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Kein_Titel
17.07.2006 17:52
CAROLA KILGA
Carola Kilga

Kein_Titel

Nach langer Abstinenz mal wieder ein kleiner Beitrag. Nicht unbedingt repräsentativ für mein momentanes "Schaffen". Aber mej. Wollte eben "re" sagen ;)
Franziska macht die Tür zur Wohnküche auf und sieht gerade noch, wie der Vater das Wort, das halb aus seinem Mund hängt, wieder einsaugt und schluckt. Die Katze läuft an Franziska vorbei zum Vater und miaut. Der Vater streichelt umständlich das Tier zu seinen Füßen, und die Mutter blickt Franziska an, versucht ein Lächeln mit einer Selbstbeherrschung, die ein Jahr Leben kostet. Mindestens.

Franziska bleibt im Türrahmen stehen. Die Mutter holt Luft um etwas zu sagen, das die Welt verändert, aber es fällt ihr nichts ein.

„Ja, was ist denn mit dir“, sagt der Vater zur Katze, die ihren Kopf an seinem Bein reibt. Nun reckt auch die Mutter den Hals, um die Katze sehen zu können.
„Hunger wird sie haben“, meint die Mutter.
„Ja, das wird es sein“, sagt der Vater.

Die Wohnküche ist still, der Teppich dämpft alle Geräusche, die dunkle Deckentäfelung erdrückt den Rest. Dennoch glaubt Franziska einen Widerhall zu hören.Wie in einem langen, hohen Gang, in dem gerade noch jemand gegellt hat.

„Du frisst uns noch die Haare vom Kopf, du.“ Immer noch reden die Eltern zur Katze. Die Katze läuft ein paar Schritte Richtung Kühlschrank, macht kehrt und reibt ihren Kopf wieder am Bein des Vaters. Die Eltern versuchen darüber zu lachen, sie wackeln vor den Augen der Katze mit ihren Fingern, machen „psss, psss, psss“.

„Frag doch die Franziska, die gibt dir vielleicht etwas Feines“, schlägt die Mutter der Katze vor. Die Katze miaut. Franziska sieht jetzt auch die Katze an. Der Vater steht vom Tisch auf, er ist groß und dreht Franziska den Rücken zu. Der Vater macht eine Geste, die Mutter tut, als hätte sie nichts gesehen, nickt aber doch.

„Brave Katze“, sagt der Vater und tätschelt der Katze den Kopf. Dann dreht er sich um, hustet in seine Faust, drückt sich an Franziska vorbei durch die Tür. Franziska sieht auf den Boden.

„Na“, sagt die Mutter und geht zum Kühlschrank. Sie nimmt eine Dose Katzenfutter heraus und sucht in einer Schublade nach dem Dosenöffner. Franziska geht zum Tisch und setzt sich auf einen Stuhl.

Die Katze riecht ihr Futter und ist ganz aufgeregt. Sie miaut lauter. Sie klingt, als ob ihr etwas weh tun würde.

„Wie war’s?“ fragt die Mutter und öffnet die Dose.

„Geht“, sagt Franziska. Sie steht auf, geht zum Radio und schaltet es ein. Ein Schlager.

„Da, jetzt“, beschwichtigt die Mutter die jammernde Katze und schüttet das Futter in den Napf. Die Katze schlingt große Happen hinunter. Die Mutter wäscht die Dose aus.

Über dem Radio der Gotteswinkel. Franziska dreht sich weg. Die Nachrichten kommen.

Eine Tür geht einen Stock tiefer. Der Vater.

Franziska legt sich auf das Kanapee. Wenn sie sich zusammenrollt, reicht ihr eine einzige Ecke zum Schlafen. Aber auch ausgestreckt braucht sie nicht viel mehr.

Die Nachrichten sind vorbei. Wieder ein Schlager. Franziska drückt ihr Gesicht in das Kopfpolster. Sie wünscht sich, dass es heute früher Nacht wird.

Die Katze ist satt und putzt sich. Die Mutter lehnt an der Spüle und raucht eine Zigarette. Sie sieht aus dem Fenster, hin zum Wald. Sie murmelt vor sich hin.

Franziska hebt den Kopf und sieht zum Radio. Lauter, denkt sie.

Wieder geht die Tür. Schritte auf der Treppe. Der Vater kommt ins Zimmer. „Ja, was ist denn mit dir“, sagt er. Dann fängt die Katze an zu schnurren.„Ja, fein“, sagt der Vater.

Franziska schließt die Augen, mit den Füßen angelt sie nach der Wolldecke, die zusammengefaltet am anderen Ende des Kanapees liegt.

„Ich finde das Dings nicht“, sagt der Vater. „Was?“ fragt die Mutter. „Komm mit“, sagt der Vater.

Die Eltern machen die Tür hinter sich zu.

Die Katze würgt ein Fellknäuel heraus.

Franziska stellt sich vor, es sei Nacht.
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David Sansraison | 18.07.2006 18:22Antworten
"Silent anger, the cornerstone of every successful marriage." (Seymour Skinner, The Simpsons)

Eine sehr schöne Schilderung des psychischen Drucks, der täglich in tausenden Haushalten auf Katzen ausgeübt wird.


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