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Lektion 8: Freundschaften und Cappucino
19.05.2006 15:54
OLAF ZU STEG-FLAGGENHALT
Olaf zu Steg-Flaggenhalt

Lektion 8: Freundschaften und Cappucino

Oder: Wie man ein Butterbrot aus einem mit großem Dollarsymbol bedruckten Jutesack stielt.
Zum Glück war ich nur drei Häuserblöcke von meiner Wohnungentfernt. Guter Dinge schlenderte ich fröhlich die Straße entlang, pfiff einefröhliche Weise zu der ich immer ausladende Tanzbewegungen machte. Dabei warfich meine neue Brieftasche stets hoch in die Luft um sie sportlich-eleganthinter meinem Rücken wieder aufzufangen. Als die Geldbörse so durch die Luftwirbelte, spiegelte sich etwas auf den silbernen Nieten wieder, mit der sieübersäht war um möglichst punkig zu wirken. Ich nahm die Geldbörse, hielt sievor meine Augen und versuchte zu erkennen was hinter mir vorging. „Auch dasnoch. Ein Verbrecher.“ Als dieser erkannte, dass ich den Braten schon langegerochen hatte versuchte er sich unauffällig zu verhalten, indem er circa zweiSchritte von mir entfernt an der Wand lehnte und zu einem gesummten Liedchenseine Fingernägel polierte. „Ein widerlicher Mensch“, so kam es mir vor. Dasses sich leibhaftig um einen Verbrecher handeln musste erkannte ich sofort anseiner Kleidung. Er trug ein schwarzweiß gestreiftes Oberteil mit passender und gleich gemusterterweiter Hose, eine Augenbinde und einen Jutesack auf dem Rücken auf dem eingroßes Dollarzeichen mit groben Strichen aufgenäht war. Nun war guter Ratteuer. Zum Glück begann es schon wieder Tag zu werden, und da Ganovenbekanntermaßen den Tag fürchten, hoffte ich ihn auf natürliche Weise wieder loszu werden. Wie ich da stehend jedoch nach etlichen Minuten erkennen musste, wardieses dämonische Teufelsgezücht immun gegen die heilenden Strahlen der Sonne.Ich machte mich also wieder auf und beschleunigte meine Schritte. Logisch, dassich in dieser Situation nicht mehr ans fröhliche Pfeifen und Tanzen dachte.„Hoffentlich treffe ich auf einen ebenso lieben wie hilfsbereiten Wachmeister“,betete ich so bei mir als ich mit schnell schlagendem Herz durch die dunklenGassen der Stadt huschte. Ich hoffte den üblen Schurken an irgendeiner einsamenverlassenen Straße abschütteln zu können.

Ich war wohl schon einige Minuten lang auf der Flucht, alsmir eine gänzlich neue Idee kam und ich ärgerte mich, dass dieser Anfall vonGenialität mich erst jetzt ereilt hatte. Nachdem ich mich umsah und überprüfteob die Luft denn rein war, blieb ich ruckartig stehen, drehte mich auf dereisern beschlagenen Sohle meiner blauweiß gestreiften Nike Schuhe umeinhundertachtzig Grad und stand da, dem Knastbruder Auge in Auge gegenüber.Mir stockte der Atem, dennoch empfand ich gleich eine gewisse Art vonVertrautheit, als ich eine Konversation vom Zaun brach. „Hey ho hey“ flüsterteich und war mir im Klaren drüber dass diese eben beschriebene Sympathie gewissbeidseitig war. Er lächelte mir zu und fragte mich nach der Uhrzeit, undversuchte dabei ungeschickt eine edle Rolex, die er um sein linkes Handgelenkgeschürt trug, hinter der anderen Hand zu verstecken. Vermutlich wollte er nurmöglichst unauffällig wirken. Als ich ihm dennoch die Frage beantwortet hatte,setzte ich fort. „Du solltest wissen, Boy, dass wir gewiss aus dem gleichenHolz geschnitzt sind“, und seine Augen funkelten als ich meine Beute in dieLuft haltend und auf texanische Art jauchzend mich einige Male im Kreis drehte.Ich hatte sofort seinen Respekt gewonnen und all die Angst der vorigen Momenteschien wie verflogen.

Glücklich gingen wir ins nahe gelegene Cafe Perlstein, hatten wir dochbeschlossen, uns besser kennen zu lernen und empfanden wir offenbar auch einegewisse physische Anziehung von unseren muskelbepackten Körpern ausgehen. Jedenfalls saßenwir uns dort stundenlang gegenüber und lächelten immer wieder respektvoll,vertieft in die Räubergeschichten aus der Vergangenheit des jeweils anderen: Mein Repertoire an Räubergeschichte umfasste zwar leider nur eine einzige. Ich wurde jedochnicht müde sie immer und immer wieder zu erzählen und fügte bei jedem mal einhalsbrecherisches und waghalsiges Detail dazu um mich interessant zu machen.Und es passierte nicht selten, dass wir just im selben Moment das selbe Wortaussprachen. Dann lachten wir wieder brüderlich im Chor und verknoteten unserekleinen Finger um uns mit geschlossenen Augen einen Wunsch zu erfüllen. Leidermachte ich immer wieder den Fehler, meinen Wunsch gleich im Anschluss zuverraten und verhinderte somit die Rückkehr von Glück und Reichtum und etwas später dem Regen von Fischen und iPods, was ich mir als ziemlich abgefahren vorgestellt hatte.

Es war ein wunderschöner Vormittag, und ich fühlte, einenmir ähnlichen Metamenschen gefunden zu haben. Seine Rohheit und Brutalität,seine Plumpheit und seine wurstähnlichen Finger übten eine bezaubernde Wirkungauf mich auf, und er konnte meine Komplimente in diese Richtung nur erwidern.

Ach, ich war ein super Dieb. Davon war ich überzeugt undich begann meine eigenen Lügengeschichten selbst zu glauben. Ich musste jalügen, hatte ich doch noch nie in meinem bescheidenen Leben den Trieb verspürt,anderen Menschen Schaden zuzufügen. Als mein neuer Freund jedenfalls kurz auf der Toilette war, gelang es mir sogar, eine mit Butterbestrichene Brezel, die er offenbar als Wegzehrung bei sich trug, aus seinemJutesack zu stehlen, und als ich ihm bei seiner Rückkehr stolz meine Beutezeigte, war er total beeindruckt von meinen langen Fingern und er bat mich,sein Anführer zu werden. Er meinte, wir sollten uns zusammentun, damit der einezum Beispiel Schmiere stehen kann, während der andere etwas verbotenesanstellt, oder damit zum Beispiel der eine einer vor Angst schreienden Geiselden Mund zuhalten kann, während der andere eine Drohung übers Telefon äußert.Natürlich war mir sofort ersichtlich, wie praktisch eine solcheArbeitsgemeinschaft wäre, die man dann auch auf einer zwischenmenschlichenEbene ausbauen könnte. Dennoch musste ich absagen, weil ich meine anderenProbleme trotz des leckren Cappuccinos und der noblen Unterhaltung beikalorienarmem Streuselkuchen nicht hatte vergessen können.

Die Drehtür des Cafes rotierte leise, als ich peinlich berührt den in Tränen ausgebrochenen Freund alleine imCafe sitzen ließ, ohne zu bezahlen, um den Eindruck meiner Illegalität noch einletztes Mal zu unterstreichen.

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David Sansraison | 12.07.2006 17:40Antworten
Lustige Geschichte.


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