sich dem Stuhl vor meinem Schreibtisch und nahm auf mein Angebot hin Platz.

Einen Augenblick lang saßen wir uns stumm gegenüber, ihre Augen waren niedergeschlagen.

„Ich habe einen Termin.“ flüsterte sie schließlich, mit einer Stimme, die brüchig und weit entfernt klang. Ich musterte sie noch einen Moment - dünne adrige Hände, ein unmerklich zuckender Mundwinkel - bis ich endlich mein Schweigen brach. „Ich weiß. Bitte schildern Sie mir den Grund Ihres Hier seins.“

„Immer wenn ich zuhause bin, habe ich das Gefühl …“, sie brach ab und sah mich verstört an,

„… habe ich das Gefühl, als werde ich beobachtet.“

„Haben Sie eine Ahnung, von wem Sie beobachtet werden?“

Ihr Blick verlor sich wieder in der Ferne, während sie langsam nickte. „Ich weiß es.“

Ich wartete eine Weile bevor ich meine Frage in verkürzter Form wiederholte. „Wer?“

Sie atmete tief ein und das erste Mal erwiderte Sie meinen Blick offen. „Es ist der Pepi, mein verstorbener Hund. Gott habe ihn selig.“

Instinktiv reagierte ich, wie immer in solchen Situationen, gar nicht. Und wie meistens wurde der Patient auch hier ermutigt, fortzufahren. „Er ist gestorben. Vor einem knappen Jahr.“

„Auf welche Weise?“

„Er ist verbrannt. Im Feuer umgekommen.“

Auf meinem Notizblock skizzierte ich einen kleinen Hund, aus dessen Körper Flammen züngelten.

„Es gab einen Hausbrand, wissen Sie. Mein Hund, Gott habe ihn selig, war in der Küche, meine beiden Enkerl und ich waren vor dem Fernseher im Wohnzimmer, wir haben diese Sendung gesehen mit den jungen Sängern …“

„Starmania.“ vermutete ich, die Frau nickte zustimmend. „Genau.“

„Wurde übrigens mittlerweile abgesetzt.“ fügte ich ergänzend hinzu.

„Ach ja? Jedenfalls ist mein Hund irgendwie mit der Pfote an die Einschaltknöpfe von meinem Elektroofen gekommen. Und hat eine Herdplatte eingeschaltet.“

„Ich verstehe.“ meinte ich.

„Meine Enkerl und ich konnten uns Gott sei Dank auf den Balkon flüchten, wo uns dann die Feuerwehr gerettet hat. Aber der Pepi …“

„Ist in den Flammen verbrannt.“ beendet ich ihren Satz. „Und jetzt fühlen Sie sich also von ihm beobachtet?“

Die Frau rückte mit ihrem Stuhl näher an meinen Schreibtisch und setzte eine verschwörerische Miene auf. „Es ist sein Geist. Er verfolgt mich.“

„Was für einen Grund sollte er haben, Sie zu verfolgen?“

Sie sah mich verständnislos an. „Was meinen Sie?“

„Warum ist er nicht im Hundehimmel?“ übersetzte ich ihr meine Frage und zeichnete dem brennenden Hund auf meinem Notizblock einen kleinen Heiligenschein.

„Weiß ich nicht.“ entgegnete die Frau schnippisch. „Dafür sind Sie doch da, oder? Um das herauszufinden, meine ich.“

„Meine Großmutter hatte im Alter auch mit ihren Beinen zu kämpfen.“ wechselte ich mit einem bezeichnenden Blick auf ihren Gehstock das Thema.

„Was hat das jetzt mit meinem Hund zu tun?“ wollte sie wissen, doch ich fuhr, sie ignorierend, fort. „Ich habe eine Zeit lang bei ihr gewohnt. Sie hat gern gekocht, war aber auch sehr vergesslich.“

Bei den nächsten Worten sah ich sie scharf an. „Oft hat sie nach dem Kochen vergessen, die Herdplatte auszuschalten, was ich zum Glück jedes Mal noch rechtzeitig bemerkte. Immer wenn ich sie dann damit konfrontierte, behauptete sie steif und fest, es wäre ein Geist gewesen.“

Die Frau sah mich wortlos an, ihre Lippen bewegten sich langsam. Dann, endlich, zeigte ihr Gesicht eine Regung. „Ich weiß, worauf Sie hinauswollen.“ sagte sie gefährlich leise. „Sie bezichtigen  mich der Lüge! Sie glauben, ich wäre für den Brand verantwortlich und nicht der Pepi!“

Ich war erstaunt über die überaus schnelle Auffassungsgabe der Frau. „Vielleicht ist es Ihnen ja entfallen, die Herdplatte abzustellen und als Sie dann später, nach dem Brand, gefragt wurden, haben Sie einfach gesagt, ohne lange zu überlegen, der Hund wäre es gewesen. Das könnte der Auslöser für jene Schuldgefühle gewesen sein, die Sie nun zu verfolgen scheinen.“

Anstatt zu antworten, anstatt es zuzugeben, mir zu danken und endlich zu gehen, wie ich insgeheim hoffte, begann die Frau heftig zu schluchzen.

„Sie können ja aber nichts dafür, was dem Hund passiert ist. Sie konnten ihn nicht retten.“ fügte ich tröstend hinzu.

„Ich hab ja nicht nachgedacht.“ sagte sie, Tränen in den Augen. „Mit der Angst hab ich’s zu tun gekriegt.“ Ein paar heftige Weinkrämpfe, dann: „Die Verwandtschaft hat mir das auch unterstellt, meine Vergesslichkeit, die Schnüffler, überall schnüffeln Sie neugierig herum!“

Die Frau schluchzt und verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Er war so arm, der Pepi, in dem Feuer. Geschrien hat er, richtig geschrien, nicht gebellt, wie ein Mensch. Er war umzingelt von den Flammen und hat sich nicht herausgetraut. Dann hat er zu brennen angefangen, ein rotes Bündel, wie verrückt ist er herumgerannt, brennend, hat einen Ausweg gesucht, aber da war keiner. Wie ein Mensch.“

Die Augen der Frau waren nass, als sie das Gesicht hob.

„Ich hab ihn hinein geworfen, in das Feuer. Den Enkerln hab ich gesagt, sie sollen geschwind auf den Balkon hinaus, die Feuerwehr kommt gleich. Und dann hab ich ihn genommen und einfach hinein geworfen. Er war ja auch schon 15 Jahre alt, er hätte eh nicht mehr lange gelebt. Aber er war schon arm, der Pepi, wie er gestorben ist.“

Ich musste mehrmals schlucken, um den bitteren Geschmack aus meiner Kehle zu bekommen. Dann räusperte ich mich und fragte: „Also haben Sie vergessen, die Herdplatte abzudrehen?“

„Die Enkerl sind mein Ein und Alles, wissen Sie? Sie wären mich ja nie wieder besuchen gekommen. Ich hab ja nicht nachgedacht. Was hätt’ ich denn tun sollen?“

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David Sansraison | 06.04.2006 18:13Antworten
Gefällt mir sehr gut, dramatisch. Besonders gefällt mir der Erzähler, er hält sich sehr raus, ohne dass er oder die erzählte Geschichte dadurch flach oder gleichgültig wird/wirkt (er könnte Anwalt, Sachwalter, Psychiater oder Sozialarbeiter sein, vielleicht aber auch Versicherungdetektiv).
Zudem fühlt sich die Geschichte irgendwie Krimi mäßig an, ich weiß auch nicht warum, wollte es nur mitteilen.
Und wie häufig bei meinen Kommentaren die spontane Assoziation nach dem Lesen: Die Frau erinnerte mich an die Mutter aus dem Film "Requiem for a dream", auch sehr, sehr traurig.
brny | 06.04.2006 22:49Antworten
sie gibt es viel zu schnell zu, das ist der schwachpunkt. er muss ihr ein wahrheitsserum gegeben haben, oder es fehlen ein paar hundert seiten. sind aber ein paar nette sätze drin.
 David Sansraison | 07.04.2006 08:22Antworten
Das Gefühl, dass der Stoff für eine längere Geschichte reichen würde hatte ich auch, aus Sicht des Mediativ-Bildschirmleser befürworte ich es aber auch, wenn sich jemand kurz und knackig hält.
Vielleicht schickt uns Herr Obermayr ja bald seinen ersten 1220 Seiten Roman "Hundbrand".
wolf | 08.04.2006 02:45Antworten
Danke für die Kommentare!
Ja stimmt eh, ich komme einfach immer viel zu schnell ;)

Aber man könnte auch argumentieren, dass sich die Frau ja mitteilen will, sie will es sich von der Seele reden, es aussprechen. Vielleicht hofft sie, dass sie sich dann nicht mehr vom Geist ihres Hundes beobachtet fühlt, wer weiss. Sie muss nicht ins Verhör genommen werden um die Wahrheit auszuplaudern, sie kam zu dem Treffen um die Wahrheit rauszulassen.
Constantin Göttfert | 10.04.2006 12:57Antworten
ich mag sagen, dass ich das auch mag. die geschichte ließe sich sicher noch weiter ausbauen. herr obermayer, lassen sie uns doch noch länger bangen. ich mag die alte oma.


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